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Hanns-Erich Kaminski: Faschismus in Italien | Untergrund-Blättle

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Hanns-Erich Kaminski: Faschismus in Italien Die Weltbühne und das Faszinosum Faschismus

Sachliteratur

Bereits 1923 analysiert Hanns-Erich Kaminski Aufstieg und Fall des Faschismus. Ein erweiterter Blick auf die Diskussionen in der Weltbühne offenbart Schwankendes vor dem Bilde Mussolinis.

Benito Mussolini mit Familie am Strand vom Levanto, 1923.
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Bild: Benito Mussolini mit Familie am Strand vom Levanto, 1923. / Anonymous (PD)

6. Januar 2020

06. 01. 2020

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Auch wenn Jahre nach dem Sieg über Nazideutschland droht, dass die Analyse des deutschen Faschismus zunehmend als unwichtig erscheint, existiert nach wie vor eine Auseinandersetzung über Deutungen, Erklärungsmuster und Analysen vergangener und gegenwärtiger Faschismen. Dabei berufen sich einige auf die nunmehr 75 Jahre alte Dimitroff-These, nach der der Faschismus die offene, terroristische Diktatur der am meisten chauvinistischen, reaktionärsten und imperialistischen Kräfte des internationalen Finanzkapitals sei.

Andere fallen noch hinter diese zurück und bevorzugen Thalheimers an Marx angelehnte Bonapartismus-Theorie, wonach die Faschisten aus dem Gleichgewicht zwischen den Klassen erfolgreich die Staatsmacht übernehmen könnten. Aktuellere Faschismustheorien scheinen die Kriterien des Faschismus so weit ausgedehnt zu haben, dass von diesen ausgehend beinahe alles als Faschismus bezeichnet werden kann. Lange vor dieser Diskussion erschien bereits 1925 ein Buch des Journalisten Hanns-Erich Kaminski mit dem bemerkenswerten Titel „Fascismus in Italien. Grundlage - Aufstieg - Niedergang“.

Die Arbeit offenbart einige interessante Erkenntnisse zu den Endungen und Wendungen des Faschismusbegriffs innerhalb der Linken in den 1920er Jahren in Deutschland. Kaminski schrieb für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem häufig für die Weltbühne, in der er auch einige Artikel zum Thema veröffentlichte. Artikel von anderen Autoren zum italienischen Fascismus - wie die Weltbühne konsequent schrieb - zeigen, dass es in der Weltbühne keineswegs so einhellig antifaschistisch zuging, wie man vielleicht vermuten könnte.

Kaminskis Blick auf den italienischen Fascismus

Kaminski, selbst zu der Zeit zwei Jahre lang in Italien, schildert als Augenzeuge den Aufstieg des Faschismus und seinen (zu Unrecht für 1925 vorausgesehenen) Fall. Die Reportagenfolge „Fascismus in Italien“ entspricht weitgehend dem, was sich in der Weltbühne im ersten Halbjahr 1923 als Artikelreihe unter Kaminskis Pseudonym Max Tann wiederfindet. Kaminski fügt seinem Bericht Auszüge aus den Aufzeichnungen des von den Faschisten eben erschlagenen Matteotti an.

Aus diesen geht die Methode hervor, wie sich die „fascisti“ in Oberitalien eine ländliche Region nach der anderen zur Eroberung vornahmen. Treffend verweist Kaminski auf die soziale Herkunft der Vorkämpfer, bei denen es sich wie in Deutschland etwa bei der Brigade Erhardt im Wesentlichen um ehemalige Soldaten handelt, die aus dem Krieg ohne grosse Chancen zurückgekommen sind. Besonders hervorzutreten scheinen dabei die ehemaligen „arditi“, die Stosstrupp-Vorkämpfer. In einigen Beiträgen wird mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass die Aufstellung einer stets aktiven Bürgerkriegsarmee voraussetzt, dass dauernd verfügbare Alarmtruppen zur Verfügung stehen. Dem werden sich arbeitende Proletarier nie in gleichem Umfang entgegenstellen können, ohne nicht immerfort ihren Arbeitsplatz zu riskieren.

