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Gerrit Hoekman: Pogo, Punk und Politik | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Gerrit Hoekman: Pogo, Punk und Politik Die ewige Diskussion: Was ist Punk?

Sachliteratur

In der transparent-Reihe des Unrast-Verlags präsentiert Gerrit Hoekman nun eine Kurzgeschichte des Punk. Grosse Aufgabe in kleinem Format. Geht das? Gabriel Kuhn hat sich die Sache angesehen.

PunkLegende John Lydon aka Johnny Rotten.
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Bild: Punk-Legende John Lydon aka Johnny Rotten. / Tomtall (CC BY 2.0 cropped)

7. Dezember 2011

07. 12. 2011

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Auch das zweite Büchlein zu „Linkem Alltag“ in der transparent-Reihe des Unrast-Verlags beschäftigt sich mit Punk. Nach dem Einführungsband „Straight Edge: Geschichte und Politik einer Bewegung“, verfasst vom Autor dieser Zeilen, legt Gerrit Hoekman nun unter dem ebenso gelungenen wie viel versprechenden Titel „Pogo, Punk und Politik“ einen Überblick über die Geschichte des Punk im Allgemeinen vor.

Lässt sich eine so komplexe und mittlerweile über dreissig Jahre alte Bewegung im Kleinformat der transparent-Reihe vorstellen? Hoekman demonstriert souverän, dass das geht. Das Büchlein ist bis an den Rand mit Information gefüllt, bestens strukturiert und stellt stilistisch einen sympathischen Kompromiss zwischen seriösem Journalismus und frecher Punkzine-Schreibe dar.

Kaum ein wichtiges Kapitel des Punk wird ausgelassen, ob es sich nun um den britischen Anarcho-Punk, die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD), Riot Grrrl oder Taqwacore handelt. Auffällig abwesend sind höchstens sogenannte „Pop-Punk“-Bands wie Bad Religion oder NOFX, das interessante Phänomen des Riotfolk oder die politischen Punk-Dauerbrenner von Chumbawamba. Allerdings: die Pop-Punk-Bands mögen dem Autor schlicht zu Pop sein, Riotfolk zu wenig Punk und Chumbawamba beides – und nachdem es einen festen Punk-Kanon, zum Glück, nicht gibt, ist das so auch zu akzeptieren.

Von Halle bis Manila

Besonders wertvoll ist der internationale Charakter des Überblicks, weil dieser im Bereich der Punkgeschichtsschreibung nach wie vor nicht selbstverständlich ist. Oft stehen Aufarbeitungen regionaler Szenen neben „allgemeinen“ Punkgeschichten, die dann entweder auf England oder die USA, im besten Fall auf den gesamten englischsprachigen Raum beschränkt bleiben. Das ist hier nicht der Fall. Neben obligatorischen Grössen wie den Ramones, den Sex Pistols, Crass und den Dead Kennedys werden in Hoekmans Buch Dir Yassin aus Israel genauso porträtiert wie Negu Gorriak aus dem Baskenland oder Ratos de Porão aus Brasilien. Besonders spannend ist der Abschnitt zum Punk in der ehemaligen DDR: Bands wie Schleim-Keim, Namenlos oder Wartburgs für Walter sind bis heute durchaus nicht allen deutschen Punkfans geläufig.

Aber es geht in „Pogo, Punk und Politik“ nicht nur um Geschichte. Das Buch ist auf aktuellem Stand. Das belegen nicht nur Zitate der ägyptischen Band zu den Demonstrationen am Tahrir-Platz, sondern auch die Verweise auf das erst im Juli 2011 abgesagte Israel-Konzert von Jello Biafra, der sich letzten Endes dazu entschied, den Boykottaufrufen israelischer AktivistInnen Gehör zu schenken. Aus traurigem Anlass aktuell ist die Erwähnung der im April verstorbenen Poly Styrene, einer der inspirierendsten Persönlichkeiten des Punk. Styrene den ihr gebührenden Platz einzuräumen, gehört zu den besonders erfreulichen Aspekten des Buches!

