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Frankfurter Archiv der Revolte e.V.: Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974. | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Frankfurter Archiv der Revolte e.V.: Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974. Jeder Stein wo abgerisse, wird von uns zurückgeschmisse!

Sachliteratur

Ein Ausstellungskatalog dokumentiert die Hausbesetzungen und Häuserkämpfe in Frankfurt am Main der 1970er Jahren und ruft sie als politisches Mittel zurück ins Gedächtnis.

Köpi beibt Strassenfest in Berlin, Mai 2021.
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Bild: Köpi beibt Strassenfest in Berlin, Mai 2021. / Montecruz Foto (CC BY-SA 2.0 cropped)

17. Oktober 2021
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Ein knallrot gehaltenes grossformatiges Plakat erschreckte im April 1972 die Bevölkerung Frankfurts am Main. Es rief zu einer MieterInnenversammlung beziehungsweise einer „Assemblea Populare“ (Volksversammlung) an der Universität bei der Bockenheimer Warte auf. Der obere Abschnitt zeigt eine Demonstration, auf der zwei Transparente zu sehen sind: „Mieter-Streik“ steht auf dem einen, auf dem anderen in Italienisch: „La casa so prende l‘affito non si paga!“ („Ihr müsst keine Miete für das Haus zahlen!“).

Diese Aktion richtete sich auch an die zahlreichen unter schlechten Wohnverhältnissen in der Stadt hausenden italienischen MigrantInnen. Im Zentrum der unteren Hälfte des Plakats findet sich eine Abbildung eines schwitzenden Schweins mit aufgesetztem Zylinder und Fliege, das seine fetten Pranken auf eine Häuserreihe gelegt hat. Es wird umrundet von einer DemonstrantInnenmenge, die mit Schraubenschlüsseln, Kuchenrollen und Besen bewaffnet die ausgestreckten Zeigefinger auf das Schwein richtet, vermutlich um es zu bedrohen. Die Botschaft scheint eindeutig: Ein einzelner ekliger Kapitalist soll durch die angekündigte Manifestation denunziert und geächtet werden.

Heute wird es sicher aufmerksame BeobachterInnen geben, die bei dieser Bilddarstellung sofort an verkürzte Kapitalismuskritik denken. Im April 1972 hat man es anders gesehen: Und zwar als ein auch italienisch inspirierter Ausdruck einer frontalen Kapitalismuskritik. Und so informiert im unteren Abschnitt das Plakat darüber, welche Gruppen zur Demo aufrufen: Rat der besetzten Häuser, die Rote Hilfe, Comitato delle Case Occupate (Ausschuss der besetzten Häuser) und Unione Inquilini (Mieterbund).

Diskussion um ein Plakat

Das Plakat scheint schon zu jener Zeit ausweislich der Presseberichterstattung Diskussionen ausgelöst zu haben. Von Daniel Cohn-Bendit, der sich wortmächtig an der angekündigten Assemblea Populare beteiligte, sind die Worte überliefert, dass es doch „der Kapitalismus [sei,] der den Rassismus produziere.“ Dabei stellte er klar, dass der Kampf der Linken gegen die Spekulanten nichts mit Antisemitismus zu tun habe: „Wir kämpfen gegen alle Spekulanten, gleich welcher Nationalität oder Rasse.“ Und zuversichtlich gestimmt skandierte er: „Der Wohnungskampf geht weiter!“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die das alles notierte, interpretierte Cohn-Bendit dahingehend: „Damit meinte er, die besetzten Häuser bleiben besetzt, weitere sollten eingenommen werden.“ Das liessen sich etwa 1.200 DemonstrantInnen nicht zweimal sagen, die kurz nach der Assemblea Populare in einem nicht angemeldeten Protestmarsch durch das Westend, die Innenstadt und das Nordend zogen, um „gegen Mietterror und für Mieterstreik“ zu demonstrieren.

Unter der vom Vorsitzenden der Unione Inquilini, Raffaele Navarretta, ausgegebenen Parole „Kämpfen wir hart und ohne Furcht!“ zog der Zug an allen besetzten und bestreikten Häusern vorbei, immer wieder kam es dabei „zu tätlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei“, wie die Presse notierte. Mit zahlreichen Parolen forderten die TeilnehmerInnen, unter ihnen viele italienische ArbeiterInnen, auf Transparenten und Plakaten dazu auf, den Kampf gegen den kapitalistischen Immobilienmarkt aufzunehmen. Angekommen an dem weitgehend von italienischen ArbeitsmigrantInnen bewohnten Haus Baustrasse 11, das den Kaufleuten Markiewicz, Himmelfarb, Scharf und Wollhändler gehörte, wurden die DemonstrantInnen lebhaft begrüsst und mehrere Reden auf italienisch gehalten. Kurze Zeit später geschah dasselbe vor dem Haus Eschersheimer Landstrasse 220. Und so vereinten sich die Protestierenden unter anderem auch unter der Losung: „Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen.“ (FAZ, 17.4.1972)

