Das erinnert an Rituale in der kommunistischen Wirklichkeit der stalinistischen Bewegung, wo Ende der 1940er Jahre der Kampf gegen den Zionismus ausgerufen worden war. Aber auch Linke, die sich kritisch zu Staat und Nation positionieren und keinerlei Sympathie mit Stalin und seinen Epigon*innen haben, bleiben vom Streit um die richtige Positionierung im Nahostkonflikt nicht verschont. „Das anarchistische Lager bildet hier keine Ausnahme, und so divers der Anarchismus auch ist, so verschieden sind die Sichtweisen auf den 7. Oktober und seine Folgen.
Tragischerweise geraten die erklärten Kämpfer*innen für die Freiheit immer wieder auf antisemitische Abwege, wobei dies keinesfalls neu ist. Im historischen Anarchismus hat es sowohl Antisemitismus als auch dessen entschiedene Bekämpfung gegeben“, heisst es auf der Rückseite eines Sammelbandes mit dem Titel „Anarchistische Scheidewege“, der bisher nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient hätte. Denn dort finden sich 15 Beiträge, die Impulse zur Debatte über Anarchismus und Antisemitismus in einer historischen Perspektive geben. So blickt Olaf Briese auf historische Figuren, die zumindest zeitweilig mit dem Anarchismus in Verbindung gebracht wurden und ein antisemitisches Weltbild vertraten. Bei Richard Wagner währte die anarchistische Phase nur kurz. Der spätere Nutzniesser und Verehrer der deutschen Feudalgesellschaft prägte mit einigen seiner Schriften den Antisemitismus der deutschen Eliten des späten 19. Jahrhunderts.
Auch Wilhelm Marr war nur wenige Jahre in anarchistischen Kreisen aktiv, seine antisemitischen Schriften wurden aber viel bekannter und einflussreicher. Es verwundert, dass Proudhon nicht auch in diese Reihe aufgenommen wurde. Schliesslich wird er trotz seines Antisemitismus noch immer von vielen als Anarchist anerkannt.
Begeisterung für die Kibbuzim
Jürgen Mümken beschreibt in seinem Text, dass viele Anarchist*innen sich positiv auf die Kibbuzim bezogen und trotz ihrer Staatskritik Verständnis für die Gründung Israels als Schutzort der jüdischen Bevölkerung zeigten.Dazu gehörte auch der bekannte Anarchist August Souchy. Der Anarchist Willi Paul fragte sich bei aller Bewunderung für den Idealismus der Kibbuzbewohner*innen bereits in den 1960er Jahren: „Wohin hätte dieser soziale Neubau führen können – der sich auf die Vielfalt des menschlichen Lebens bezog – der aber mit der Staatsgründung von Ben Gurion seines Wesens-Inhaltes entkleidet wurde?“ (S.37).
Hier soll noch einmal auf das im Verlag Graswurzelrevolution auf deutsch erschienene Buch „Gelebte Revolution“ verwiesen werden, in dem James Horrox untersucht, welch grossen Anteil in der Frühphase der Kibbuzbewegung Anarchist*innen und Sozialist*innen hatten. Horrox beschreibt aber auch, wie diese linke Bewegung zurückgedrängt wurde, als die Kibbuzim nach der Gründung Israels zum Staatsprojekt wurde.
Eine entscheidende Frage war für eine emanzipatorische Linke, ob sie auch offen für alle Menschen unabhängig von Herkunft und Revolution waren. Die Kibbuzim waren auch ein sichtbares Symbol des sozialistischen und sozialdemokratischen Zionismus. Mit dem Aufstieg der Rechten in Israel wurde auch die Kibbuzbewegung immer mehr marginalisiert.
Es ist gut, dass in dem Buch Anarchistische Scheidewege der schwarz-rote Faden die Zurückweisung von jeden Antisemitismus ist und ansonsten Raum für Fragen und Zweifeln bleibt. Das ist auch das Thema des Beitrags von Gerhard Hanloser in dem Buch. Er warnt vor Vereinfachungen in der Diskussion auf beiden Seiten. So lehnt er die Gleichung Antizionismus ist Antisemitismus ab, wendet sich aber gegen eine Dämonisierung des Zionismus. Er erinnert an die unterschiedlichen Strömungen des Zionismus in der Geschichte. Mit persönlichen Erfahrungen begründet Rudolf Mühland, wie er den Antizionismus seiner Jugendjahre über Bord warf und sich vehement gegen antisemitische Tendenzen im Anarchismus positioniert. Timo Gambke schreibt, dass eine Relektüre anarchistischer Klassiker nicht dazu führen wird, die heutige Gesellschaft zu analysieren. „Abhilfe könnten hier Karl Marx sowie diverse sich auf ihn beziehende Autoren schaffen“ (S.92).
