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Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch

Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch Marcuse und anarchistische Anti-Politik

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Sachliteratur

Wie es die Fährte der Anti-Politik so wollte, landete ich – für mich etwas überraschend – wieder einmal bei Herbert Marcuse und seinem 1964 zuerst im Original veröffentlichten Buch Der eindimensionale Mensch.

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Datum 10. August 2026
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Die Vermutung ist, dass Anti-Politik unter anderem als Reaktion auf durch technologische Entwicklungen durchgesetzte Totalität von Produktionsweisen, Verwertungszusammenhängen und Warenform zu verstehen ist. Diese geht auch mit der Ausweitung der Bürokratisierung einher und so bestehen getaktete Produktionsabläufe, die Durchstrukturierung aller Lebensbereiche und die Saturierung durch immer weitere Konsumprodukte parallel zur unbegreiflichen Absurdität der Drohung eines plötzlichen Endes der Gesellschaft durch die atomare Bedrohung. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Marcuse – in Anlehnung an Marx und Heidegger – die Dimension der Entfremdung thematisiert.

Die Situation westlicher Industriegesellschaften auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges lässt sich nicht ohne weiteres auf den Kontext 50, 60 Jahre später übertragen. Die Situation spielt vor der ersten Ölpreiskrise 1973, vor der Durchsetzung des Neoliberalismus, dem Abbau des Sozialstaates und der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, vor der Ersetzung der bipolaren durch eine multipolare Weltordnung, sowie vor der Entwicklung des Internets. All diese Faktoren kennzeichnen die spezifische Form zeitgenössischer Gesellschaften und fordern deren Existenz grundlegend heraus.

Statt für abgesicherte, vorgezeichnete und durchstrukturierte Lebensläufe für die meisten Menschen der westlichen Industriestaaten, finden wir zunehmend prekäre Lebensverhältnisse, zerstückelte Biografien, zusammenbrechende öffentliche Institutionen, Militarisierung und Faschisierung vor. Die atomare Bedrohung war nie weg, doch selbst daran haben sich Menschen gewöhnt. Die menschengemachte Klimaerwärmung hat dagegen einem grossen Teil der Menschen schmerzlich ins Bewusstsein gerufen, dass der fossile Kapitalismus unweigerlich transformiert werden muss.
Meiner Interpretation nach war unter anderem die Hippie-Bewegung insofern anti-politisch, als das sie die Totalität des Kapitalismus, die technokratische Regierung und die konformistische Lebensperspektive ablehnte und durchkreuzte. Anti-Politik bedeutete Verweigerung und Aussteigen, direkte Aktion und Provokation, Gegenkultur und gewollte Verunsicherung. Es bedeutete auch grundlegende Ablehnung des Atom-Staates und des Imperialismus. Auch wenn sich dies auf den Kontext des kapitalistischen Staates des „Westens“ bezieht, kann dies möglicherweise auch für den staatlichen Kapitalismus der Ostblock-Staaten bezogen werden…

Doch um auf Marcuse zurückzukommen: Interessant im Absatz ist seine Beschreibung der Notwendigkeit der Weiterentwicklung von kritischer Theorie. Denn die Theorie selbst wurde kolonialisiert und positivistisch den Erfordernissen der fortgeschrittenen Industriegesellschaft unterworfen. Ihren gesellschaftskritischen und normativen Gehalt verlor sie und damit auch ihre Perspektive auf die Transzendierung – also Überwindung – der bestehenden Gesellschaftsform. Das Andere zu denken, fiel somit immer schwerer, denn – so schreibt er – die Kategorien hergebrachter Gesellschaftstheorie und -kritik sind von Denkmustern bestimmt, die dem 19. Jahrhundert entstammen. Unter grundlegend veränderten gesellschaftlichen Bedingungen müssen sie überdacht werden.

Dabei sind die Sphären, welche der staatlich-kapitalistischen Herrschaftsordnung gegenüber gestellt werden könnten, nicht verschwunden: „Gesellschaft“, „Klasse“, „Familie“, „Individuum“. Doch sie sind eingehegt und damit nicht mehr als antagonistische Kategorien brauchbar. Beziehungsweise nicht mehr ohne Weiteres. Meiner Ansicht nach steht das anarchistische Denken für die Suche nach anti-politischen Sphären in Bezug, auf denen sich ein Streben nach Autonomie entwickeln lassen kann. Die damit verbundenen Möglichkeiten sind nicht weg, sondern verschleiert, verborgen, verschollen, also zu entdecken und zu entwerfen. – Ich meine, das Marcuses Denken in dieser Hinsicht einer anarchistischen Intention folgt.