Mit den bewährten Mitteln - Knüppel und Rizinusflasche, seltener Pistolen - wird systematisch ein Haus nach dem anderen bedroht, in dem die Arbeiter sich noch nicht der faschistischen Arbeitsvermittlung unterworfen haben. Arbeitsvermittlung heisst in diesem Fall: Akzeptieren der unanfechtbaren faschistischen Verfügung über mögliche Anstellungen in der Provinz - und über die Lohnhöhe. Nach fast einem Jahr Zwangsbelagerung erlässt die fascistische Organisation im August 1923, vom Staat gedeckt, einen eigenen Erlass. Der aus dem Matteotti-Teil entnommene Wortlaut sagt mehr als alle Erklärungen:

”Die fascistischen Organisationen von Molinella fordern alle aus allen Teilen der Provinz Bologna herbeigeeilten jungen Leute auf, unverzüglich nach Hause zurückzukehren; die Kolonisten [=Halbpächter, Anm. fg/sf] und roten Arbeiter sollen ihren ungerechtfertigten und strafbaren Widerstand aufgeben. Den Organisationen, die noch der sozialistischen Vereinigung angehören, wird eine Frist von 48 Stunden gewährt, damit sie sich unterwerfen können; dann wird der Kampf wieder voll aufgenommen werden, um einer Situation ein Ende zu machen, die Italien und das Ausland verwüstet und Molinella, das so bald wie möglich wieder vollkommen dem Vaterland angehören muss und will, entehrt.“ (S. 138)

Die dunklen Hinweise im letzten Satz sollen wohl auf die in Russland vollzogene Revolution hinweisen, der die Sozialisten aller Art zugerechnet werden, so dass Begriffe der Vaterlandsverteidigung sich den Faschisten ohne weiteres anbieten.

Vor diesem Hintergrund der erfolgreichen Kriegsführung im eigenen Land analysiert Kaminski nicht nur den total imaginären „Marsch auf Rom“ des Duce, sondern auch die anfangs fast leeren Proklamationen des künftigen Vaterlandsretters. Die Person muss das Programm ersetzen. Im Gegensatz zur späteren Charakterisierung des Faschismus durch Dimitroff zeigt Kaminski, dass die ersten Kämpfe vielmehr zugunsten der Landbesitzer und des kleineren Kapitals geführt wurden. Erst nach den Erklärungen Mussolinis für das Privatkapital und das gewohnte Geschäftsleben, flossen Spenden und Zustimmung auch von den Kommandohöhen des Kapitals. Zwar scheint sich Mussolini zunächst an Sorel gehalten zu haben, jedoch in der Hauptsache an den Hass der Syndikalisten auf den leerlaufenden parlamentarischen und bürokratischen Betrieb. Der offene Antikommunismus Mussolinis und das Bekenntnis zum Imperialismus stammten ganz offenbar aus der Anlehnung an die schon bestehenden Machtverhältnisse und hatten mit Sorel am wenigsten zu tun.

Kaminski charakterisiert das schon im Berichtszeitraum auffällige Verhältnis zum Vatikan. Durch allerlei Zugeständnisse an das Katholische in Prunk, Erziehung und Knete bringt Mussolini den Papst dazu, Priestern das politische Engagement zu verbieten. So wird Sturzo mehr oder weniger aus dem Verkehr gezogen, einer der verbliebenen noch gefährlichen Führer der „Popolari“, der offenbar ziemlich auf der Linie der späteren Democrazia Christiana ist. Innenpolitisch regiert Mussolini schon von Anfang an, ohne das Parlament zu Wort kommen zu lassen. Das Wahlrecht wird so abgeändert, dass eine Partei mit über 25 Prozent automatisch zwei Drittel der Sitze zugesprochen bekommt. Immerhin überleben in dieser ersten Phase von Mussolinis Regiment noch gegnerische Parteien und ihre Zeitungen.

Zum Unglück der Analyse hatte Kaminski sein Buch 1924 abgeschlossen, also vor dem Nachweis des Mordes am Oppositionspolitiker Matteotti. Die gesamte Restopposition zog nach dem Mord aus dem Parlament aus. Mussolini musste fast ein Jahr lang Zugeständnisse aller Art erfinden, da sich moralische Empörung von allen Seiten regte. Aus dieser momentgebundenen Sicht entstand Kaminskis letztes Kapitel: „Das Ende des Fascismus“. Noch heftiger das Urteil in einem Artikel Kaminskis in der Weltbühne am 31. Juli 1924 - wohl nach der Drucklegung des Buches. Darin heisst es gegen Ende: „der Fascismus stürzt - und er stürzt unaufhaltsam - nicht so sehr über eine politische als über eine moralische Frage.“ (WB 1924/2, S. 164)