Abgerundet werden Hoekmans Ausführungen mit einer Plattenliste. Die Auswahl ist zwangsläufig subjektiv, aber für alle EinsteigerInnen zweifelsohne von grosser Hilfe.

Punk vs. Bürger

Natürlich wäre keine Rezension eines Buches zu Punk komplett, wenn nicht an der Definition des Punk herumgemotzt würde. Insofern nehme auch ich mir dieses Recht heraus. Wobei: So viel zu beanstanden gibt es nicht. Hoekman führt das Phänomen überzeugend ein:

„Punk ist zuallererst ein Lebensgefühl (…) Es gibt kein gemeinsames, politisches Programm [und] schon gar keine feste Ideologie. Punk ist immer ein bisschen mehr dagegen als dafür. Gegen das Establishment, gegen die bürgerliche Scheinheiligkeit, gegen das Spiessertum, gegen jede Form von Organisation und gegen die allmächtige Musikindustrie. (…) Punkrock rebelliert gegen kein bestimmtes Gesellschaftssystem, sondern gegen die verlogenen, bürgerlichen Werte wie Ordnung und Gehorsam, ein Leben für die Arbeit und Konsum als oberstes Lebensziel.“ (S. 5)

Das einzige, was meines Erachtens ab und an etwas zu stark durchschlägt, ist das individualistische „Ich mach, was ich will“ als ultimativer Beweis echter Punkidentität. Hoekman meint beispielsweise, dass John Lydon a.k.a. Johnny Rotten seinen Punkursprüngen „treu“ blieb, als er 2010 trotz des Boykottaufrufs israelischer AktivistInnen sein Konzert in Israel nicht absagte. Nun können wir zu Israelboykottaufrufen von Israelis stehen, wie wir wollen, das ist hier nicht der Punkt. Aber ein Lob dafür, die „Ohren auf Durchzug bei allen moralisierenden Weltverbesserern egal welcher politischen Richtung“ zu stellen, ganz „dem alten Punkmotto folgend: Niemand sagt mir, was ich zu tun und zu denken habe“, treibt die Begeisterung für eine „Ich gegen die Welt“-Haltung dann doch etwas weit. (S. 59)

Der freie Raum

Sich von niemandem sagen zu lassen, was man tun und denken soll, ist schön und gut, aber es bedeutet nicht, keine eigenen Entscheidungen treffen zu müssen – und diese können nun mal gut oder schlecht sein. Der Spass, den Hoekman – berechtigterweise! – als Teil des Punk betont und einfordert, wird in dem Moment zweifelhaft, in dem er zum Spass einer kleinen Minderheit auf Kosten aller anderen wird. Leuten die Bude voll zu kotzen ist genauso wenig Punk wie ihnen die Platten zu klauen. Und was auf privater Ebene stimmt, stimmt auch auf gesellschaftlicher.

Klar, Chumbawambas satirische Umformulierung der John-Lydon-Autobiografie „No Irish, No Blacks, No Dogs“ zu „No McLaren, No Matlock, No Dignity“ (Malcolm McLaren war der Manager der Sex Pistols, Glen Matlock das von Sid Vicious ersetzte Gründungsmitglied) kann als moralisierend interpretiert werden – aber auch als gelungene Erinnerung daran, dass Punk vor allem dann spassig ist, wenn eine gewisse Verantwortung den Rahmen individueller Freiheit nicht nur auf einige, sondern auf alle ausdehnt.

Ansonsten passiert nämlich genau das, was auch Hoekman nicht will: die Szene schliesst Menschen aus, anstatt alle, die sich in der Mehrheitsgesellschaft nicht zurechtfinden, mit einzuschliessen. Ein „Niemand sagt mir, was ich zu tun und zu denken habe“ ohne Einschränkungen kann leicht zu einer quasi sozialdarwinistischen Hoheit über das Punkterritorium führen: diejenigen, die am unerträglichsten sind, dürfen bleiben, die anderen können sich, wie es in Österreich heisst, schleichen.

