UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische

9451

Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Solidarität am Beispiel eines Syndikats der FAU

book-open-reader-677583-70

Sachliteratur

Die Welle der 'Neuen Klassenpolitik' ebbt mittlerweile wieder ab. Und ihre klassenkämpferischen Aktiven treiben zunehmend hinüber in die Linkspartei, NGO- und Organizingjobs, den akademischen Elfenbeinturm, die sozialarbeiterische Passion.

Buchcover.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Buchcover. Foto: Keine

Datum 31. Dezember 2025
0
0
Lesezeit7 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Doch einige Basisorganisierungen bleiben stabil: beispielsweise das Syndikat der Freien Arbeiter*innen-Union in unserer Stadt. Es hat mittlerweile über 400 Mitglieder, kann auf erfolgreiche Betriebskampagnen, viele gewonnene Individualkonflikte und starke Aussenwirkung zurückblicken.Doch solche Basisorganisierungen, deren Organisationsmacht in den letzten Jahren zugenommen hat, stehen heute vor neuen und tiefgreifenden Problemstellungen. Denn sie verdanken ihre Erfolge aktivistischen Aufbauprozessen, in welchen die arbeitsteiligen und weiteren Spaltungen der Arbeiter:innenklasse wiederholt wurden.

In und mit ihnen entfalten sich zunehmend Beziehungsweisen, die auf Trennungen basieren zwischen denen, die die Ideen haben und denen, die sie umsetzen, zwischen Führenden und Geführten, zwischen Helfenden und Bedürftigen.Der kritischen Analyse und praktischen Eindämmung dieser Spaltungen und Trennungen widmet sich dieses Buch: ein Ratgeber für die Beziehungsprobleme zwischen 'ausserirdischen' Aktivist:innen, widerständigen Lohnabhängigen und freiheitlich sozialistischen Basismilitanten!

Hier beisst sich die schwarze Katze in den Schwanz

Zehn Jahre meines Lebens bin ich jetzt schon politisch aktiv, zweieinhalb Jahre davon auch in der FAU. Das war ganz schön anstrengend. Deswegen freue ich mich auch schon auf meine bevorstehende Pause von dieser Arbeit.

Bevor ich mich aber auf den Weg vom Aktivismus zu mir selbst machen kann, erreicht mich die Möglichkeit, nochmal so richtig abzuliefern und hier nun das Wort an euch Leser:innen zu richten. Also schiebe ich das Schreiben der universitären Hausarbeiten für mein Lehramtsstudium beiseite, kläre das mit der Krankenversicherung wann anders und kümmere mich später um die Wohnungssuche im Ausland.
Und ich stürze mich in meiner Freizeit voller linksradikaler Begeisterung in das vorliegende Werk – nur, um vom Bumerang meiner eigenen Agitation der letzten Jahre – "Yay, Klassenkampf!" – am Kopf getroffen zu werden.

"Wie; ich? Und der Klassenkampf? Wie passt das zusammen?"

Nun ja, vermutlich werden weite Teile der Leser:innenschaft sogleich zu antworten wissen, dass der herkömmliche linke Aktivist unserer Zeit sich leider meist nur in Kleingruppen organisiert, die in tagespolitischen Abwehrkämpfen verhaftet sind. Mit der Mentalität einer PR-Agentur werde dort 'politische Arbeit' in Propaganda-Aktionen gesteckt, ohne die Abhängigkeit von den adressierten Entscheidungsträger:innen zu überwinden. Man selbst habe hingegen bereits verstanden, dass es um den Aufbau klassenkämpferischer Basisorganisierungen an Arbeitsplatz und Wohnort gehe und man dement-sprechend auch in einer solchen aktiv sei.

Ähnlich führten mich auch meine Erfahrungen in eine Basisorganisierung: In ein Syndikat der FAU, wo der Genosse Franz mein Buddy wurde, wenige Jahre, nachdem er sich nach einem ähnlichen Werdegang zu einem 'radikalen' Schritt entschieden hatte: am Arbeitsplatz zu kämpfen. Als Gewerkschaftsak-tivist nahm er also einen Job im Lieferland an, um die dortige Betriebsgruppe zu unterstützen. Doch, wie er es beschreibt, war das nur der Gipfel seiner aktivistischen alienation (engl. Entfremdung).

Während er sich nämlich dem Schauplatz der Ausbeutung anderer als aufopfernder 'Ausserirdischer' näherte, entfernte er sich von sich selbst – und handelte gegen seine eigenen unmittelbaren Interessen als Arbeiter. Denn er war weder existenziell auf diesen Job angewiesen, noch empfand er ihn irgendwie als erfüllend. Diese Erkenntnis führte zu einer existenziellen Krise der eigenen politischen Bewegtheit, die schliesslich zum Ausgangspunkt für eine umfassendere Analyse unseres Syndikats in Form dieses Buches werden sollte.

Franz beobachtet eine Spaltung der grossen Mehrheit der Gewerkschaft in einerseits konsumierende und andererseits dienstleistende Mitglieder. Er führt diese Spaltung unter anderem auf die aktivistische Prägung der letzteren Aktiven zurück – und an dieser Stelle fühlte ich mich beim Lesen ertappt:
Als ich in die FAU kam, war ich hauptsächlich politisch motiviert, die anti-autoritäre Entwicklung der Gesellschaft voranzutreiben, organisierte Demonstrationen für unser Syndikat mit und unterstützte ein Mitglied im Arbeitskampf. In der bundesweiten Sommerschule wandelte sich meine anfängliche Enttäuschung über reine Gewerkschaftsthemen im Programm dann auch schnell zu einer Art Faszination für ihren revolutionären Glanz des echten Arbeitskampfes, für dessen aktivistische Unterstützung ich ja angetreten war. Auch in Neumitgliedertreffen ging es hauptsächlich darum, in eine Unterstruktur des 'über den Dingen schwebenden' Dienstleistungsapparats, unser Syndikat, eingebunden zu werden.

