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Emanuel Kapfinger: Die Faschisierung des Subjekts | Untergrund-Blättle

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Emanuel Kapfinger: Die Faschisierung des Subjekts Faschistische Philosophie

Sachliteratur

Entgegen immer wiederkehrender Argumentationen lässt sich das philosophische Werk Heideggers nicht von dessen Person und politischem Wirken trennen.

Pinselzeichnung, die Martin Heidegger darstellt.
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Bild: Pinselzeichnung, die Martin Heidegger darstellt. / Herbert Wetterauer (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

16. Januar 2022
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In der heutigen Debatte um Faschismus und autoritäre Subjekte darf der Blick auf den Philosophen Martin Heidegger nicht fehlen. In „Die Faschisierung des Subjekts“ wird nicht allein Heideggers nationalsozialistisch ausgerichtete politische Haltung untersucht, Emanuel Kapfinger will darüber hinaus darlegen, dass Heideggers Philosophie an sich einem faschistischen Ideologiemodell gehorcht und deshalb selbst eine Form faschistischer Theorie darstellt. Kapfinger argumentiert damit gegen eine gängige Separierung zwischen dem politischen Wirken und den theoretischen Schriften des Philosophen.

Insbesondere unter Bezugnahme auf sein zentrales Werk „Sein und Zeit“ nimmt Kapfinger Heideggers Philosophie in einem ihrer wichtigsten Elemente auseinander: der vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode. Mit der vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode ist gemeint, dass das heideggersche Subjekt (Dasein) sich selbst noch im Leben vergegenwärtigt, dass seine eigene Existenz auf den Tod zuläuft, den es zum einen niemals umgehen und den es zum anderen nicht an jemand anderen abtreten kann; der Tod kann nicht stellvertretend von anderen Gesellschaftsmitgliedern, dem Man, für den/die Einzelne(n) gestorben werden.

Durch diese reflexive Konzentration auf den Tod als den nur je eigenen, ergibt sich zunächst im Subjekt auch der Wunsch nach einer eigentlichen, einer selbst gewählten Lebensweise, die nicht durch die Gesellschaft in Form des Mans vorgegeben wurde. Sobald eine Person begreift – so Heideggers Gedanke –, dass der eigene Tod niemandem durch eine/n Stellverteter*in abgenommen werden kann, ergibt sich daraus der Blick des Subjekts auf das Leben, welches es ebenfalls als das nur eigene zu verstehen hat.

Subjektivität in der gleichförmigen Massengesellschaft

Kapfinger arbeitet sich in den zentralen Kapiteln seines Buches am Begriff der Subjektivität, oder eher ihren Überresten innerhalb einer gleichförmig modellierten Massengesellschaft, ab. Die faschistische Gesellschaft (das Man) versucht, jegliche Form von Individualität zu verhindern und jedem und jeder vorgegebene Seinsweisen vorzuschreiben. Im Buch wird dies etwa am Beispiel des Hitler-Grusses verdeutlicht.

Aus diesen gesellschaftlichen Regulationen will sich Dasein (das Einzelsubjekt) durch die vorlaufende Entschlossenheit zum Tode lösen. Kapfingers Kernpunkt ist allerdings, dass es de facto niemals entkommt und dieses Zurückfallen in vom Man vorgeschriebene Verhaltensweisen auch von Heideggers Philosophie nicht überwunden werden kann, weil es dessen inhärent faschistische Struktur nicht erlaubt. Heideggers Modus einer Subjektivität in Form des Daseins, so Kapfinger, gelingt es nicht, sich in letzter Konsequenz aus den Fängen der faschistischen Gesellschaftstruktur zu lösen. Es unternimmt aber dennoch zunächst den Versuch, diesem durch die Hinwendung zu einer individualistischen Seinsweise zu entrinnen. Letztlich erlebt es sich nur als stets wieder auf seine Gebundenheit an diese Ausgangsbedingung zurückgeworfen – das Man holt das Subjekt immer wieder ein und bindet es an seine Vorschriften.

Kapfingers Schlussfolgerung lautet, dass Heideggers Philosophie dem*der Einzelnen letzten Endes nicht den Bruch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Aussicht stellen könne. Das Dasein resigniert vielmehr und fügt sich von selbst den äusseren, gesellschaftlich vorgegebenen Umständen, die es als unhintergehbar annimmt, auch dann, wenn es sich zuvor von ihnen abzuwenden mühte. Eben weil Dasein sich laut Heidegger überhaupt nicht als singulär, sondern immer bereits als Mitsein, also als Teil des Mans begreifen müsse, nivelliert es darin seine Fähigkeit zur Partikularität sowie Mündigkeit. Wer sich nicht als Subjekt versteht, dem es erlaubt ist, eine eigene Stimme zu haben, wird einer äusseren Zwangsstruktur keine selbstständig entwickelte Position entgegensetzen können, die einen Bruch mit faschistischen Seinsweisen erlaubt.