Normen zu brechen, muss nicht heissen, grundlegenden Respekt für andere aufzugeben. Dieser erweitert vielmehr die Räume des Punk, der doch – und da sind sich alle irgendwie einig – für Vielfalt und nicht für Konformität stehen soll. In diesem Sinne lehnt sich meine Definition des Punk stark an Ian MacKaye an, der meint: „Für mich war Punk immer der freie Raum.“ (MacKaye 2011, S. 30)

Gut, damit wäre der moralisierende Teil dieser Rezension beendet. Nein, noch nicht ganz!

Die Sache mit Straight Edge

Angesichts obiger Ausführungen kann ich Hoekman – überraschenderweise – nicht zustimmen, wenn er schreibt, dass Punk von Straight Edge „bis auf die Fassade entkernt“ wird. (S. 25) Straight Edge muss nicht zwangsläufig „harte moralische Regeln“ und ein „Joch strenger Ideologien“ reflektieren, sondern kann schlicht Ausdruck dessen sein, was Hoekman im gleichen Satz einfordert, nämlich „Regeln und Tabus zu brechen“. (ebd.)

Genau das war es zumindest, was Ian MacKaye 1981 mit dem Song „Straight Edge“ tun wollte, was er seit dreissig Jahren nicht müde wird zu betonen: in einer Punk-Szene, in der er es – wie anscheinend damals in Washington, DC und an vielen Orten seither – zur Norm wurde, sich bewusstlos zu saufen und voll zu dröhnen, wird es zum Normbruch, einen Platz für Leute einzufordern, die daran kein Interesse haben. Womit wir wieder beim freien Raum wären. Dass einige Menschen Straight Edge tatsächlich zu einer Ideologie mit strengen Regeln gemacht haben, ist unbestritten. Aber nicht alle Menschen, die Straight Edge sind, können dafür verantwortlich gemacht werden, dass es auch unter Straight-Edgern Idioten gibt.

Wie dem auch sei, wenn Hoekman in seiner Kritik an Straight Edge meint, dass Punk „vor allem eine Art zu leben“ sei, kann ich ihm freudig bestätigen, dass selbst Straight Edge nicht zum Tode führt! (ebd.) Ende gut, alles gut

Wie erwähnt: Debatten dieser Art sind in Punkkreisen unvermeidlich. Kein gemeinsames Programm zu haben, bedeutet auch, alles verschiedentlich auslegen zu können. Das freilich ist eine der grossen Stärken des Punk. Um noch einmal Ian MacKaye zu bemühen:

„Was auch immer ich in meinem Leben tue – das, was mich am meisten interessiert, ist Kreativität. Und das nenne ich Punk. Wenn Leute mir nicht zustimmen – bitte sehr, das ist mir völlig egal. Sie können Punk genauso sehen, wie sie ihn sehen wollen. Aber ich sehe ihn so, wie ich ihn sehen will.“ (MacKaye 2011, S. 31)

Hoekmans Buch ist ausgezeichnet und allen zu empfehlen, die sich für Punk interessieren, ob sie nun neugierige Outsider oder erfahrene Szene-Zampanos sind. Letztere neigen leider immer wieder zu eher unkonstruktiven „Weiss ich doch alles schon“-Urteilen. Aber erstens geht’s darum nicht, weil Herausforderungen, unser Wissen und unser Verständnis zu überprüfen, immer wieder die Hirnzellen anregen. Zweitens handelt es sich hier um ein Einführungsbuch, und der Sinn eines Einführungsbuches ist es nicht, Expertenkenntnisse zu übertrumpfen, sondern gut, verständlich und anregend in eine Materie, tja, einzuführen. Und drittens schummeln die Alleswisser sowieso – auch sie werden in dem Büchlein einiges finden, das sie noch nicht wussten.

Gabriel Kuhn
kritisch-lesen.de

Gerrit Hoekma: Pogo, Punk und Politik. Unrast Verlag, Münster 2011. 72 Seiten, ca. SFr 14.00, ISBN 978-3-89771-111-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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