Hendrik Wallat: Das Progressive Ticket Mindblowing. Endlich denkt mal jemand.

Sachliteratur

Ich kann es nicht anders ausdrücken: Endlich denkt mal wieder jemand. Hendrik Wallat, dessen Buch Fundamente der Subversion.

Hendrik Wallat: Das Progressive Ticket
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Hendrik Wallat: Das Progressive Ticket Foto: Mario Sixtus (CC-BY-NC-SA 2.0 cropped)

30. August 2023
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Korrektur
Über die Grundlagen materialistischer Herrschaftskritik (2015) ich schon sehr begeistert gelesen habe, hat schon letzten September eine Intervention in zeitgenössische Debatten verfasst, welche ich unbedingt weiter empfehlen kann.

Es wirkt, als würde der Autor selbst mit der Verzweiflung über die erschreckende Verblödung seiner Zeitgenoss*innen ringen, welche fälschlicherweise glauben zu denken, wenn sie denken.

Das differenzierte Denken Wallats führt ihn zu plausiblen Positionierungen, welche sich offenbar mittlerweile kaum mehr jemand traut einzunehmen. So gilt es die Tatsache auszusprechen, dass mittels der Pandemie-Regulierung ein neuer und tiefgreifender Zugriff auf staatsbürgerliche Subjekte erfolgte und damit Teile der Linken zum Konformismus getrieben wurden – und dies mit der Annahme, jeglichen Protest und sogar Klassenkämpfe im eigentlichen, unregulierten Sinne, als „konformistische Revolte“ abtun zu können.

Zwei Punkte gibt es, an denen ich dem Autoren widersprechen: Zum Einen würde ich trotzdem das russische Regime als faschistisch bezeichnen. Dies ist keine unzulässige Gleichsetzung mit dem deutschen Nationalsozialismus, sondern eine ideengeschichtliche Verortung der ideologischen Tradition und Klassifizierung verschiedener Herrschaftstypen. – Dahingehend verwenden wir leicht unterschiedliche Begriffe, über die es sich zu streiten gilt.

Zweiten kann und will ich mich nicht mit der „negationistischen Anti-Macht“ zufrieden geben, welche Wallat als emanzipatorische, aber im Grunde genommen unmögliche, Position markiert. Ich kann seine Argumentation absolut nachvollziehen. Stattdessen meine ich, dass wir es uns nicht mehr leisten können in der Negation zu verharren, sondern uns (zunächst gedanklich) am Meta-Narrativ des libertären Sozialismus orientieren sollten – nicht als intellektuelle Kopfgeburt oder strategisches Möchtegern-Konzept ohne reale Basis, sondern aus Diskussionsprozessen und Erfahrungen in sozialen Bewegungen hervorgehend.

Dennoch kann ich den Text nur wärmstens empfehlen. Vielleicht lässt sich Hendrik Wallat ja auch einladen, von seinem Linkssein Abstand zu nehmen und anarchistisch zu werden. Dazu hätte er jedenfalls allen Grund. Unten folgen noch einige Zitate als mein Best-Off aus der Schrift:

„Wer tatsächlich glaubt, dass elementarer Klassenkampf irgendetwas mit der Organisation von angemeldeten Demonstrationen mit politisch korrekten Slogans zu tun hat, hat von Wesen und Dynamik sozialer Proteste ein ebenso deutsch-bürokratisches wie verschwörungstheoretisches Bild, welches am Ende stets so lächerlich wie staatstragend ausfällt. Dass die Linke mittlerweile Angst vor dem Klassenkampf hat, sagt alles. Wenn es nur noch konformistische Rebellionen gibt in deren Schilde potenzierte soziale und politisch Regression geführt wird, und man daraus schliesst, dass man das herrschende System gegen die ‚Strasse' verteidigen muss, dann ist das in einem das Resultat desaatröer linker Politik wie ihr kompletter Offenbarungseid. Am Ende wird man, wie schon in der Corona-Politik, zum willfährigen Handlanger des Staates, der sich über die Schützenhilfe freuen darf.“

„Was im Zuge der Corona-Pandemie an neuen sozialen Massstäben, staatlichen Herrschaftstehcniken und rechtlichen Dammbrüchen in einer wilden wie brutalen Attacke insbesondere den westlichen Gesellschaften mit einem Restbestand bürgerlicher Zivilisation durch die herrschende Politik aufgezwungen wurde, läutet ein neues Zeitalter der Herrschaft ein, die danach trachtet, sich technisch zu perfektionieren. Diese Attacke, die auf die Seelen der Menschen selbst zielt, war recht erfolgreich und hat eine historisch neuartige Verwüstung hinterlassen, deren Kennzeichen es ist, dass von nun zwei verschiedene Wirklichkeiten existieren, die in jeder Hinsicht fundamental von einander getrennt sind: eine dominante Wirklichkeit, in der sich die neuen Paradigmen der Hrrschaft und ihre Technologien ungehemmt entfalten, und eine mit allen Mitteln von der Herrschaft bekämpfte Wirklichkeit eines Lebens, das sich der Techno-Herrschaft des Zombie-Kapitalismus zu entziehen gedenkt.“

„Das Zerschellen der Prinzipien und Mittel der negationistischen Anti-Macht an der Wirklichkeit ist ihre wiederkehrende Erfahrung mit dieser, welches sie aber, anders als ihre Anpassung an diese, nicht selbstzerstört, sondern, das ist ihre einzige Hoffnung, in und durch ihre Machtlosigkeit die Macht, wenigstens auf lange Sicht, dennoch subvertiert und sabotiert. Prämien werden für eine solche Praxis nicht ausgezahlt; in die Geschichtsbücher führt sie allenfalls als Beispiel für historische Niederlagen.“

„Im Grunde war der einstigen Friedensbewegung noch nie recht über den Weg zu trauen gewesen, da sie immer schon dazu diente, den anti-emanzipatorischen, auf totale Herrschaft zielenden Charakter des östlichen Staatssozialismus zu maskieren. Und wer in der Gegenwart Sympathien für das Putin-Regime, und leite sie sich auch verquer-antifaschistisch aus der Dankbarkeit für den Beitrag der Roten Armee für den Sieg über den Nationalsozialismus ab, ist vollends von allen guten Geistern verlassen und unfähig zu jeder historischen Erfarhung – womit er freilich nicht alleine dasteht. Geschichtsideologien und -mythen aus der Vergangenheit leite auf allen Seiten die Interprettionen der Gegenwart und dienen zur Rechtfertigung der jeweiligen Politik. Der Text steht hier zum Download bereit.

Jonathan Eibisch

Hendrik Wallat: Das Progressive Ticket. 2023.