Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland Zur Scherbentheorie
Sachliteratur
Um meinen Beitrag zur Kritik des Autoritarismus und die Bezugnahme auf den Begriff des Anti-Autoritarismus noch weiter zu unterfüttern, habe ich im Buch von Günther Bartsch Anarchismus in Deutschland noch zwei Hinweise gefunden.

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Buchcover.
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„Alle SDS-Mitglieder nannten sich Sozialisten und Marxisten. Hinter dem Doppelschild dieser beiden Begriffe lag jedoch ein Ameisenhaufen, dessen Insassen kreuz und quer durcheinanderlaufen. Gleichwohl zeichneten sich drei Grundströmungen ab – eine sozialistische, eine kommunistische und eine anarchistische. Ausserdem gab es zwei Zwischengruppen, die rätekommunistische und eine andere, deren Mitglieder sich ‚kritische Sozialisten' nannten. […]
Die Studentenbewegung brachte eine Neugeburt aller drei. Sie koexistierten zunächst auf ihre Boden ebenso wie einst in der Internationalen Arbeiterassoziation. Aber diesmal traten die Unterschiede und Gegensätze noch rascher hervor. Ihre Herausbildung wurde durch Gruppen und Parteien ausserhalb der Studierendenbewegung gefördert, die aus dieser ihren Nachwuchs zu rekrutieren hofften. Es ist unzureichend, zwischen ‚Traditionalisten' und ‚Anarcho-Kommunisten' im SDS zu unterscheiden. Sie Skala der Gruppierungen war breiter und differenzierter. Wenn man schon eine Zweiteilung wählt, so wäre die zwischen dem autiautoritären Flügel und seinem Gegenstück auf der anderen Seite noch am brauchbarsten.
Der Begriff ‚antiautoritär' umfasste zwischen 1965-69 vier Momente.
Erstens, gleichzeitig gegen den Kapitalismus und einen bürokratischen Sozialismus/Kommunismus zu sein, also sowohl ‚westliche' als auch die ‚östliche' Staatsordnung in Frage zu stellen (zum Teil mit Ausnahme Jugoslawiens, Chinas, Nordvietnams und Kubas).
Zweitens die Wahl neuer Leitbilder mit volkstribunenhaften Zügen entgegen denen des Apparatschiks (Mao gegen Stalin, Ho Chi-Minh gegen Ulbricht und Honecker, Guevara und Castro gegen fast alle Führer der Kommunistischen Parteien Lateinamerikas).
Drittens die Suche nach neuen und freieren Organisationsformen, als sie in der Arbeiterbewegung bestanden (sowohl im traditionellen Kommunismus als auch in der Sozialdemokratie, die ebenfalls als autoritär gilt.)
Viertens die Suche nach neuen Aktionsformen, die sowohl zur Befreiung der Masse als auch zur Selbstbefreiung des (an der Aktion beteiligten) Individuums führen sollte. War die Bewegung der Arbeiter eine solche der Massen, so ist die studentische mehr eine von Individuen, die aus der Anonymität ausbrechen und sich selbst verwirklichen möchten. Unter dem Einfluss von Freud erschienen Askese und Selbstaufgabe, die in allen drei Hauptströmungen der Arbeiterbewegung Hochwerte waren, plötzlich als Unwerte und Hindernisse der Revolution. Auf der Basis dieser vier Gemeinsamkeiten setzte sich der antiautoritäre Flügel im SDS aus Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten zusammen. Bei den Sozialisten handelte es sich vor allem um Abendroth/Basso-Schüler und um Anhänger der Konzeption Habermas. Bei den Kommunisten um Jünger von Mao, Trotzki und Castro/Guevara; ihre Unterschiede traten erst nach und nach hervor. Die anarchistische Komponente vereinigte zuerst Sirner- und Bakunins-Schüler, also Individualisten und Kollektivisten. Zum antiautoritären Flügel gehörten aber auch die Rätekommunisten und die ‚kritischen Sozialisten', wovon erstere ein überwiegend positives und letztere ein ambivalentes Verhältnis zum Anarchismus hatten. Jeder Gruppe strömten Anhänger aus Kreisen der Schüler, Lehrlinge und der älteren Mitglieder der Ausserparlamentarischen Opposition zu.“ (Bartsch 1973: 52ff.)
Der Zerfall der 68-Bewegung mündete meines Erachtens in vier Richtungen.
Erstens, die Entstehung der Neuen sozialen Bewegungen. Diese wollten vor allem anhand der Themen Ökologie/Anti-Atomkraft, Feminismus und Frieden/Anti-Militarismus breite Bündnisse verschiedener Strömungen ermöglichen und Gesellschaft konkret anhand dieser Felder verändern, ohne dabei klassische Revolutionskonzepte zu verfolgen. Eine Gefahr bestand hierbei darin, zur „Ein-Punkt-Bewegung“ zu werden und damit eine grundlegende Gesellschaftskritik fallen zu lassen.