Einerseits brachte ich also das typisch bildungsbürgerlich ansozialisierte, aktivistische Helfer-Syndrom mit, andererseits wurde ich entsprechend dieser stellvertretenden Funktion als Ausserirdischer in das 'Raumschiff' des Syndikats integriert. Von dieser Feststellung einer überwiegenden Spaltung in Dienstleister:innen und Konsument:innen der Gewerkschaft ausgehend, folgt zunächst ihre analytische Schärfung in den folgenden Kapiteln. Der Motor der Betrachtung historischer, internationaler und vor allem lokaler entsprechender Beispiele ist dabei stets der Wunsch, diese Spaltungstendenz in Zukunft überwinden zu können.

Dafür geht der Autor einigen Fragen auf den Grund, die nicht nur für unser Syndikat relevant sein dürften: Was müssen wir nun, nach dem erfolgreichen Führen erster gewerkschaftlicher Kämpfe, konkret verändern, um uns weder zur politischen Kleingruppe zurückzuentwickeln, noch als reformistische Gewerkschaft wie jede andere zu enden? Wie müssen wir unsere Strukturen gestalten, damit sie den jetzt schon Widerständigen im Betrieb nicht nur dienen, sondern selbst von ihnen gestaltet werden? Und um die Aufhebung der Spaltung zu vervollständigen, gehört zu guter Letzt auch die Frage, wie den (kern-)aktiven Gewerkschaftsaktivist:innen wieder dazu verholfen werden kann, für sich selbst zu kämpfen.

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist ein konkreter Vorschlag für ein zeitge-mässes, syndikalistisches Programm, das es in sich hat. Von Forderungen wie bspw. nach der Entziehung des Stimmrechts von mandatierten Kernaktiven, die nicht an ihrem eigenen Arbeitsplatz kämpfen, dürften diese sich durchaus auf den Schlips getreten fühlen. In der Genese des Programms wird weiterhin immer wieder die Debatte über die Einführung bezahlter Stellen auf die eine oder andere Weise gestreift, wobei das Fazit schliesslich negativ ausfällt.

Auch die geäusserten Überlegungen zu den möglichen Vorteilen eines für eine Mitgliedschaft erforderlichen Bekenntnisses zu den Zielen der FAU sollten neugierig machen – von Branchenvernetzungen und 'Lokalföderatio-nen' ganz zu schweigen.

In diesem Sinne wünsche ich viel Spass bei der Lektüre dieses gewagten und überraschenden Denkanstosses, gewonnen aus neuesten Erfahrungen und Dis-kussionen der syndikalistischen Bewegung unserer Zeit im deutschsprachigen Raum. Egal, inwiefern man nun dem Programmvorschlag zustimmt oder nicht; er ist es wert, breit als Lösungsansatz für die aufgezeigten Probleme diskutiert zu werden. Mir jedenfalls hat das Buch einen Spiegel vorgehalten und mich immer wieder dazu gebracht, mein eigenes Verhältnis zu dieser Basisorganisierung, in der ich aktiv bin, zu hinterfragen ...
Das Kindergeld fliesst nun bald nicht mehr und der Studienabschluss rückt immer näher – und ich merke nur umso deutlicher, dass ich lieber noch länger als 'Ausserirdischer' leben würde, der sich selbst vergisst und seinen wirkli-chen, direkten Kämpfen und Abhängigkeiten fernbleibt; der sich nur hin und wieder aufopferungsvoll aus dem 'Raumschiff' des Syndikats herablässt und den anderen, bedürftigen Mitgliedern hilft. Aber nein, so langsam kickt die Lohnabhängigkeit endgültig rein und ich muss mich ihr wohl oder übel stellen – und hier beisst sich die syndikalistische Katze mit ihrer Agitation in den Schwanz.

Wie die meisten sich heutzutage als linksradikal Verstehenden könnte ich mein aktivistisches Hobby ersatzlos aus meinem Leben streichen, mich also meiner Umgebung anpassen. Wahlweise kann ich dabei auch mein Hobby zum Beruf machen und der Illusion verfallen, durch inhaltlich politische Lohnarbeit (bei einer NGO, im sozialen Bereich…) irgendwie den Kapitalis-mus abschaffen zu können. Alternativ könnte ich versuchen, einen irgendwie gut bezahlten Job mit flexiblen Arbeitszeiten zu bekommen oder mich mit anderen Tricks von der Lohnarbeit fernzuhalten, um Vollzeitaktivist bzw.

Berufsrevolutionär zu werden und mich einer höheren Sache, womöglich bis hin zur Selbstzerstörung, hinzugeben. So etwa, indem ich meine ganze unbe-zahlte Arbeitskraft in organisatorische Aufgaben unseres Syndikats stecke und auch die Wahl meiner Lohnarbeit nur seinen Zielen unterwerfe.

Oder aber, ich höre mir selbst zu, wenn ich vom Klassenkampf rede und verschmelze den Aktivisten und den Arbeiter in mir wieder zu einem Ganzen: Ich entscheide mich für eine Lohnarbeit, die halbwegs meinen Vorlieben entspricht und mit der ich mich über Wasser halten kann. Und dann mache mich mit der FAU im Rücken daran, mir dort die kollektiv selbstbestimmten Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, unter denen ich gerne produziere.

Nico Manda

Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische. Syndikat A, November 2025. 358 Seiten. ca. 18.00 SFr. ISBN: 978-3-949036-17-0.