Unterordnung oder Scheinunabhängigkeit – Philosophische Positionen

Über die bisherige Heideggerforschung geht Kapfingers Ansatz deutlich hinaus, obwohl auch diese eine Gesellschaftsstruktur (in Form des Mans) und ein darauf verwiesenes Dasein konstatiert. Der Autor folgt zunächst parallel zur klassischen Interpretation der Sichtweise, dass Dasein den Versuch unternimmt, sich vom Man, der externen Gesellschaftsstruktur, zu emanzipieren. Darauffolgend setzt nun Kapfingers Neuerung an: Er stellt heraus, dass Heidegger eben nicht davon ausgehe, dass es dem Dasein möglich sei, dauerhaft im Modus der Individualität zu verbleiben. Dies sei nicht der Abschlusspunkt der vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode, sondern in Wirklichkeit ist es die freiwillige Unterordnung des Einzelschicksals unter die Masse.

Kapfingers Ansatz enthält ferner auch einen Abgrenzungspunkt zu Adornos Heidegger-Kritik: Adorno möchte aufzeigen, dass Dasein sich als vorlaufende Entschlossenheit lediglich in eine Scheinunabhängigkeit begeben könne. Laut Adorno glaubt Heidegger selbst fälschlicherweise daran, dass Einzelne sich für die Dauer des Ablösungsprozesses vom Man in einer Existenzweise befinden, die Adorno als Scheinemanzipation entlarvt und zurückweisen muss. Für Kapfinger wird der ‚Ablösungsprozess‘ selbst und nicht bloss seine Dauer zum Problem. Der Prozess selbst soll als einer verstanden werden, der innerhalb der heideggerschen Philosophie de facto gar nicht stattfindet: Dasein löst sich niemals vollständig aus der es umgebenden Gesellschaftsstruktur.

Historische Kontinuitäten in der Philosophie

Insbesondere beim Nachvollzug von Heideggers Gesellschaftsmodell greift Kapfinger auf ein breites philosophisches Spektrum zurück. Es dient dazu, seine Position durch ihre Kehrbilder wie etwa Adornos Negative Dialektik oder die Studien zum autoritären Charakter zu analysieren und durch die Linse differierender Ansätze zu hinterfragen. Ergänzend dazu legt er in den einleitenden Kapiteln seinen Fokus auf die historischen Entstehungsbedingungen des Nationalsozialismus in Deutschland.

Kapfinger unterfüttert mit dieser Einordnung immer wieder seine philosophische Argumentationslinie, die beispielsweise im letzten Kapitel auch eine tagesaktuelle politische Debatte einholt: Er will darin aufzeigen, weshalb derzeitige rechte Bewegungen nicht den gleichen Wirkmechanismen gehorchen wie faschistische Strukturen der Dreissigerjahre. Um zu verstehen, wie gegenwärtige rechte Bewegungen effektiv bekämpft werden können, muss man auch ihre historischen Entstehungsbedingungen verstehen; genau deshalb unterscheidet Kapfinger zwischen faschistischen und autoritären rechten Strömungen, auf die unterschiedlich reagiert werden müsse. Ihm geht es dabei um die Unterscheidung zwischen einer gesamtgesellschaftlichen Faschisierung und dem Erstarken einer aggressiven Rechten, die singulär agiert.

Kapfinger löst sich von einer Heideggerlesart, die seine politische Haltung von dessen Werk entkoppelt oder Sein und Zeit völlig getrennt vom historischen Entstehungskontext betrachtet. Ihm gelingt eine Verknüpfung aus der Analyse vergangener und aktueller gesellschaftlicher Strukturen mit den entsprechenden Denkinhalten, was seine Untersuchung besonders anschaulich macht. Kapfingers Theorie scheut sich nicht davor, eigene Denkbewegungen einzuschlagen, die sie aus dem bisherigen Kanon herausheben.

Er zeigt konsistent auf, wie sehr die psychologische Struktur des deutschen Faschismus eine intellektuelle Theorie umgreift, die parallel zu ihren historischen Ausgangsbedingungen die Liquidation des Einzelindividuums zum Kernpunkt hat. Dabei muss jedoch angemerkt werden, dass es sich bei der vorliegenden Faschismustheorie um eine spezifische Analyse des deutschen Faschismus handelt und auf dieser Basis andere Faschisierungsbewegungen im globalen Kontext im Anschluss an diese Theorie noch umfassender betrachtet werden könnten.

Sibylle Barnieck
kritisch-lesen.de

Emanuel Kapfinger: Die Faschisierung des Subjekts. Über die Theorie des autoritären Charakters und Heideggers Philosophie des Todes. Mandelbaum Verlag, Wien 2021. 224 Seiten, ca. 29.00 SFr. ISBN 978-3-85476-959-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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