Tatsächlich trat Mussolini zu Beginn des Jahres 1925 ins Parlament und bekannte offen seine moralische Verantwortung für die Tötung Matteottis. Im Gegensatz zur Einschätzung Kaminskis brachte er gegen allen bürgerlichen Anstand eine neue Art von Ethos auf: den „sacro egoismo“ der staatlichen Selbstbehauptung. Die Mehrheit der aus dem Parlament ausgewanderten Kritiker Mussolinis wagten es offenbar nicht, sich dem Staatschef offen entgegenzusetzen, weil der Aufruf zum Generalstreik sehr wahrscheinlich italienweit zu Kämpfen geführt hätte, gegen die immer noch aufrufbereiten faschistischen „squadristi“. Erst von diesem Augenblick an erfüllte der Staat Mussolinis das, was herkömmlich totalitär genannt wird. Entgegenstehende Parteien wurden verboten, bzw. zur Selbstauflösung gedrängt, gegnerische Zeitungen gleichgeschaltet und restliche rechtliche Begrenzungen der Verfolgung von Personen geschleift.

Das Merkwürdige ist, dass in der Weltbühne daraufhin die irrige Voraussage auf Mussolinis Ende nicht mehr diskutiert wurde. Ossietzky, damals noch bei Montag Morgen, stellt dort am 23. Juni 1924 in „Rathenau und Matteotti“, nach einer berechtigten Verurteilung der Gleichgültigkeit in Folge der Ermordung Rathenaus, Italien als Gegenbeispiel hin: „Die Phalanx der anständigen Menschen erwies sich stärker als der eiserne Ring der Diktatur [...] Aus einem politischen Mord erwächst dem Lande unverhofft ein politischer Kurswechsel”. (Ossietzky 1994/2, S. 341) Auch Ossietzky kam nie mehr auf seine Fehleinschätzung zurück. Erst im Juni 1929 findet sich in der Weltbühne von einem Tyl (wohl Pseudonym) eine genaue Darstellung der gerichtlichen Ergebnisse der Untersuchung des Mordfalls - mitsamt den allergeringsten Strafen für die mittelbaren und unmittelbaren Täter (WB 1929/1, S. 884-888).

Mussolini der „einzig energische Mann in Europa“ und ein verwandter „Geistiger“?

Dagegen traten mehr oder weniger anbetende Parteigänger des italienischen Diktators in der Weltbühne selbst auf. So sieht Wolfgang Geise im April 1924 die entscheidende Umwandlung dessen, was man bisher Öffentlichkeit mit moralischem Urteil genannt hat. Dieses blasst überall ab. Geise schwärmt beim Bericht der Siegesfeier der Faschisten förmlich für Mussolini, „dessen Rede sich im Lärm verliert, aber dessen Kopf ich sehe und irgendeinem deutschen Politiker wünsche. Kein Parteihengst. Kein Pöstchenjäger. Kein Zuhälter des Glücks. Nicht irgendein Repräsentant einer Idee, sondern die Idee selber“ (WB 1924/1, S. 559). Am Ende beschwört Geise ein Rollen und Donnern der Zukunft hinter dem Vorhang und fragt begeistert, welches Schauspiel der grosse Autor, gemeint ist Mussolini, als nächstes bringen wird. Dies erinnert an das Prinzip des „spectacle“, wie es Debord später entwickeln sollte. Die Miterlebenden messen sich nicht mehr die Kraft zu, auch nur urteilend einzugreifen. Sie degradieren sich zum Zuschauer. Geise legt im Juli noch nach und feiert - wenn auch nicht mehr so euphorisch - Mussolini als den einzigen energischen Mann in Europa nach Lenin (WB 1924/2, S. 81).

Kaminski widerspricht einen Monat später in einer direkten Antwort Geise. Er verweist auf die ihm bekannt gewordenen Urteile, die eine massenhafte Abwendung nicht nur vom Führer, sondern auch vom Führerkult in Italien anzukündigen scheinen. Er sollte sich getäuscht haben, denn Mussolinis Ende schob sich um ganze zwanzig Jahre hinaus. Kaminski wendet sich in seiner Antwort vor allem gegen den ersten Satz Geises, den Mussolini-Lenin-Vergleich. Was soll die Haltung der Anbetung, als ginge es nicht vor allem darum, wen die verehrte Energie treffen wird? Kaminski war zwischenzeitlich zu anderen Presseorganen entschwunden, als eben diese Haltung der enthemmten Anbetung sich im blut- oder mindestens ziegelroten Heft der Weltbühne weiter entfalten sollte. Kurt Hiller, schon unter Jacobsohn einer der regsten Mitarbeiter, Vertreter der „Geistigen“ und daher Ablehner der Massendemokratie, äussert sich in seinem Artikel „Mussolini und unsereins“ im Januar 1926 folgendermassen:

“Mussolini - was ich zunächst nicht kann, ist: einstimmen in das Wutgeheul der Weltdemokratie über diesen Mann, der, wie mir scheint, keineswegs nur der Antipode, sondern auch die lebende Widerlegung des Demokratismus ist. Demokratie heisst: Herrschaft jeder empirischen Mehrheit; wer wollte bestreiten, dass die Mehrheit des italienischen Volkes seit langem treu hinter Mussolini steht? Dass die Begeisterung breitester Teile der Massen seines Volkes diesen Kraftkerl trägt? Damit ist nicht die Richtigkeit seiner Politik bewiesen; aber hätte der Demokratismus recht, wäre sies damit. Wenden wir uns von den Illiberalismen, der Willkür, der Gewaltmethode Mussolinis mit Schaudern ab, so wenden wir uns implicite vom Grundaxiom des Demokratismus ab; denn die Mehrheit seiner Nation billigt sie. Die Fasci sind Volk, nicht Adelsgremien von Grossgrundbesitzern, Professoren, Kirchenfürsten, Industriebaronen. Voll Proleten stecken die Fasci! (...)

Hat der demokratische Parlamentarismus den Krieg verhindert? Hat er ihn auch nur um eine Minute abgekürzt? Hat er die Lage der Arbeiterschaft gehoben? In keinem Land der Welt war die Arbeiterbewegung so zerspalten und zerrissen und sich selbst aufhebend wie in Italien, in keinem der Liberalismus so seicht und verlogen wie in Italien; führte doch der Liberalismus dieses Volk in den Krieg; in einen reinen Eroberungskrieg. Was hatten sie denn, die italienischen Massen, von den modernen, freiheitlichen, demokratisch-sozialistischen Ideen? Nichts. Vielleicht, fühlten da nun Millionen, bringt das Rinascimento der alten Ideen, das Regime der Autorität, die stramme römische Tradition uns mehr Glück. So kam es, dass der Fascio sie fascinierte. So gab der Demos sein Votum für die Autokratie ab; für die theatralische Führung durch den Einen; für die Militärdiktatur. Schliesslich ist der Duce selbst aus der demokratisch-sozialistischen Bewegung hervorgewachsen; deren Spiessigkeit ihm nicht Genüge tat. Er ist ein Kraftkerl (kein Pathet nur); und Kraftkerle kann die demokratisch-sozialistische - Bewegung? - nicht gebrauchen. (...)

- der Fascismus ist für Stützung der Kapitalsordnung und injiziert ihr systematisch Sozialismus-Dosen, wie sie sie nicht gewöhnt war. Es fehlt dem Fascismus eines: die Heuchelei. Er ist so ehrlich wie brutal. Und hat Schwung, Eleganz, Vitalität. Mussolini, man sehe ihn sich an, ist kein Kaffer, kein Mucker, kein Sauertopf, wie die Prominenten der linksbürgerlichen und bürgerlich-sozialistischen Parteien Frankreichs und Deutschlands und andrer Länder Europas es in der Mehrzahl der Fälle sind; er hat Kultur. Er sieht aus, wie jemand der Kraft hat, aber etwas von Kunst versteht und Philosophen gelesen hat [...] Die “Posen”, die man ihm vorwirft (etwa, dass er sich mit jungen Löwen photographieren lässt), finde ich entzückend. Er pfeift auf ledernen Ernst; die frische Fröhlichkeit der Macht exhibiert er. Er ist kein Triebverdränger. Darum gestattet er auch seinen Freunden so viel Exzesse des Machttriebs. Bis zum politischen Mord. Muss man eigens aussprechen, dass man den Mord verdammt? Aber die Demokraten, die sich so sehr entrüsten, tätigten selber Mord an Millionen Schuldloser - 1914 bis 18, Wenn ich mich genau prüfe, ist mir Mussolini, dessen Politik ich weder als Deutscher noch als Pazifist noch als Sozialist ihrem Inhalte nach billigen kann, als formaler Typus des Staatsmannes deshalb so sympathisch, weil er das Gegenteil eines Verdrängers ist. Ein weltfroh eleganter Energiekerl, Sportskerl, Mordskerl, Renaissancekerl, intellektuell, doch mit gemässigt-reaktionären Inhalten, ist mir lieber, ich leugne es nicht, als ein gemässigt-linker Leichenbitter, der im Endeffekt auch nichts hervorbringt, was den Mächten der Beharrung irgend Abbruch tut.” (WB 1926/1, S. 45-48)