Zweitens kristallisierten sich aus der ausserparlamentarischen Opposition (APO) jene Kreise heraus, die eine parlamentarische Opposition bilden wollten und 1980 die Grünen gründeten. Sicherlich wollten diese Transmissionsriemen der Bestrebungen von sozialen Bewegungen sein, doch der „Marsch durch die Institutionen“ unterschätzte deren Sogwirkung.
Drittens kam es zum Lager der Spontis und Anarchist*innen, später den Autonomen. Diese sind nicht gleichzusetzen, gehören meines Erachtens aber derselben Familie an. Mittels „Politik der ersten Person“, sollte direkt in die Umgebung eingegriffen werden. Konfrontation erschien als unerlässlich, um die Sollbruchstellen der Herrschaftsordnung aufzuzeigen. Zudem wurde die Erschaffung neuer Lebensformen betont.
Schliesslich kam es nach dem Zerfall der 68er-Bewegung zur orthodoxen Wende, die zur Gründung einer Vielzahl kommunistischer Kadergruppen führte. Diese waren mehrheitlich maoistisch, aber auch stalinistisch und trotzkistisch orientiert. Anachronistische Konzepte wie „Diktatur des Proletariats“, die Verkennung der Einhegung weiter Teile der Arbeiter*innenklasse mittels Konsumbefriedigung, Unterhaltung und Partizipationsmöglichkeiten und ein dogmatisches Wahrheitsverständnis zeichneten diese Gruppierungen aus. Jemand wies mich darauf hin, dass der „Links-Terrorismus“ eventuell als eine fünfte Richtung bezeichnet werden könnte. Namentlich geht es um die RAF, die sich stark auf die antiimperialistische Theorie („Trikont“) bezogen. Sie wollten die erschlaffende Handlungsfähigkeit der sozialen Bewegung durch terroristische Mittel aufrechterhalten und eigentlich kompensieren, weswegen sie scheitern mussten.
Mir erscheint diese Klassifizierung sinnvoll zu sein und gut zu beschreiben, welche Tendenzen sich aus der 68er-Bewegung ergaben. Die Beschäftigung damit ist insofern interessant, als das ich den Aufstieg der K-Gruppen in der Linie der vierten Richtung ebenfalls als Ausdruck für den Zerfall vorheriger sozialer Bewegungen bewerten würde.
Allerdings handelt es sich dabei nicht um jene „Scherbentheorie“, auf die unter anderem Günther Bartsch hinwies. Er verweist auf sechs Scherben, die sich eher ideologisch als strategisch unterscheiden lassen – obwohl dies verständlicherweise miteinander verbunden ist. Interessant ist hierbei wiederum: Auch K-Gruppen werden dieser Beschreibung nach als Produkt der des dezidiert antiautoritären Flügels angesehen, wenngleich das Adjektiv nach ihrer Formierung sicherlich nicht mehr als zutreffend erachtet werden kann…
Sechs Scherben
„Der antiautoritäre Flügel zerfiel in sechs Teile. Jeder dieser Teile fasste such als Grundstein einer neuen Bewegung auf, doch gab es auch Koalitionen, vor allem zwischen Anarchisten und Rätekommunisten.
Da war erstens ein maoistischer, der zum stärksten werden sollte. Er zielte eine gesamtdeutsche Volksrepublik an. Seines Erachtens ist die UdSSR ein sozialimperialistisches und die DDR ein revisionistisches Land. Er wertete auch Stalin wieder auf.
Zweitens ein trozkistischer, für den die kommunistischen Länder noch im Übergang von Kapitalismus zum Sozialismus und Arbeiterstaaten mit bürokratisch deformiertem Überbau sind, der mittels politischer Revolution durch einen neuen ersetzt werden soll.
Drittens eine autonom sozialistische oder nach dem üblichen Sprachgebrauch linkssozialistische. Sie war in vieler Hinsicht radikaler als die DKP, für antikapitalistische Strukturreformen und Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben. Ihres Erachtens ist in den Industriestaaten keine Übergangsphase zum Sozialismus nötig, aber keine klasse Revolution mehr möglich.
Viertens eine anarchistische, die sowohl eine Verstaatlichung der Produktionsmittel als auch eine Parteiherrschaft ablehnte. In ihr gab es eine starke, auf Kommunen gerichtete subkulturelle Tendenz, die in der anarchistischen Bewegung vollständig neu war.
Fünftens eine rätekommunistische, in der anfangs titoistische, trotzkistische und luxemburgistische Einflüsse zusammenliefen. Sie machte das Rätemodell in der gesamten Apo populär.
Sechstens eine autonom-kommunistische mit multinationaler Zusammensetzung, die gegenüber allen bisherigen Formen des Kommunismus kritisch war.“ (Bartsch 1973: 54f.)
Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland 1945-1965, Bd. 1, Hannover 1972.
Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland 1945-1965, Bd. 2/3, Hannover 1973.
Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland 1945-1965, Bd. 2/3, Hannover 1973.
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