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Gustav Landauer: Skepsis und Mystik | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Gustav Landauer: Skepsis und Mystik „Aktivistische Mystik“

Sachliteratur

Der Verlag Edition AV und der Herausgeber Siegbert Wolf präsentierte 2011 mit „Skepsis und Mystik“ den siebten Band der „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers. Ein Klassiker der anarchistischen Literatur.

Bild von Gustav Landauer, 1892.
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Bild: Bild von Gustav Landauer, 1892. / Oscar Suck (PD)

16. Juli 2019

16. 07. 2019

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Die Herausgabe einer umfassenden Sammlung der Texte Gustav Landauers ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder an verlagstechnischen Gründen gescheitert. Umso höher ist es der Edition AV anzurechnen, dieser Aufgabe nun nachzukommen. Und das tut er auch noch zügig. Die 2008 angekündigte achtbändige Ausgabe der „Ausgewählten Schriften“ Landauers ist komplett. Dass als Herausgeber der Reihe Siegbert Wolf fungiert, ist besonderes Glück. Wolf beschäftigt sich seit dreissig Jahren mit Landauer und ist unter anderem Autor des Junius-Bandes „Landauer zur Einführung“ (1988) und Herausgeber der im Trotzdem-Verlag erschienenen „Gustav Landauer-Bibliographie“ (1992). Zudem ist der Frankfurter Historiker ein Experte in Gebieten, deren Studium für ein tiefgehendes Verständnis Landauers unabdingbar ist: die Geschichte des Anarchismus, der Mystik und des Judentums.

Fritz Mauthner und die Sprachkritik

Nun liegt als Band 7 der „Ausgewählten Schriften“ mit „Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik“ das 1903 erschienene philosophische Hauptwerk Landauers vor. „Skepsis und Mystik“ ist kein leicht zugänglicher Text. Neigt Landauer ohnehin zu unkonventioneller Wortwahl und langen, gewundenen Sätzen, so erschweren in diesem Fall ausgedehnte philosophische Reflexionen die Lektüre. Doch gerade philosophisch interessierte Leser_innen werden für ihre Mühen belohnt.

Im Zentrum des Textes steht – wie es der Untertitel vermuten lässt – Landauers Rezeption der Sprachkritik des österreichisch-tschechischen Philosophen Fritz Mauthners bzw. eine Auseinandersetzung mit Mauthners sprachphilosophischem Hauptwerk, „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“, erschienen in den drei Bänden 1901/1902. Die drei Kapitel von „Skepsis und Mystik“ sind jeweils einem dieser Bände gewidmet.

Mauthner und Landauer lernten sich 1889 kennen, als Landauer an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität studierte. Der Kontakt sollte nie abreissen. Landauer lektorierte sogar Teile der „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“, was Mauthner in seiner Einleitung mit den folgenden Worten bedachte: „Die Herausgabe hätte ich (…) gar nicht bewältigen können ohne die Freundschaft Gustav Landauers, der mich unermüdlich bei der Ordnung und Sichtung des Manuskripts unterstützte.“

Auch wenn die Vertrautheit mit dem Werk Mauthners für das Verständnis von „Skepsis und Mystik“ zweifelsohne einen Vorteil darstellt, ist sie nicht unbedingte Voraussetzung. Landauers Text ist mehr als reine Mauthner-Exegese. Mauthners Denken dient eher als Ausgangspunkt für eine originelle Theorieentwicklung. Manchmal werden dabei Gedanken formuliert, die Aspekte der Linguistik eines Ferdinand de Saussure oder der Sprachphilosophie eines Ludwig Wittgensteins vorwegnehmen:

„Die Sprache ist überhaupt kein Gebilde, sondern Vorgänge und Tätigkeiten in Verbindung mit anderen Vorgängen und Tätigkeiten; so wenig ein Forscher, der die Geschichte der menschlichen Verdauung und ihre[r] immanenten Gesetze schreiben wollte, davon Abstand nehmen dürfte, von der Rindviehzucht zu erzählen, ebenso wenig dürfen die Sprachforscher die Einflüsse der politischen und gesellschaftlichen Geschichte ausser acht lassen. Und da es sich um geistige Vorgänge zwischen den Menschen handelt, ist vor allem zu untersuchen, welche Interessen – im weitesten Sinne des Wortes – die Menschen zur Sprache und zur Umwandlung der Sprachen gebracht haben. Der Versuch, den Mechanismus der Sprachbewegung und Veränderung durch Hin- und Herwenden der kümmerlichen Fragmente, die wir haben, zu begreifen, ist als gescheitert zu betrachten; an die Stelle mechanisch wirksamer Gesetze können nur Phantasien und Hypothesen auf Grund sorgfältiger, psychologischer Beobachtungen treten.“ (S. 76f)

An den Stellen, wo ein genauerer Einblick in das Werk Mauthners besonders hilfreich ist, macht sich Siegbert Wolfs sorgfältige editorische Arbeit bezahlt. „Skepsis und Mystik“ wird von rund 230 Anmerkungen begleitet, die Informationen zu Personen, Ideen und Publikationen genauso inkludieren wie Querverweise zu anderen Texten Landauers und den übrigen Bänden der „Ausgewählten Schriften“. Es fehlen auch nicht die Änderungen, die Landauer nach der Erstveröffentlichung von „Skepsis und Mystik“ notiert hatte und die von Martin Buber in die Neuauflage von 1923, vier Jahre nach Landauers Tod, mitaufgenommen wurden.

Zudem enthält Band 7 der „Ausgewählten Schriften“ eine ausführliche Einleitung und einen reichen Anhang, der alle Aufsätze und Artikel Landauers beinhaltet, die in überarbeiteter Form in „Skepsis und Mystik“ einflossen. All dies legitimiert die aktuelle Auflage nicht nur, sondern macht sie zu einer wesentlichen Bereicherung für zukünftige Landauerstudien.

Philosophie und Mystik

Landauer erörtert in „Skepsis und Mystik“ eine Reihe prominenter Denker der Philosophiegeschichte, vor allem Spinoza, Berkeley, Locke, Kant, Schelling, Schopenhauer und Nietzsche. Interessanterweise fehlt David Hume, dessen empirischer Skeptizismus den Ansätzen Landauers oft sehr nahe steht. Dieser Verbindung nachzuspüren, wäre ein anregendes Forschungsprojekt.

Landauers Sympathien für einen mystischen Pantheismus als Antwort auf die Unmöglichkeit erkenntnistheoretischer Wahrheiten sind deutlich. Eine der entscheidenden Stellen von „Skepsis und Mystik“ ist jene, wo Landauer die Konsequenzen eines Meister Eckhart denen eines Spinoza gegenüberstellt. Spinoza, so Landauer, hätte den Pantheismus verstanden, doch versuchte er, ihn systematisch zu erklären. Eckhart hingegen habe begriffen, dass es an diesem Punkt nichts mehr zu erklären gäbe und sich ganz auf die mystische Erfahrung eingelassen, auf das Eins-Sein mit Gott. Diese Erfahrung ist für Landauer – wie für viele andere Mystiker_innen – am intensivsten im Erleben der Natur, der Kunst und der Liebe gegeben.

Zur Untermauerung seiner Ideen bezieht sich Landauer auf eine historische „Linie“, die zahlreiche berühmte Mystiker_innen des Abendlandes vereint, unter ihnen Dionysius Areopagita, Scottus Eriugena, Jakob Böhme, Angelus Silesius, aber auch Landauers Zeitgenossen Alfred Mombert. Meister Eckhart wird als der Linie „höchster Gipfel“ bezeichnet (S. 84).

Wichtig festzuhalten ist, dass es sich bei Landauers Mystik nicht um Hokuspokus und Esoterik handelt. Wie Siegbert Wolf in seiner Einleitung zum vorliegenden Band treffend klarstellt, ist Landauers Mystik „weder Askese, Magie und Okkultismus noch ersatzreligiöse Weltabgewandheit“ (S. 15). Selbst der oft mit Landauer in Verbindung gebrachte Begriff des „romantischen Sozialismus“ scheint wenig angebracht.

