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Eva Illouz: Warum Liebe endet | Untergrund-Blättle

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Eva Illouz: Warum Liebe endet Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Sachliteratur

Wenn sich Sexualität und Intimität in den Dienst des Konsumkapitalismus stellen, verlieren sie ihr emanzipatorisches Potenzial für den politischen Kampf.

 Eva Illouz, 2008.
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Eva Illouz, 2008. Foto: צחי לרנר (PD)

5. Dezember 2022
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Traditionellerweise ist es die Psychologie, die uns hilft unsere innersten Gefühle und unsere Sexualität zu erkennen. Unsere intimsten Bedürfnisse sind ihr Privileg. Eva Illouz macht dieser Vorstellung ein Ende. In „Warum Liebe endet“ widmet sie sich „negativen Beziehungen“ (S. 147) – Beziehungen also, die antisozial und flüchtig sind: Bindungen, die enden, bevor sie beginnen. Ihre soziologische Kritik der Emotionen ist unabdingbar für eine Kritik des Kapitalismus selbst.

Um zu verstehen, woher diese neue Beziehungslosigkeit rührt, nimmt Eva Illouz uns zunächst mit auf den Siegeszug des Kapitalismus. Die Geschichte der „Affinitäten zwischen negativen Beziehungen und dem skopischen Kapitalismus“ (S. 332), die Illouz präzise bis in die kleinsten Verstrickungen analysiert, ist eigentlich schnell erzählt: Der gegenwärtige Kapitalismus hat ebenso unsere Sexualität wie unsere Gefühlswelt auf eine Weise umstrukturiert, die dazu führt, dass stabile, dauerhafte Beziehungen kaum mehr möglich sind. Und zwar, weil Interaktionen zwischen Menschen zunehmend markförmig strukturiert werden: Wir begegnen und verstehen uns selbst als Waren, die wir gebrauchen und von denen Gebrauch gemacht werden kann. Um das zu belegen, reicht der Blick in die Schöne Neue Welten des Internet-Datings, des Gelegenheitssexes, der programmatischen Bindungslosigkeit. Illouz’ klare Skepsis gegenüber diesen Facetten von Zwischenmenschlichkeit ist dabei aber nie das Ergebnis eines rein theoretischen Pessimismus gegenüber dem Zustand unserer Gesellschaft. Auch verbirgt sich hier keineswegs eine moralisierende Verurteilung. Ihr Buch lässt Menschen selbst von ihren sexuellen und emotionalen Beziehungen – und vor allem von ihren Trennungen – erzählen und versucht auf dieser Grundlage

„die verschiedenen Arten und Weisen [zu] beschreiben, wie die Aneignung des sexuellen Körpers durch den skopischen Kapitalismus das Selbst, das Selbstwertgefühl und die Regeln zur Begründung von Beziehungen transformiert“ (S. 343).

Das doppelte Gesicht der Freiheit

In klassisch marxistisch-ideologiekritischer Herangehensweise zeigt Illouz’ „Kultursoziologie der Gefühle“ (S. 26), dass unsere Beziehungen und unsere Sexualität weit weniger individuell und subjektiv sind, als wir glauben. Beides lässt sich nicht von den gesellschaftlichen Bedingungen trennen, in denen wir leben. Mit Herausbildung der Konsumkultur im 20. Jahrhundert, so Illouz, wird die eigene Sexualität zu einem immer weniger privaten und immer mehr öffentlich sichtbaren Bereich des eigenen Selbst. Dieser Effekt „verwandelte die sexuelle Identität in eine durch Verbrauchsartikel vermittelte visuelle Darbietung und die sexuelle Befreiung in eine kulturelle Praxis, die sich durch eine Reihe von Signifikanten, Kodes und Stilen auszeichnete“ (S. 83). Mit der sexuellen Revolution der 1970er Jahre wird das moderne Subjekt also einerseits zunehmend frei in seiner Wahl (oder Nichtwahl) der Liebesbeziehungen. Andererseits ist diese Freiheit, die vor allem von Frauen im Kampf gegen patriarchale Herrschaftsverhältnisse hart errungen wurde, von Beginn an mit einer ökonomischen Verwertungslogik besetzt, die einem visuellen – skopischen – Handlungsregime folgt.

So wenig Eva Illouz an den Errungenschaften dieser neuen sexuellen Freiheit zweifelt, so sehr macht sie stark, dass diese neu gewonnene Freiheit doch einer kritischen Einordnung bedarf. Ein heikles Unterfangen, gerät eine solches Vorhaben doch allzu schnell in den Verdacht des Konservatismus. Eine Kritik der Freiheit kann jedoch aus zwei Perspektiven erfolgen. Sie kann konservativ, aber auch auf emanzipatorische Weise geübt werden: „[N]ichts an ihr verlangt nach einer Rückkehr zu moralischer Prüderie, Verklemmtheit oder Doppelmoral.“ (S. 23) Sie macht also eine doppelte Strategie unabdingbar. Die Freiheit des Einzelnen muss zugleich bewahrt und kritisch hinterfragt werden. Plausibel fragt Illouz: Wenn die Kritik der Freiheit im ökonomischen Bereich geboten ist, warum nicht auch in persönlichen, emotionalen und sexuellen Belangen? Ihr geht es darum, wie der Kapitalismus das ursprünglich emanzipatorische Projekt der sexuellen Freiheit in ein neoliberales Paradigma umfunktionierte. Der Mensch als ökonomischer Akteur

Im Kern geht Illouz von der Beobachtung aus, dass in modernen Beziehungen Skripte und Rituale des sozialen Zusammenlebens abhanden gekommen sind und deshalb die Frage, wie wir Beziehungen mit anderen Menschen beginnen und dauerhaft gestalten können, unbeantwortet bleibt. Während das vormoderne Liebesleben einer starken sozialen und normativen Strukturierung folgte, ist das zentrale Kennzeichen spätmoderner Beziehungen ihre Ungewissheit. Jederzeit können wir bestehende Beziehungen auflösen und neue Bindungen eingehen.

