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Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“

Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“ Erinnerung an die spanische Revolution vor 80 Jahren

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Sachliteratur

Ein Buch und eine Filmreihe geben einen Einblick und benennen auch die Widersprüche.

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Datum 21. Juli 2026
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Am 19. Juli 1936 begann in Spanien der rechte Militärputsch gegen eine linke Volksfrontregierung, der den Bürgerkrieg auslöste, in den das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien aufseiten der Putschisten eingriffen. Das ist die offizielle Erzählung über das, was sich vor 90 Jahren in Spanien zugetragen hat. „Was heisst Bürgerkrieg, für mich war es die Spanische Revolution“, sagte Heinrich Friederitzky, der sich als Anarchosyndikalist am Kampf in Spanien beteiligt hatte. Er gehört zu den 12 Anarchosyndikalist*innen, die in dem kürzlich im Verlag Edition AV veröffentlichten Buch „grosse schöne unvergessliche Tage“ natürlich pünktlich zum 90-Jahrestag erschienen ist.

Er gehörte zu den 12 Zeitzeug*innen, die zwischen 1936 – 1936 die spanische Revolution vor Ort erlebten, einige als Kämpfer*innen, andere als Journalist*innen oder deutsche Emigrant*innen, die im anarchosyndikalistischen Teil Spaniens dabei helfen wollten, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Dazu gehörte Etta Federn, die mit ihren jugendlichen Söhnen in Barcelona lebte. Die ehemalige Pazifistin wurde in dieser Zeit zur Befürworterin des bewaffneten Kampfes, und nicht 1940 beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Frankreich, wie es in dem Buch auf Seite 74 heisst.

Schliesslich wird Federn auf Seite 53 mit einem etwas verstörenden Bekenntnis aus dem Jahr 1936 zitiert: „Ich werde wohl demnächst meinen grossen Sohn herausschicken müssen, er hat sich als Freiwilliger gemeldet und bei diesem Krieg bin ich natürlich nicht Pazifistin und kann es nicht sein“ (S.53). Wenige Zeilen weiter bekräftigt Federn noch mal, wie sehr sie unterstützt, dass ihr jugendlicher Sohn auf Seiten der anarchosyndikalistischen Milizen mit der Waffe kämpfen will.
„Ich freue mich sogar, dass er selbst gehen will. Er fängt an zu verstehen, was die Bewegung bedeutet, denn er sieht, was sie leistet. Der Kleine, der übrigens mit seinen 14 Jahren viel grösser ist als ich.“ (S. 53). Ein 14-jähriger, der mit einer Waffe kämpft? Heute kommt uns sofort der Begriff des Kindersoldaten in den Sinn. Doch vom Wuppertaler Anarchosyndikalisten Fritz Brenner erfahren wir, dass es noch viel jüngere Kämpfer*innen gegeben hat. „Knirpse von zehn, elf Jahren hatten schon Uniform“ (S. 53), konnte er beobachten.

Und der deutsche Schriftsteller Carl Einstein, der Mitte der 1930er Jahre zum entschiedenen Befürworter des Anarchosyndikalismus geworden war, schrieb 1937: „Die Landproletarier und Kleinbauern, die zu uns stiessen, sind Brüder und Söhne der dort Unterdrückten. Sie schauen in ihre Dörfer hinüber. Viele ihrer Angehörigen, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern wurden von den Faschisten ermordet. ... Die Bauern blicken hoffend und grollend nach der Ebene, in ihre Dörfer hinein. Doch sie kämpfen nicht um Weiler und Besitz, sie streiten für die Freiheit aller. Knaben, fast noch Kinder flüchteten zu uns, Waisen, deren Eltern ermordet wurden. Diese Kinder kämpfen an unserer Seite. Sie reden wenig, haben aber viel begriffen“ (S. 51).

Hier zeigt sich, dass die Realität auch im anarchosyndikalistischen Spanien nicht so war, wie sich das heute manche im kapitalistischen Hinterland heute gerne vorstellen. Einstein macht sehr deutlich, dass diese Kinder und Jugendlichen, die hier mit der Waffe kämpften, nicht zwangsrekrutiert waren. Es war die brutale Realität der spanischen Gesellschaft unter der Knute von Klerus und Feudalwesen, die sie zu den Waffen trieben. Welche Alternative hatten sie auch, wenn ihre Dörfer von Falangisten gestürmt, ihre Eltern und Verwandten ermordet worden und sie durch die Flucht in die von der Reaktion befreiten Gebiete ihr Leben retten konnten?

Kindersoldaten oder junge Kämpfer*innen für eine andere Welt?

Diese Beobachtungen vor 90 Jahren sollten uns auch nachdenklich machen, wenn wir heute von Ländern des globalen Südens hören, in denen es bewaffneten Widerstand gibt, an dem auch Jugendliche beteiligt sind. Mit den aus den UN-Bürokratien entlehnten Begriffen von den Kindersoldaten wird wenig über die Lebensrealität erklärt, die schon in jungen Jahren erleben mussten, wie ihre Angehörigen, Eltern und Freund*innen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Ihnen wurde das Recht auf Bildung und eine unbeschwerte Kindheit genommen. Wer soll darüber richten, wenn sie sich gegen die Verantwortlichen für diese Zustände erhoben haben, auch mit Waffen? Wer will vor allen beurteilen, ob diese Menschen noch zu jung dafür seien?

