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Éric Vuillard: Die Tagesordnung | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Éric Vuillard: Die Tagesordnung Hintergrund einer politischen Schmierenkomödie

Sachliteratur

Eric Vuillard ist ein Schriftsteller, der Zeitgeschichte in Erzähltexte verwandelt. Dabei interessieren ihn vor allem die Leerstellen und Auslassungen jenseits der geschichtlichen Fakten.

Einmarsch der faschistischen deutschen Wehrmacht in Österreich und Annexion des Landes im März 1938.
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Bild: Einmarsch der faschistischen deutschen Wehrmacht in Österreich und Annexion des Landes im März 1938. Ansprache Adolf Hitlers am 15. März 1938 auf dem Helden-Platz in Wien. / Bundesarchiv, Bild 183-1987-0922-500 (CC BY-SA 3.0 cropped)

2. Juli 2018
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„Die Tagesordnung” dreht sich um den Anschluss Österreichs an den NS-Staat. Die Fakten sind bekannt: 1938 wurde Österreich von Hitler okkupiert, ohne dass dies zu politischen Konsequenzen in Europa geführt hätte. Hitler bekam dadurch das Gefühl, alles machen zu können, und steuerte anschliessend direkt auf den zweiten Weltkrieg zu.

Für Vuillard bildet die politische Krise des Frühjahres 1938 den Hintergrund für eine politische Schmierenkomödie. Hitler und Göring bestimmen hier die Szene, alle anderen beteiligten Politiker spielen nur untergeordnete Rollen. Vuillard beschreibt die Gespräche und Treffen der Beteiligten, als hätte er daneben gesessen und ein Tonbandgerät und eine Filmkamera mitlaufen lassen.

Doch charakterisiert er die Beteiligten auch, und schreibt aus der Perspektive des Nachgeborenen, der den Ablauf der Ereignisse kennt und sich klar moralisch positioniert. In seinem Schreiben gibt es keine überraschenden Wendungen, keine eigenartigen Neuigkeiten, die noch eine eigenartige Farbe, einen fremden Klang in seinen Text einbeziehen würden. Gerne benutzt er in seiner Charakterisierungswelt das Wort ‚pomadig‘ für jeweils unterschiedlich Beteiligte.

Ironische Distanz kennzeichnet sein Schreiben, er will den Klang dieser Zeit nicht beschreiben, sondern nur die Verhaltensmuster einzelner Protagonisten. Gerne greift er Voraus, beschreibt die Werdegänge einzelner Beteiligten nach dem Krieg.

Vuillard ist ein gekonnter Formulierer, sein Schreiben liest sich leicht und flüssig und ist dicht komponiert. Doch wenig interessiert er sich für die Zeitumstände an sich, das Erzählte wird punktgenau geschildert, bleibt aber auch nur isoliert. Vuillard spart zum Beispiel aus, dass es in Österreich bereits nach dem ersten Weltkrieg eine Volksabstimmung gegeben hatte, in der sich die Österreicher für einen festen Staatenbund mit der Weimarer Republik ausgesprochen hatten. Nur auf Drängen der Siegermächte kam es zur Gründung der Republik Österreich, und diese blieb innerlich zerrissen. Aber dieses grössere Bild passt nicht in die Erzählwirklichkeit eines Eric Vuillard.

mif

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2018. 128 Seiten. ca. 24.00 SFr., ISBN: 978-3957575760

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