Das Entscheidende für Illouz ist, dass die positive Wahlfreiheit in der Spätmoderne dem Prinzip des Nicht-Wählens gewichen ist. „In der vernetzten Moderne wird die Nichtherausbildung von Bindungen zu einem soziologischen Phänomen an sich, zu einer eigenständigen sozialen und epistemischen Kategorie.“ (S. 40) Diese Nicht-Wahl transportiert einen permanenten Zustand der Ungewissheit über unsere Beziehungen und den eigenen Wert. Dabei erinnern die psychischen Ressourcen, die der oder die Einzelne zur Bewältigung dieser Ungewissheit braucht, an das Kalkül ökonomischer Akteure: „Spekulation und Risikoeinschätzung sind zu entscheidenden ökonomischen Aktivitäten geworden, und in derselben Geisteshaltung gehen Menschen heutzutage Beziehungen ein.“ (S. 249) Subjekte werden zu einer unkalkulierbaren, aber ökonomisch verwertbaren Grösse, in einer – und das ist zentral – nach wie vor männlich dominierten Marktgesellschaft. Ihre patriarchale Struktur verweist „Männer und Frauen auf unterschiedliche Positionen im sexuellen Feld und in der Sozialstruktur der Intimbeziehungen“ (S. 136). Kapitalismus und Patriarchat sind deshalb, so zeigt Illouz, Bündnispartner zur Unterdrückung von Frauen. Das Paradigma der Autonomie

Ein, wenn auch zweifellos nicht das einzige, Instrument dieser Umfunktionierung liegt, so zeigt Illouz, im therapeutischen Diskurs. Psychotherapeutische Behandlung, Selbsthilferatgeber und Mental Coaches haben vor allem eine Aufgabe: Sie sollen unseren Selbstwert schützen, unsere Eigenständigkeit stärken und helfen, unsere Potenziale zu entdecken. Doch ist der Fokus auf diese Zielsetzungen, so berechtigt und nötig sie sein mögen, nur schwer in Einklang mit der Fähigkeit zu bringen, Beziehungen aufzubauen und zu gestalten. Dieser Konflikt zwischen Autonomie und Bindungswunsch wird in gegenwärtigen Konstellationen einseitig aufgelöst. Nichts scheint wichtiger als das autonome, selbstbestimmte Individuum. Im kapitalistischen Neoliberalismus, so der Befund, hat die Gleichheit auf Grundlage der gegenseitigen Anerkennung stets das Nachsehen gegenüber der Freiheit des Selbst.

Eine solche Vorstellung, wonach nur wir selbst für unser Glück verantwortlich sind, ist dem spätmodernen Subjekt dabei mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass wir überhaupt nicht mehr bemerken, welche Zumutung, welche Antisozialität uns hier entgegenschlägt. In einer solchen Welt, so bemerkt Illouz, „wäre unsere Psyche der einzige für das Auftrennen der von uns gewebten Kleider verantwortliche Akteur, während die Gesellschaftsordnung überhaupt nicht daraufhin befragt wird, warum wir so oft vor Kälte zittern“ (S. 274). Ihre Befragungen führt Illouz seit 20 Jahren immer wieder aufs Neue. Darin liegt der grosse Wert ihrer Untersuchungen. "Warum Liebe endet" hilft zu erkennen, „dass der Prozess des ‚Entliebens‘ zum Grossteil eine Folge der Position des Subjektes in kapitalistischen Gesellschaften ist, die es in seinem Kampf um die Sicherung seines eigenen Wertes alleinlassen“ (S. 326).

Eva Illouz entwickelt ihre „Soziologie negativer Beziehungen“ nicht als Ratgeber, wie wir unsere Beziehungen, unsere Sexualität, unsere Körper und Emotionen gestalten sollten, um den individuellen Herausforderungen der Zwischenmenschlichkeit im Konsumkapitalismus zu begegnen. Ihr Buch ist weder eine Sammlung an Tipps, noch bietet es eine gangbare Alternative. So könnte man sich am Ende etwas ratlos zurückgelassen fühlen – schliesslich bleibt die Frage: „Was tun?“ unbeantwortet. Doch ist es nicht eigentlich das Buch, das uns ratlos zurücklässt. Es sind die Bedingungen, unter denen wir unsere Beziehung führen und gestalten müssen, die uns ratlos werden lassen. Ein unromantisches Buch für unromantische Zeiten.

Max Tribukait
kritisch-lesen.de

Eva Illouz: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Übersetzt von: Michael Adrian. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 447 Seiten. ca. 27.00 SFr. ISBN: 978-3-518-29918-0.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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