Hier zeigt sich die „Ästhetisierung der Politik“, von der Benjamin als einer der ersten gesprochen hatte. Hiller operiert das moralische Urteil einfach heraus, um sich unbegrenzt der Bewunderung hingeben zu können, der Bewunderung dessen, der wie er „Philosophen gelesen hatte“, „entzückend mit Löwenjungen spielte“ und den Mordgelüsten seiner Kameraden mehr oder weniger freien Lauf liess. Dass eine solche Haltung im Endeffekt auf Billigung der Regierung und der Regierungstechnik des Diktators hinauslief, ist kaum zu bestreiten. Es folgte ein kleiner bescheidener Gegenartikel von Gehrke in der nächsten Nummer, der immerhin an eines erinnerte: Alle Gewaltsysteme stützen sich notwendig auf Teile der Massen, weshalb sich bei allen genau so demagogisch der proletarische Charakter ihrer Gewaltherrschaft nachweisen liesse (WB 1926/1, 85f).

Der Grundgedanke Hillers - Herrschaft der Geistigen - lässt die Zulassung zur Debatte nur vom Abitur aufwärts zu. Er war bis zum Ende 1933 derjenige, der sich einer wirklichen Versenkung in Eigenart und Gefahr des Faschismus deutscher Prägung widersetzte. Insofern ein Hemmschuh untersuchenden Denkens. Er wurde wohl geschätzt als kämpferischer Pazifist, aber - leider - verkannt in seiner Gefährlichkeit als anbetender Ästhet. Dies scheint noch heute der Fall zu sein, findet sich in einem Artikel von Beutin zu Hiller in Ossietzky 14/15/2010 kein Wort zu Hillers Mussolini-Umarmung dazu.

Fazit

So scharfsinnig in den letzten Heften von Weltbühne 1932/1933 die parlamentarischen Wege und Umschwünge der Nazis erkannt und beobachtet wurden, so wenig drangen sämtliche Schreiber ein in die ungeheure Wucht der Massenbewegung des Faschismus, der alle Mitarbeiter - auch Hiller - dann in KZ oder Exil zum Opfer fallen sollten.

Kaminski immerhin blieb es vorbehalten, ganz am Ende, der gängigen Deutung nach Thalheimer zu widersprechen, die faschistische Diktatur entspreche der Stellung Napoleons III. in Frankreich als dem, der zur Herrschaft kommen konnte, weil Bourgeoisie genau so wenig wie das Proletariat für sich allein auf einen Sieg hoffen konnten. So verweist Kaminski gelegentlich darauf, dass in Italien das Proletariat schon die furchtbarsten Niederlagen erlitten hatte, bevor Mussolini seinen Marsch nach Rom antrat. Als Überwinder der Gefahr von Links - so gern er sich dafür umschmeicheln liess - war er gar nicht mehr nötig. Das gleiche gilt für das deutsche Proletariat 1933, war es doch schon in der Zeit von Papen gefesselt und handlungsunfähig.

Ossietzky rezensiert in einem seiner Artikel aus dem Gefängnis 1932 die verhüllenden Interviews mit Mussolini von Emil Ludwig. Er arbeitet in dem Text unter der Überschrift „Benito Ludovico“ unter dem Pseudonym Thomas Murner heraus, dass aus den Erscheinungsvielfalten des Diktators nichts über das Wesen seiner Herrschaft herauszubekommen ist (Ossietzky 1994/7, S. 417ff). Insofern bleibt das Rätselraten über den „Fascismus“ weiterhin offen.

Ganz am Ende der Weltbühne, als es freilich nicht mehr viel nützte, zeichnete sich eine genauere Erkenntnis des deutschen wie des italienischen Faschismus ab: Sie waren keineswegs nur Abwehr der Linken, ihrer Grundabsicht nach dienten beide Bewegungen dem Anschluss an die 1918 vorläufig besiegten Tendenzen zur imperialistischen Ausweitung der jeweiligen Reiche.

Sebastian Friedrich / Fritz Güde
kritisch-lesen.de

Hans-Erich Kaminski: Faschismus in Italien. Grundlagen, Aufstieg, Niedergang. Verlag f. Sozialwissenschaft, Berlin 1925.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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