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Franzi von Kempis: Anleitung zum Widerspruch | Untergrund-Blättle

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Franzi von Kempis: Anleitung zum Widerspruch Werkzeuge zum Widerspruch

Sachliteratur

Verschwörungstheorien, rechte Parolen, Rassismus: Dieses Praxis-Handbuch will zum Widerspruch anleiten.

„Mahnwache“ der Reichsbürgerbewegeung (BRDGmbHVerschwörung) am Rande des Dresdner Theaterplatzes.
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Bild: „Mahnwache“ der Reichsbürgerbewegeung (BRD-GmbH-Verschwörung) am Rande des Dresdner Theaterplatzes. / Kalispera Dell (CC BY 3.0 unported - cropped)

9. November 2020

09. 11. 2020

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„Nie mehr sprachlos“ verspricht das Buch „Anleitung zum Widerspruch“ der Berliner Journalistin Franzi von Kempis. Nach seiner Lektüre sollen die Leser*innen sexistische Sprüche bei der Weihnachtsfeier, Impfgegner*innen beim Kindergeburtstag und antisemitische Kommentare unter einem Facebook-Post kontern können. In der Tat hält sich das knapp 300 Seiten lange Buch nicht gross mit Theorie auf. Was Spickzettel sein will, darf nur die Schlüsselfakten enthalten. Eine kurze Einführung gibt Tipps, wie man (richtig) diskutiert.

So wird zum Beispiel empfohlen, bei einer Diskussion die eigenen Ziele zu definieren, eine konstruktive Haltung einzunehmen, zuzuhören und selbst sachlich zu bleiben. Sachlich zu bleiben ist jedoch das Vorrecht von Personen aus der gesellschaftlichen Mitte wie der Autorin, die selbst nicht oder kaum von diskriminierender Gewalt betroffen sind. Sachlichkeit zu fordern grenzt hier an ein sogenanntes „Tone Policing“. Diese Denkart wertet Kritik ab, die emotional geäussert wird. Dass Betroffenen zwischendurch zu Recht die Hutschnur platzt und Gefühle den Inhalt der Kritik nicht delegitimieren sollten, ist etwas, das sich bei mehrfachprivilegierten Personen leider noch nicht rumgesprochen hat.

Kategorien fallen nicht vom Himmel

Franzi von Kempis behauptet, dass Menschen automatisch kategorisieren und andere in vorgefertigte Schubladen einordnen. Nach welchen Merkmalen sie sortierten, sei nicht vorgegeben. Damit blendet sie jedoch Herrschaftssysteme und deren Dynamiken aus. Kategorien wie „race“ oder „gender“ sind nicht einfach von einer unsichtbaren Instanz vorgegeben, universell gültig und unveränderlich (quasi „natürlich“). Sie wurden gebaut und werden reproduziert von denen, die davon profitieren, bewusst oder unbewusst.

Franzi von Kempis verweist auf Gesetze und Gerichtsurteile als mögliche rote Linien für die Meinungsäusserungsfreiheit, zum Beipiel auf den Straftatbestand der Volksverhetzung. Insbesondere Gesetze seien jedoch keine klaren Grenzen des Sagbaren, da sie Auslegungssache sind. Für von Kempis ist deswegen der erste Artikel des Grundgesetzes ihr einziger Fixstern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Ihre Kritik an den Grenzen der Justiz bleibt jedoch dort stehen. Sie lässt aussen vor, dass Gesetze nie neutral sind, sondern Herrschaft strukturieren und reproduzieren. Das hätte von Kempis in wenigen Zeilen zum Beispiel anhand des aktuellen Themenkomplexes des „Racial Profiling“ ausführen können, das im Alltag dringend Widerspruch erfordern würde, jenseits von Facebook und Kommentarspalten. Die Kritik an Institutionen und die Mitverantwortung der Mitte für institutionelle Gewalt gehört jedoch nicht zum Ansatz dieses Buchs. Die Grundannahme der Autorin ist, dass Diskriminierung und „Populismus“ Ergebnis individueller Haltungen und Handlungen ist, denen entsprechend auch individuell begegnet werden kann mit den Mitteln der Weiterbildung und des Widerspruchs.

Von A wie Antisemitismus bis V wie Verschwörung

Für ihr Handbuch hat sich die Autorin sechs Themen ausgewählt, bei denen es besonders im Netz viel Hass gebe. Mit Stand 2019 sei das gemäss der Autorin der Fall beim Klimawandel, Antisemitismus, zu Verschwörungstheorien und antimuslimischen Rassismus, zu Sexismus sowie rassistischem Hass gegenüber Geflüchteten. Die Kapitel werden als Antworten auf Behauptungen aus diesen Themenwelten bezeichnet. Wenn zum Beispiel ein*e Reichsbürger*in behauptet, die BRD sei eine GmBH, liefert das Buch folgende Antwort darauf:

„- Was stimmt: Im Frankfurter Handelsregister ist eine ‚Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH‘ eingetragen, die Bundesrepublik ist deren alleiniger Gesellschafter.
- Aber: Nur, weil eine Firma gegründet wird, wird dadurch die Person, die sie besitzt, ja nicht selbst zur Firma.
- Die Finanzagentur wurde einfach nach ihrem einzigen Kunden, der Bundesrepublik benannt. Mit anderem Namen gäbe es vielleicht die ganze Verschwörunstheorie nicht?“ (S. 118)

Ob Reichsbürger*innen sich davon überzeugen lassen und ihre Weltsicht aufgeben, mag bezweifelt werden. Wahrscheinlich erreichen solche Antworten eher Personen, die mitlesen und noch kein geschlossenes Weltbild haben.