Das Besondere an Landauers Mystizismus ist die unmittelbare Anknüpfung an eine politische Praxis. Siegbert Wolf spricht in diesem Zusammenhang von einer „aktivistischen Mystik“ (S. 18). Diese bezeichnet auch den grossen Unterschied zwischen Landauer und Mauthner, der sich für revolutionäre Ideen nie begeistern konnte. In Landauers Empfinden folgt aus dem mystischen Einheitsgefühl mit allen Menschen und Generationen zwangsläufig ein Verlangen nach dem Sozialismus als der einzigen diesem Gefühl angemessenen politischen Ausdrucksform. Es gibt kaum einen Denker in der sozialistischen Geschichte, der dies in ähnlicher Stärke betont. Landauer wird dadurch ein besonderer Stellenwert zuteil, auch international.

Landauers politische Überzeugungen mögen in „Skepsis und Mystik“ nicht im Vordergrund stehen, doch sind sie ständig gegenwärtig, speziell im ersten Teil. Dieser baut auf dem Vortrag „Durch Absonderung zur Gemeinschaft“ auf, den Landauer im Juni 1900 hielt, als er der Neuen Gemeinschaft angehörte. Die Neue Gemeinschaft war eine von den Brüdern Julius und Heinrich Hart ins Leben gerufene Gruppe, die am Schlachtensee im Südwesten Berlins ein spirituelles Kommunenprojekt verfolgte. Landauer war nach anfänglicher Begeisterung von dem Projekt bald enttäuscht. Weltflucht und bürgerliche Selbstzentriertheit schienen jedes sozialistische Potential zu untergraben.

In „Skepsis und Mystik“ kommt es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Brüdern Hart, was auch zu einem besseren Verständnis von Landauers Abschied aus der Neuen Gemeinschaft beiträgt. Interessanterweise machte Landauer in der Neuen Gemeinschaft die Bekanntschaft zweier Männer, die in seinem Leben ausgesprochen wichtige Rollen spielen sollten: Erich Mühsam, neben Landauer der bekannteste in Deutschland wirkende Anarchist, und Martin Buber, jüdischer Mystiker österreichischer Herkunft, der nicht nur zu einem intellektuellen Mentor Landauers wurde, sondern auch zu einem seiner wichtigsten Verleger.

Gustav Landauer heute

Die Edition-AV-Ausgabe der „Ausgewählten Schriften“ Landauers geht mit einer allgemeinen Landauer-Renaissance einher. In den letzten Jahren sind umfangreiche Textsammlungen Landauers im Englischen, Französischen und Italienischen erschienen. Landauer gewidmete Artikel werden in verschiedensten Foren veröffentlicht: von der über hundert Jahre alten jiddischen Zeitschrift Forverts bis zur Website jesusradicals.com. Auch die spanischen Landauer-Übersetzungen Diego Abad de Santilláns treiben neue Blüten. So hielt der chilenische Philosoph Diego Mellado G. im August 2012 anlässlich des 140. Gründungstages der Antiautoritären Internationalen in St. Imier einen Landauer-Vortrag in den Schweizer Bergen.

Das neu erweckte Interesse an Landauer hat mehrere Gründe:

- „Postanarchist_innen“ haben Landauers Staatsverständnis als Vorläufer poststrukturalistischer Machtanalysen entdeckt („Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie Menschen sich zueinander verhalten…“, hatte Landauer 1910 in dem Aufsatz „Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk“ formuliert);

- soziale Bewegungen, denen ein frontaler Angriff auf den Staat immer aussichtsloser erscheint, sind von Landauers Revolutionsentwurf angetan, der sein Hauptaugenmerk auf den alltäglichen Aufbau einer Gegengesellschaft richtet;

- Umwelt- und Klimaaktivist_innen finden Inspiration in Landauers Vorstellungen eines in ländlichen Siedlungen und überschaubaren Produktionsverhältnissen verankerten Sozialismus;

- mystisch/spirituell/religiös orientierten Sozialist_innen wird die Bedeutung Landauers für eine theoretische Fundierung ihrer Haltungen zunehmend klarer.

Gabriel Kuhn
kritisch-lesen.de

Gustav Landauer: Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik. Edition AV, Lich/Hessen 2011. 247 Seiten. ca. SFr 21.00, ISBN 978-3-86841-059-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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