Der Einhegung, Kommodifizierung, „Rekuperation“ zum Trotz lassen sich Gegenpole zum Bestehenden finden – nur nicht unbedingt in der Opposition, sondern eher in der Subversion, untergründig, in den Zwischenräumen. Anarchistische Anti-Politik ist die Voraussetzung das Andere zu denken, was die Bedingung ist, emanzipatorische Prozesse zu initiieren.

Aus der Textpassage im Vorwort des Buches:

Gegenüber dem totalen Charakter der Errungenschaften der fortgeschrittenen Industriegesellschaft gebricht es der kritischen Theorie an einer rationalen Grundlage zum Transzendieren dieser Gesellschaft. Dieses Vakuum entleert die theoretische Struktur selbst, weil die Kategorien einer kritischen Theorie der Gesellschaft während einer Periode entwickelt wurden, in der sich das Bedürfnis nach Weigerung und Subversion im Handeln wirksamer sozialer Kräfte verkörperte. Diese Kategorien waren wesentlich negative und oppositionelle Begriffe, welche die realen Widersprüche der europäischen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts bestimmten, Die Kategorie ‚Gesellschaft' selbst drückte den akuten Konflikt zwischen der sozialen und politischen Sphäre aus – die Gesellschaft als antagonistisch gegenüber dem Staat. Entsprechend bezeichneten Begriffe wie ‚Individuum', ‚Klasse', ‚privat', ‚Familie' Sphären und Kräfte, die in die etablierten Verhältnisse noch nicht integriert waren – Sphären von Spannungen und Widerspruch. Mit der zunehmenden Integration der Industriegesellschaft verlieren diese Kategorien ihren kritischen Inhalt und tendieren dazu, deskriptive, trügerische oder operationelle Termini zu werden.

Ein Versuch, die kritische Intention dieser Kategorien wiederzuerlangen und zu verstehen, wie diese Intention durch de gesellschaftliche Wirklichkeit entwertet wurde, erscheint von Anbeginn als Rückfall von einer mit der geschichtlichen Praxis verbundenen Theorie in abstraktes, spekulatives Denken: von der Kritik der politischen Ökonomie zur Philosophie. Dieser ideologische Charakter der Kritik ergibt sich auf der Tatsache, dass die Analyse gezwungen ist, von einer Position ‚ausserhalb' der positiven wie der negativen, der produktiven wie der destruktiven Tendenzen in der Gesellschaft auszugehen. Die moderne Industriegesellschaft ist die durchgehende Identität dieser Gegensätze – es geht ums Ganze. Zugleich kann die Stellung der Theorie nicht eine blosser Spekulation sein. Sie muss insofern eine historische Stellung sein, als sie in den Fähigkeiten der gegebenen Gesellschaft begründet sein muss.

Diese zweideutige Situation schliesst eine noch grundlegendere Zweideutigkeit ein. Der Eindimensionale Mensch wird durchweg zwischen zwei einander widersprechenden Hypothesen schwanken: 1. dass die fortgeschrittene Industriegesellschaft imstande ist, eine qualitative Änderung für die absehbare Zukunft zu unterbinden; 2. dass Kräfte und Tendenzen vorhanden sind, die diese Eindämmung durchbrechen und die Gesellschaft sprengen können. Ich glaube nicht, dass eine klare Antwort gegeben werden kann. Beide Tendenzen bestehen nebeneinander – und sogar die eine in der anderen. Die erste Tendenz ist die herrschende, und alle Vorbedingungen eines Umschwungs, die es geben mag, werden benutzt, ihn zu verhindern. Vielleicht kann ein Unglück die Lage ändern, aber solange nicht die Anerkennung dessen, was getan und was verhindert wird, das Bewusstsein und Verhalten des Menschen umwälzt, wird nicht einmal eine Katastrophe die Änderung herbeiführen. Marcuse 1970: 16/17
Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Dietrich zu Klampen 2014. 296 Seiten. ca. SFr. 30.00. ISBN: 978-3-86674-239-09.

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