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Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische

Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische Von Ausserirdischen, Raumschiffen und gewerkschaftlichem Aktivismus

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Sachliteratur

Bei Syndikat-A erscheint nun der Band Lieber leben wir als Ausserirdische des „Genossen“ Franz Heuholz. Darin wird noch einmal die Artikelserie zum sogenannten „Salting-Tourismus“ wiedergegeben.

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Datum 14. Juni 2026
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Im Buch wird Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Militanz am Beispiel eines Syndikats der FAU kritisch besprochen. Damit stellen die auf eigene Erfahrungen basierten Ausführungen einen wertvollen Beitrag zur Reflexion über Selbstverständnisse, Zielvorstellungen und Probleme des „Aktivismus“ dar. Im Vorwort schreibt der Genosse Markus:

Diese Schrift unternimmt den sehr ambitionierten Versuch, ausgehend von einer konkreten Erfahrung des politischen Aktivismus, die Rahmenbedingungen zu befragen, in denen dieser Aktivismus sinnvoll erscheint. In diesem Sinne ist es für alle jene lesenswert, die ein Unbehagen sowohl mit den gegenwärtigen Verhältnissen hegen als auch mit der linken Szene und dem, was im Buch liebevoll als „revolutionäres live-action-role-play“ bezeichnet wird (S. 7).

Hierbei gilt es auch das idealistische Konstrukt einer „Neuen Klassenpolitik“ zu hinterfragen, welche in „gewerkschaftsfreundlichen“ Kreisen fetischisiert wurde, da sie selbst ein Ausdruck von Kaderdenken und der Distanz vermeintlich sozialrevolutionärer Intellektueller zu ihrer Basis dargestellt. Mit dieser Denkweise geschieht eine Ausblendung der eigenen politischen und sozialen Position, die unzulässigerweise damit kaschiert wird, das festgeschrieben wird, es gäbe ein „revolutionäres Bewusstsein“. Dieses gälte es dann an esoterischen Orten aufzubewahren, von wo ausgehend es in die potenziell revolutionären Subjekte hinein diffundieren soll – wenn die Bedingungen dafür reif wären; und das scheinen sie in der BRD grundsätzlich nie zu sein. Markus schreibt:
Gerade die Art und Weise dieser Ausblendung versucht das vorliegende Buch herauszuarbeiten. Denn es ist nicht nur eine einfache Entscheidung, die man auch anders machen könnte. Sondern wenn wir den Schriften der iL, der Antifa Kritik und Klassenkampf oder auch den solidarischen Netzwerken glauben wollen, dann nehmen diese sich ja immer wieder vor, mehr Basisarbeit und mehr soziale Kämpfe zu leisten. Gleichzeitig verfehlen sie in ihrer Praxis diesen Anspruch allzu oft. Gerade diese Verfehlung gilt es genauer zu verstehen, anstatt erneut nur eine andere Praxis zu fordern, die die alten Ideale gegen die fehlgeleitete Praxis ausspielt. Stattdessen braucht es ein Verständnis für das Fehlgehen dieser Praxis. Denn solange diese Verfehlung nicht verstanden wird, besteht die Gefahr, sie zu wiederholen (S. 13).

Meines Erachtens zeigt sich hierbei als wesentliches Problem, das mit dem Aktivismus auf politische Logiken, Institutionen und Prozesse fokussiert wird. Wie „radikal“ sich Politikgruppen (auch wenn sie sich als gewerkschaftlich verstehen) sich auch immer wähnen – letztendlich bleibt dieser Politizismus oberflächlich: Scheinbar verspricht er Erfolge, tatsächlich werden damit aber keine Stadtteilzentren betrieben, Betriebsgruppen gegründet der Strukturen der gegenseitigen Hilfe aufgebaut. In der vorliegenden Schrift wird ausgiebig darüber reflektiert, dass auch syndikalistische Praktiken dieser Gefahr nicht entgegen, nur weil mit ihnen behauptet wird, dass sie sich an einer „eigentlichen“ Praxis orientieren würden.

Da ich selbst nicht gewerkschaftlich organisiert und aktiv bin, kann ich das Thema meinerseits nur von aussen betrachten. Klar, es handelt sich um eine Spezialdebatte, die Aussenstehenden nicht unmittelbar zuänglich ist. In diesem Zusammenhang ist die Kritik des (anarch@-syndikalistischen) Aktivismus' aber auch ein Ansatzpunkt, um anarchistisches Denken allgemein weiter zu entwickeln. Ferner werden im Buch auch strategische Überlegungen angestellt – was nun mal in dem Anarchismus nahestehenden Kreisen nicht besonders häufig geschieht.

Ein Aspekt des Dienstleistungs-Aktivismus wird soweit ich sehe von Franz Heuholtz allerdings nicht thematisiert: Das Engagement „für andere“ kann auch einen legitimen Versuch darstellen, die eigene Entfremdung zu bearbeiten und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Das basisgewerkschaftliche Engagement bietet keine umfassenden Lösungen für Orientierungslosigkeit, Phantasielosigkeit, Ohnmachtsgefühle und Erschöpfung des niedergehenden liberalen staatlichen Kapitalismus' – doch immerhin werden mit ihm Erfahrungen in Auseinandersetzungen gemacht.

Das Buch gliedert sich in die sechs Hauptkapitel (B) Salting-Tourist:innen , (C) Das ‚Raumschiff' unseres Allgemeinen Syndikats , (D) Marginale Stärkung von Arbeiter:innenmilitanz , (E) Die Tendenz der Disziplinierungsmaschine , (F) Zurück in die Herde, Hirt:in? und (G) Mit uns voran? Eine militante Abzweigung. – Passagenweise stellt das Buch eine Collage dar, insofern ausgiebig verschiedene Texte der anarch@-syndikalistischen Debatte zitiert werden.

Wer es doch noch einmal mit dem Salting probieren möchte, sollte sich zumindest mit den Erfahrungen derjenigen beschäftigen, die sich Hals über Kopf dort hineingestürzt haben. Heuholz schreibt:

Darüber hinaus waren alle von uns Salts Anfänger:innen, was folgende Dinge angeht: 1. Persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen, also ‚Augenhöhe' mit den Kolleg:innen. 2. Wissen um die Lebensrealität und existentiellen Zwänge der Kolleg:innen. 3. Einfühlung in ihre Bedürfnisse, Wünsche und Probleme. 4. Verständnis ihrer notwendigen Verdrängungsleistungen auf Arbeit und ihrer existentiellen Angewiesenheit auf den Job. 5. Wissen über den Betrieb, seine Hierarchien und Arbeitsabläufe sowie seine Schwachstellen und Druckpunkte. 6. Produktionsintelligenz, also das Wissen und die Fähigkeit, den Laden am Laufen zu halten. 7. Informelle Konflikterfahrungen im Betrieb. 8. Widerstandsfähigkeit auf der Arbeit und einen gewissen Eigensinn. 9. Wissen um realistische Handlungsmöglichkeiten. 10. Erfahrungen mit (abwesenden) etablierten Gewerkschaften im Betrieb, in Bezug auf die Bearbeitung der konkreten Arbeitsrealität. 11. Gewöhnung an die Arbeit selbst und entsprechendes Durchhaltevermögen sowie 12. ein Verständnis der internen Konfliktlinien, Spaltungen, Privilegierungen und Kräfteverhältnisse (S. 34 ).
Franz Heuholz: Lieber leben wir als Ausserirdische. Syndikat A, November 2025. 358 Seiten. ca. 18.00 SFr. ISBN: 978-3-949036-17-0.

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