Holger Marcks / Felix Zimmermann: Zurück nach vorn. Ein sozial-republikanisches Panorama Rolle rückwärts
Sachliteratur
Als ich die drei knappen „Panorama“-Bände vom Alibri-Verlag zugesandt bekam, hatte ich mir wirklich fest vorgenommen, sie einer fairen – also differenzierten – Kritik zu unterziehen, um zumindest eine Debatte einzugehen.

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Buchcover.
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Der gestochene Schreibstil kann am ehesten als cringe bezeichnet werden. Wen das darin triefende Geschwafel beeindrucken soll, ist mir leider auch nach der Lektüre nicht klar geworden. Dahinter steht ein durchweg elitäres Selbstverständnis, das die im Buch wiederholt verwendete Unterstellung karikiert, die Anhänger einer „Neolinken“ wären alles privilegierte Bürger-Kinder. Zudem fordern sie mit dem Konzept des „Sozialrepublikanismus“ ja gerade eine Bezugnahme auf das Bürgertum ein – was konsequenterweise auch die politischen Formen des bürgerlichen Staates beinhaltet.
Letztendlich stellt das Panorama einen traurigen Versuch dar, von der eigenen Verbürgerlichung des Sozialwissenschaftlers und des Historikers abzulenken, indem sie auf ein Zerrbild der gesellschaftlichen Linken eindreschen, das sie selbst skizzieren und das kaum etwas mit der Realität zu tun hat. Was den inkonsistenten und widersprüchlichen Argumentationsgang ihrer Überlegungen zu einem Sozialrepublikanismus zusammenhält sind im Wesentlichen die Selbstüberschätzung und grenzenlose Arroganz gekränkter männlicher Egos. Inhaltlich bleibt nicht viel dazu zu sagen, wenn es etwa darum geht, mit welchem Unverständnis sie meinen, „Identitätspolitik“ zu kritisieren. Die Autoren wenden sich gegen grundlegende Errungenschaften emanzipatorischer Bewegungen, etwa hinsichtlich queerer, feministischer, antirassistischer und postkolonialer Anliegen. Ferner nehmen sie fälschlicherweise an, dass die von ihnen süffisant vorgebrachte Kritikpunkte, zum Beispiel in Bezug auf „Präfiguration“, „Freiräume“ oder „Insurrektionalismus“, nicht kontinuierlich ohne sie diskutiert werden würden.
Die in den „Erzählungen“ Skizze soll offenbar motivieren, eine Demokratisierung verschiedener gesellschaftlicher Sphären zu betreiben. Vom Sozialkonstruktivismus ausgehend soll mit Sozialtechnologien eine irgendwie Chancen-gleiche bürgerliche Gesellschaft gebaut werden, die dem Strukturbedarf und Verfügungsvorstellungen der Autoren entspricht. An Debatten in sozialen Bewegungen schliesst diese Kopfgeburt nicht an – und ist insofern für jene irrelevant.
Auch hierbei stellt sich wirklich die Frage, wen die Autoren sich eigentlich mit ihren Bänden adressieren: Die vermeintliche „Neolinke“ kann es ja nicht sein. Denn mit dem Buch wird kein Gespräch mit Menschen eröffnet, wenn man sie permanent beleidigt und sich über sie lustig macht. Die traditionelle Linke ist aber entweder tot oder dann doch eher an Marx geschult, den die Autoren ebenfalls verwerfen. Gestandene linke Sozialdemokrat*innen innerhalb der SPD, Linkspartei oder Mehrheitsgewerkschaften würden sich wohl auch eher über den elitären Stil wundern.
Damit bleibt eventuell nur ein ziemlich kleiner Kreis ihrer potenziellen Anhänger unter Basisgewerkschaftlern, die sich ebenso von links-emanzipatorischen Diskursen abgehängt und von der gesellschaftlichen Komplexität überfordert fühlen … Experten, die aus einer linksradikalen Umgebung stammen und dann in den Staatsdienst gehen, haben es vor allem dann nicht leicht, wenn sie von Führungsansprüchen nicht loslassen können, mit denen sie in Szenekreisen früher verständlicherweise gescheitert sind. Das mag dann zu Produkten wie dem Vorliegenden führen, mit denen keine Lesenden angesprochen und überzeugt werden sollen, sondern nur intellektuelle Nabelschau betrieben wird.
Holger Marcks / Felix Zimmermann: Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama. Alibri 2025. 80 Seiten. ca. 9.00 SFr. ISBN: 978-3865694362.
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