Gut, dass diese Passagen in dem Buch unkommentiert stehen geblieben sind. Sie sollen die Leser*innen auch verstören und auf die „extremen Widersprüche und Spannungen“ (S. 75) hinweisen, von denen Helge Döhring in der Einleitung spricht. Dort betont er sehr stark die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Linken, die sich dem Faschismus in Spanien entgegenstellten. Es ist richtig, dass an die Anarchosyndikalistin Federica Montseny erinnert wird.

Deswegen braucht aber die als La Passionaria bekannt gewordene Parteikommunistin Dolores Ibarruri nicht vergessen werden. Sie soll aber wie alle anderen auch kritisch eingeordnet werden. Nicht verständlich ist, dass Helge Döhring die links-kommunistische POUM als „Blendgranate“ und marxistische Minipartei, die neben dem Anarcho-Syndikalismus aussieht wie ein „Spatz“ (S. 8) klassifiziert. Schliesslich waren die Militanten der POUM zeitweise stärker dem Terror der Stalinist*innen ausgesetzt als die Anarchosyndikalist*innen.

Nicht alles schwarz-rot- oder rot

Dass die Widersprüche in der spanischen Linken zwischen 1936 – 1939 komplizierter waren und sich nicht in dem Gegensatzpaar autoritäre versus antiautoritäre Linke auflösen, erfahren wir in den Berichten der Zeitzeug*innen. Da erzählt Heinrich Friederitzky, wie er als junger Anarchosyndikalist mit einem Freund über eine KP-nahe Organisation die Reise nach Spanien antrat, weil ihre eigene Organisation dazu nicht in der Lage war. Ihr Plan, sich dann schnell zur anarchistischen Brigade Durruti abzusetzen, liess sich dann nicht umsetzen.

So wurden die Anarchosyndikalisten von dem kommunistischen Sicherheitsapparat kritisch beobachtet und ausgefragt. Sonst passierte ihnen nichts. Interessant ist auch die Schilderung von Anarchist*innen, die bisher immer die staatliche Ordnungsmacht abgelehnt haben und nun in Spanien selber zu Polizist*innen wurden. So sagt der Wuppertaler Anarchosyndikalist Helmut Kirschey „Wir wurden Polizei (grinst). Anarchistische Polizei, komisch ja (lacht). Weil wir uns immer versteckt hatten vor der Polizei. Wir wurden auf einmal Polizei“ (S.32).
Und sie scheinen ihren Job dort auch sehr ernst genommen zu haben. „Wir haben keine ausgewiesen, ohne dass sie auf der Liste waren“ (S.32) berichtet Kirschey über den Umgang der anarchistischen Polizist*innen gegenüber Mitgliedern der NSdAP, die in den Gebieten lebten, in denen die Anarcho-Syndikalist*innen eine neue Gesellschaft aufbauen wollten. Es handelte sich um Deutsche, die in Spanien lebten und dort die Putschisten unterstützten. Es soll hier gar nicht hinterfragt werden, dass diese Kräfte bekämpft werden mussten.

Eine interessante Frage wäre aber, wie sich die Polizeiarbeit der Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen von den anderen Kräften der spanischen Linken unterschieden hat. Nur dann kann man sinnvoll darüber diskutieren, wo die Grenze ist zwischen notwendig autoritären Massnahmen, beispielsweise gegen offene und versteckte Anhänger der Putschisten und autoritären Massnahmen, die die Ziele der Revolution selber diskreditierten.

Auf Seiten der Kommunistischen Partei ist da auf jeden Fall die Verfolgung anderer Linker zu nennen. Auf Seiten der Anarchosyndikalist*innen wäre die Existenz von Arbeitslagern in denen von ihnen kontrollierten Gebieten zu nennen, die der kanadische Historiker Michael Seidman in seinem Buch „Gegen die Arbeit“ analysiert, das immer noch im Verlag Graswurzelrevolution erhältlich ist.

Ein solcher kritischer Blick auf alle Teile der spanischen Linken und der spanischen Revolution ist 90 Jahre später eine sinnvolle Perspektive. Der kleine Band von Helge Döhring ist deshalb so wichtig, weil hier 12 anarchistische und anarchosyndikalistische Zeitzeug*innen zu Wort kommen, die heute alle nicht mehr leben. Glücklicherweise gab es Menschen, die ihre Berichte aufnahmen oder aufschrieben.

A las Barricadas – Filmreihe in der Berliner Brotfabrik

Neben schriftlichen und mündlichen Zeugnissen sind es auch Filme, die den Kampf und die Niederlage der spanischen Revolution seit 90 Jahren begleiten. Im Berliner Kino Brotfabrik wird noch bis zum 31. Juli unter dem Titel A las Barricadas ein einziges Panorama von Filmen gezeigt, die die unterschiedlichen Spektren der spanischen Revolution darstellen. Zeitgenössische Filme finden sich dort ebenso wie Produktionen der letzten Jahre.

Neben bekannten Filmen wie Brot und Frieden von Ken Loach und Der Lehrer, der uns das Meer versprach über einen Bildungsreformer, der wie so viele Opfer des rechten Terrors wurden, gibt es auch viele wenig bekannte Filme zu sehen. Ein Höhepunkt ist sicherlich das Kurzfilmprogramm der CNT am 30. Juli.
Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“. Verlag Edition AV 2026. 88 Seiten. ca. SFr. 23.00. ISBN: 978-3-86841-362-5.

Infos zur Filmreihe A las Barricadas!

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