Zu Beginn der Kapitel gibt es immer etwas Theorie, die wenig voraussetzt, und am Ende kurze Zusammenfassungen sowie Info-Boxen mit den wichtigsten Punkten, so dass Leser*innen selbst entscheiden können, wie tief sie in die Materie eintauchen. Für die Recherche hat sie mit Expert*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen gesprochen. Diese werden benannt und zitiert, das Wissen anderer nicht fürs eigene ausgegeben.

Leichtes Unbehagen verursachen jedoch die Namen der zitierten Personen, die grösstenteils weiss klingen, eine schwierige Annahme, ja, aber so finden sich zum Beispiel gerade im Kapitel zu antimuslimischen Rassismus kaum migrantisierte Namen. Frohes Aufatmen jedoch, dass die Autorin dem EMMA-Feminismus nicht auf den Leim geht, der behauptet, Kopftücher seien ein Zeichen der Unterdrückung und gehörten verboten. Franzi von Kempis erkennt ganz richtig, dass Frauenkörper generell konstant beurteilt und geregelt werden, egal ob sie Bikini oder Hijab tragen.

Mit Bill Gates an der Kaffeetafel

Das Buch ist durchzogen von einem wohlwollenden, aber leider unsichtbar gemachten Weiss-Sein. Das Basis-Know-How zu Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus und Gender kommt aus der Mitte, und richtet sich an eben diese. In ihrer Vorstellung sitzen die nicht-betroffenen Leser*innen mit ihren Tanten, Onkeln und Bill Gates an mal raunenenden, mal populistisch-aufgebrachten Kuchen- und Kaffeetafeln. Für nicht-betroffene Personen ist der Widerspruch eine Option, aber keine Überlebensstrategie. Ihre Anleitung stellt weder Hilfe für Betroffene von Diskriminierung dar, noch erreicht sie jene, die bereits allzu fest Wurzeln geschlagen haben in menschenfeindlichen Glaubenssystemen.

So weiss die Zielgruppe vermutlich ist, so cissig wird sie auch angenommen. Das Kapitel zu Sexismus und Gender fällt leider durch besondere Uninformiertheit auf. Wird zunächst noch Sexismus anhand „häuslicher“ Gewalt und Gender Pay Gap solide durchdekliniert, wird bei „Gender“ auf einmal von „Transgender“ und „Transsexualität“ gesprochen. Es werden also diskriminierende Begriffe und Konzepte benutzt, die im aktivistischen Diskurs schon lange durchgefallen sind. Dass es stattdessen „trans Personen“ heisst (d.h. „trans“ als Adjektiv gebraucht wird) und transsexuell ein Begriff ist, der unter anderem davon ablenkt, dass es um die Geschlechteridentität geht, wäre eine Google-Recherche entfernt gewesen.

Wie andere marginalisierte Communities selbst sind auch trans und/ oder nicht binäre Personen gut organisiert und vermitteln unter anderem im Netz relevante Inhalte aus erster Hand. Von nicht binären Personen wird in dem Kapitel jedoch gar nicht gesprochen, auch wenn eingeräumt wird, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt – was jedoch vor allem an inter Körpern festgemacht wird, die jedoch jegliches Geschlecht (oder auch mehrere, oder auch keines) haben können – wie alle anderen Körper auch.

Was an dem Buch gefällt, ist die stabile Grundhaltung der Autorin, und der starke Appell an andere in ihrem bürgerlichen bzw. linksliberalen Umfeld, Widerspruch zu leisten. Hätten sich das mehr privilegierte Personen zu Herzen genommen, im Netz oder im Analogen, wären die Grenzen des Sagbaren in den letzten beiden Jahrzehnten womöglich nicht so weit nach Rechts verschoben worden. Dazu hätte der Widerspruch jedoch in der gesellschaftlichen Mitte mit sich selbst anfangen müssen. Die Mitverantwortung der Mitte für das Erstarken des Faschismus über Positionen wie „Mit Rechten reden“ kommt in dem Buch leider nicht explizit zur Sprache. Es setzt vielmehr auf individuelle Interventionen gegenüber dem mutmasslichen Rand der Gesellschaft. Im September 2019 erschienen, kann man es also als gut gemeintes Selbsthilfe-Buch für Linksliberale verstehen, das sich jedoch 2020, im Jahr von Corona-Pandemie und von „Black Lives Matter“, sowohl inhaltlich als auch formal überholt liest.

Rosen Ferreira
kritisch-lesen.de

Franzi von Kempis: Anleitung zum Widerspruch. Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien. Mosaik Verlag, Gütersloh 2019. 288 Seiten, ca. 19.00 SFr ISBN: 978-3442393558

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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