1. Frauen aus der anarcho-syndikalistischen Bewegung sichtbar und lebendig werden lassen
Horst Stowasser schrieb 1986 in seinem anarchistischen Buchklassiker, „Leben ohne Chef und Staat“, es täte ihm leid, dass dort keine Frauen als Protagonistinnen („Heldinnen“) vorkämen, „aber ich kann nichts dafür“ und ergänzte „[…] dass andererseits sich jemand finden möge, der in dieser oder ähnlicher Art ein Buch über Frauen und Anarchie schreibt.“Mit „Anarcho-Syndikalistinnen“ liege ich nicht weit daneben. Jedoch musste ich beim Porträtieren dieser Protagonistinnen der Bewegung in eine steile historische Schieflage gehen. Denn es suggeriert einen starken Anteil von Frauen im Anarcho-Syndikalismus. In Wirklichkeit stellten sie jedoch besonders auf Funktionärsebene eine kleine Minderheit dar. Weitere wissenschaftliche Abstriche liegen darin, dass ich keine umfassenden Biographien vornehme, ebensowenig, wie sie finale wissenschaftliche Abhandlungen darstellen. Die Artikel im Einzelnen basieren dennoch sämtlich auf wissenschaftlichen Grundlagen. Mein Anliegen ist zuvorderst eine angenehme Lesbarkeit, die hoffentlich Lust auf mehr macht. Sollte es Anregungen oder Inspirationen geben, freue ich mich.
2. In die Vielfalt anarcho-syndikalistischer Betätigungsfelder einführen
Als ich die Idee zum Buch hatte, war mir weder klar, dass die Protagonistinnen ein kleines Buch füllen würden, noch dass sie so viele Tätigkeitsbereiche des Anarcho-Syndikalismus aufzeigen könnten. Denn die Quellenlage zum Nachzeichnen ihrer Lebenswege ist sehr dürftig. Die meisten Frauen gaben wenige bis gar keine Selbstzeugnisse ab. Bei einigen war ich zumeist auf die Schilderungen ihrer Ehemänner angewiesen. Denn viele der hier dargestellten Frauen lebten in einer Symbiose mit „ihren“ Männern und das sehr gerne.Oft war es schwierig, das Geschilderte auf sie speziell zuzuschneiden, es geschlechterspezifisch zu würdigen. Traudchen Caspers, Frau Colton, Etta Federn, Eva Fössel, Hedwig Gubela, Margarete Krause, Meta Kraus-Fessel, Erna Sauerbrey, Louise Wich und Martha Wüstemann hingegen zeigen von Männern weitgehend separierte Lebensläufe. Für andere mag zumindest phasenweise gelten, was Rudolf Rocker über seine Lebensgemeinschaft mit Milly Witkop-Rocker schrieb: „Wenn zwei Menschen, die das Leben so glücklich zusammenführte, so viele Jahre vereint sind, so verwachsen sie allmählich miteinander. Das war auch bei uns der Fall. Wo immer der Name des einen genannt wurde, klang der Name des anderen mit. […] Ich weiss nur, dass mir mit dieser wahrhaft grossen Frau etwas genommen wurde, das keine Ewigkeit zurück bringt. […] Der Tod konnte sie von meiner Seite reissen, doch er kann nicht verhindern, dass ihr seelenvolles Bild in meinem Herzen weiter lebt wie eine freundliche Erinnerung an fruchtbare und köstliche Jahre, die mehr und mehr im Sturm der Zeiten verrauschen und nicht wieder kommen.“(1)
Es war nicht leicht, überhaupt Repräsentantinnen für die Gewerkschaft „Freie Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) oder gar in der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVdG) zu finden. Die historischen Quellen zeigen für Frauen fast ausschliesslich ausserbetriebliche Betätigungsfelder auf, machen aber deutlich, dass der Anarcho-Syndikalismus eine gesamtgesellschaftliche Bewegung darstellte, die nicht nur aus männlichen Industriearbeitern bestand.(2) Eine internationale Dimension bekommt diese Porträtsammlung durch Auswanderungen in die Niederlande, nach Schweden, Frankreich und nach Spanien, in Länder, in denen sich der Anarcho-Syndikalismus sehr lebendig zeigte und teils grössere gesellschaftliche Wirkungen entfaltete.
3. Die geographischen und zeitlichen Dimensionen des Anarcho-Syndikalismus erfassen
28 Protagonistinnen kamen aus 17 verschiedenen deutschen Städten und verteilten sich auf 4 Epochen:- Kaiserzeit
- Weimarer Zeit
- faschistische Zeit
- Nachkriegszeit
Gelegentlich kann es zu inhaltlichen Dopplungen kommen. Soweit es ging, vermied ich dies, jedoch sollen die Kapitel auch möglichst für sich lesbar sein. Sie sind zwar chronologisch, aber nicht nach Gründungsdaten der vorgestellten Organisationen angeordnet, sondern nach den Tätigkeitszeiträumen der Protagonistinnen.