Dieses Lob für Marx ist in anarchistischen Kreisen eher selten. Dass auch Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen keineswegs gefeit waren gegen die Beeinflussung durch den NS-Faschismus, beschreibt Torsten Bewernitz am Beispiel der Ortsgruppe der anarchosyndikalistischen FAUD Dortmund-Mengede, die die erste NSDAP-Ortsgruppe ausserhalb Bayerns wurde (S.108). Bewernitz betont auch, dass eine Kritik an regressivem Antizionismus noch lange nicht bedeuten muss, zu applaudieren, wenn Kongresse und Demonstrationen der palästinasolidarischen Szene von der Polizei an anderen repressiven Staatsorganen angegriffen werden. „Wenn ‚Staatsräson' allerdings zur unhinterfragbaren ethischen Letztbegründung mit staatlich-repressiven Konsequenzen mutiert (was ihr eigentlich immanent ist), sollten die Alarmglocken schrillen“ (S. 101), schreibt er manchen linken Freund*innen von Polizei und Staatsgewalt ins Stammbuch.
Sam Oht widmet sich den Debatten zu Israel nach dem 7. Oktober im rätekommunistischen und bordigistischen Milieu. Doch wird die brutale Kriegsführung auf beiden Seiten kritisiert. „Israel wird nicht zum alleinigen Akteur erklärt, der Konflikt nicht auf einen von Unterdrücker und Unterdrücktem reduziert... Der grassierenden linken Schrulle (...) im blutigen Konflikt zweiter Nationalismen auf einen der beiden Seiten Partei zu ergreifen“, soll der antinationale Klassenkampf entgegengestellt werden“, (S162) fasst Oht die Debatten dort zusammen.
Im Zweifel für die eigene Mutter
Das Buch liefert viele Denkanstösse, gerade weil die Beiträge eben nicht auf eine kleine linke Szene ausgerichtet ist. So beschreibt Kristian Williams, warum Albert Camus zu Unrecht beschuldigt wurde, im Algerienkonflikt Partei für die französische Kolonialmacht ergriffen zu haben. Dabei hat er sich in einem Interview mit nachvollziehbaren Argumenten gegen die Bombenanschläge der Algerischen Befreiungsbewegung in den späten 1950er und frühen 1960er Jahre gewandt. Dabei explodierten Bomben auch in Bussen, auf öffentlichen Plätzen und in Cafés. „Ich muss auch den blinden Terror anprangern, der zum Beispiel in den Strassen von Algier zu sehen ist und der eines Tages meine Mutter oder meine Familie treffen könnte. Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber ich werde meine Mutter vor ihr verteidigen“ (S.180).Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Antizionismus bleibt im Buch strittig. „Werden anarchistische Prinzipien ernst genommen, richten sich diese gegen den Antizionismus, als eine Ablehnung lediglich des jüdischen Staates und verweisen auf die universelle Staatsverneinung“, S. 53), schreibt Frederik Fuss in seinen 12 Thesen zu Antizionismus und Anarchismus.
In anderen Texten wird hingegen die Position vertreten, dass Anarchist*innen gerade, weil sie jeglichen Staat ablehnen, auch Antizionist*innen sein müssen. Dass diese Positionen nebeneinander stehen bleiben, ist gerade ein Verdienst des Buches. Es lädt zu Debatten ein. Zweifel sind erwünscht. Das sind Eigenschaften, die heute in den innerlinken Debatten, gerade wenn es um den Nahostkonflikt geht, auf beiden Seiten äusserst selten sind.
Hier könnte das Buch Massstäbe auch für die innerlinke Debattenkultur setzen. Deswegen ist es bedauerlich, dass das Buch nicht stärker zur Kenntnis genommen wird. Bei einer hoffentlich erfolgten Neuauflage sollte allerdings noch ein Autor*innenverzeichnis eingefügt werden.