Dokumentation von Zeitgeschichte

Was so ein knallrotes Plakat alles auslösen kann! Jetzt kann es in einem von dem Frankfurter Archiv der Revolte erstellten Ausstellungskatalog „Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970 – 1974“ besichtigt werden. Die von Michaela Filla-Raquin kuratierte und zusammen mit dem Offenen Haus der Kulturen organisierte Ausstellung war bereits im Herbst letzten Jahres in Frankfurt zu sehen. Trotz Corona-Bedingungen erreichte sie circa 1.000 BesucherInnen. Der Ausstellungskatalog ist exzellent gestaltet.

In ihm finden sich über 100 zum Teil grossformatige Abbildungen; auch Flugblätter, Plakate und aus zeitgenössischen Presseberichten reproduzierte Abbildungen wurden aufgenommen. Wer ihn aufmerksam durchblättert, findet darin auch eine Collage unterschiedlichster Parolen aus dieser Zeit: „Wenn ein Unrecht geschieht, so muss Aufruhr sein in der ganzen Stadt“ (Oktober 1970); „Emigranti d‘Europa uniti nella lotta“ („Einwanderer aus Europa vereint im Kampf“); „Io sono piccolino non voglio piu verdere uno strozzino“ („Ich möchte keine Kredithaie mehr sehen“) (Frühjahr 1973) oder hessisch „Jeder Stein wo abgerisse, wird von uns zurückgeschmisse“ (Februar 1974).

So bietet der Katalog einen konzentrierten Eindruck der bewegten Frankfurter Stadtgeschichte in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Beginnend mit den Protesten der Bürgerinitiative AG Westend 1970 bis hin zur Räumung des Blocks Ecke Bockenheimer Landstrasse / Schumannstrasse im Februar 1974, zeigen die AusstellungsmacherInnen über vierzig Häuser, die besetzt oder in denen Mietstreiks organisiert wurden, an denen zeitweise bis zu 1.000 MieterInnen teilnahmen. Die im Katalog präsentierten Dokumente lassen ein anderes Leben in Form von Demonstrationen, Hausbesetzungen, Krawallen, Barrikaden und Widerständen aller Art gegenüber Polizeieinsätzen aufscheinen – und entreissen diese so dem interessierten Vergessen.

Entgegen der sonst üblichen Fokussierung auf Prominente der damaligen HausbesetzerInnenszene widmet sich der Katalog eher wenig bekannten AkteurInnen. Zwar huscht auf einem Foto einer Demonstration nach der Räumung des besetzten Hauses im Kettenhofweg im April 1973 der behelmte Joschka Fischer zusammen mit einigen seiner Kampfgenossen durch das Bild. Einer besonderen Erwähnung wird er aber nicht für wert gehalten, auch das spricht für den würdevollen Umgang der AusstellungsmacherInnen.

An Aktualität nichts eingebüsst

Abgerundet wird der Katalog durch Aufsätze von Rolf Engelke und Richard Herding. Mit Blick auf die Gegenwart kontextualisieren sie die Hausbesetzungen und Mietstreiks im Frankfurt der frühen 1970er Jahre. Engelke skizziert dabei die Vorgeschichten der urbanen Kämpfe im Frankfurt der frühen 1970er. Er verfolgt dabei die Transformation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS in eine Vielzahl von Stadtteilgruppen, darunter die des „Roten Gallus“, eine Gruppe, die ambitioniert über einen proletarischen Lebenszusammenhang ausserhalb der Fabrik in der Stadt nachdachte. Er zeigt, wie die Hausbesetzungen als Form der Aneignung nach und nach zu einer von hunderten von AktivistInnen praktizierten Protestform wurden. Verknüpft mit einer Reihe von Mietstreiks entstand in Frankfurt so eine Hausbesetzerbewegung, der am Ende durch die Stadtpolitik eine harte Niederlage beigebracht wurde.

Unter der Parole „Weiterlesen!“ erfreut Freia Anders die LeserInnen mit einer kommentierten Literaturliste zur bislang weitgehend unerforschten Geschichte von Hausbesetzungen und Mietstreiks in der BRD, in Europa und global. Es handelt sich hier allemal um bedeutendes Wissen für die Zukunft eines guten Wohnens, ein Thema, das im globalen Kapitalismus bislang nur grauenhaft schlecht oder gar nicht gelöst wurde.

Markus Mohr
kritisch-lesen.de

Frankfurter Archiv der Revolte e.V. / Institut für Selbstorganisation e.V. / Offenes Haus der Kulturen e.V. (Hrsg.: Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974. Institut für Selbstorganisation e.V., Frankfurt am Main 2020. 122 Seiten. ca. 22.00 SFr., ISBN: 978-3-9821407-1-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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