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David Graeber: Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie

David Graeber: Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie Graebers Gesellschaftstheorie

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Sachliteratur

Gesellschaftstheorie kann eine gedankliche Reise sein, mit der wir unsere alltäglichen Annahmen infrage stellen.

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Datum 23. August 2026
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Ob vor der eigenen Haustür, in Bibliotheken, Gesprächsrunden oder bei der Organisation und Teilnahme an einem Protest emanzipatorischer Bewegungen können wir Expeditionen starten und fasziniert auf jene komplexe, sich selbst zerstörende, Gesellschaftsform blicken, in denen wir als zeitgenössische Menschen leben.

Trotz der unermesslichen Leiden, die Staat, Kapitalismus, Patriarchat und Naturbeherrschung über die Welt bringen, können wir – wenn wir darüber nachdenken – zu drei Erkenntnissen gelangen: Erstens geht es ganz anders. Das ergibt sich aus einer ernsthaften Beschäftigung mit Anthropologie und Geschichte sehr eindeutig. Vielleicht entspricht es einer grundlegenden Veranlagung vieler Menschen, die Gesellschaftsform, in der sie leben, als die bestmögliche zu erklären und ihre unerfüllten Bedürfnisse und Wünsche eher in Traumwelten zu projizieren. Möglicherweise erzählen sie sich gegenseitig diese Behauptung, um sich mit dem Schmerz über ihren Mangel zu arrangieren. Sicherlich lernen sie dies auch in der Schule. Dabei scheint diese Hybris insbesondere in der Gegenwartsgesellschaft ausgeprägt zu sein, die die Fantasie eingehegt, kommerzialisiert und instrumentalisiert hat. Doch wir könnten ganz anders leben: Ohne Herrschaft.

Zweitens gibt es in der bestehenden Gesellschaftsform und allgemein in der Welt, in der wir uns unerklärlicherweise wider finden, allerhand Interessantes zu entdecken. Die soziale Realität ist nichts gesetztes, sondern das, was Menschen durch ihr tägliches Handeln produzieren. Darum aber geht es in ihr eigentlich: Um die Produktion von Menschen mit variierenden Fähigkeiten, Begehren und Seinsformen. Dies zu verstehen ermöglicht uns jedoch, die Dinge anders zu machen, nach Autonomie strebende Räume herzustellen, in ihnen zu experimentieren, sie auszuweiten und zu verteidigen.
Drittens ist eine von Neugier getriebene, intellektuelle Beschäftigung insgesamt deutlich spannender als sein Leben lang in einem acht bis zehn Stunden Arbeitstag, einem damit verbundenen Milieu und den darin verbreiteten Geschmäckern, Routinen und Sprachen zu verbringen. Bildung ist ein Selbstzweck, indem sie Menschen menschlich sein lässt – und die absurde Obsession infrage stellt, das es im Leben darum ginge, immer weitere materielle Dinge anzuhäufen, ohne diese wirklich geniessen zu können. Ein Modell, von dem bekannterweise unterm Strich nur sehr wenige Menschen profitieren, indem sie Macht über andere ausüben und sich den von ihnen geschaffenen Reichtum aneignen.

Es diese grundlegend neugierige und spielerische Herangehensweise an die sozialen Dinge, die David Graeber meiner Ansicht nach wie wenig andere verkörperte und in seinen Texten zum Ausdruck brachte. Mit gutem Grund kann diese Denkweise als eine mögliche Variante anarchistischen Denkens bezeichnet werden, das in der Anthropologie als Fachgebiet sicherlich einen starken Resonanzraum findet, wie Graeber argumentiert.

Nach den beiden wichtigen Aufsätzen Fragmente einer anarchistischen Anthropologie und Einen Westen hat es nie gegeben (2022) verdanken wir Werner Petermann nun eine weitere Übersetzung dreier wichtiger Texte Graebers: Darum, Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie (gehalten 2003, im Original veröffentlicht 2007), sowie Die eigentümliche Idee des Konsums (2007). Sie erschienen nun erneut beim Unrast-Verlag (2026).

Zwar hatte ich schon vorher seinen Namen gehört. Meine erste Beschäftigung mit Graebers Texten geschah allerdings in einem universitären Lektürekurs im Jahr 2014. Die drei nun neu veröffentlichte Texte hatte ich dort schon begeistert auf englisch gelesen und darin einen faszinierenden Gegenpol zum tendenziell marxistischen, Kritisch-theoretischen und poststrukturalistischen Ansätzen gelesen.

Ich erinnere mich, dass der Dozent des Kurses hier und da eher mäkelig über Graeber urteilte. Die Referenzen auf soziale Bewegungen, die naiv anmutende Neugier und die interne Kritik des akademischen Betriebes mögen nicht allen gefallen. Und der erzählerische Schreibstil Graebers, dem es bisweilen an Begriffsschärfe und der Offenlegung von Kategorien fehlt, mag manche Leser*in zunächst nervig erscheinen. Auch ich habe mich an einigen Passagen gestossen, die doch zu lapidar geschrieben sind, deren Schlussfolgerungen gelegentlich etwas an den Haaren herbeigezogen zu sein scheinen.

Abgesehen von Stilfragen und Detailkritiken erschliesst sich Graebers Denkweise aber aus einer Gesamtschau in Verbindung der Offenlegung dessen, was er warum tut und vorhat. Es ist wie erwähnt gerade diese neugierige, spielerische und transparente Herangehensweise, die einlädt, an Forschungsprozessen zu partizipieren und das Wissen und Denken jenen zu entreissen, die es als Quelle von Autorität und zur Sicherung ihres Standesdünkels missbrauchen. Forschung und Bildung muss vergesellschaftet werden – auch für diesen Standpunkt steht Graeber.

Jedenfalls ging aus meiner Beschäftigung die Hausarbeit Immer (nur) neue soziale Bewegungen oder Senfkorn-Revolution? – Der Revolutions-Begriff David Graebers hervor, in der auch ein guter Teil der damals verfügbaren Literatur verarbeitet wurde. Gerade um keine Verklärung der Person zu betreiben, kann ich gerne an seine Aussage anschliessen, wenn er schreibt:

Die Entdeckung der 'sozialen Wirklichkeit' war die Entdeckung all dieser störrischen, widerspenstigen Elemente im menschlichen Sozialleben, die durch ein reformistisches oder auch ein revolutionäres Regime nicht einfach umgewandelt oder beseitigt werden können. So gesehen ist die Gesellschaftstheorie von Projekten sozialer Neugestaltung nicht zu trennen.

‚Fragmente einer anarchistischen Anthropologie', ‚Einen Westen hat es nie gegeben' und die Texte des vorliegenden Buches sind erste Versuche, darüber nachzudenken, wie eine solche neuartige Theorie aussehen könnte. Es ist ein sehr tastender Beginn. Aber ich schrieb sie in der Hoffnung, dass andere sie aufgreifen und vielleicht gemeinsam, aber in heterogener Weise, zu besseren Ergebnissen kommen mögen, als ich es je vermochte (S. 25).
David Graeber: Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie. Unrast Verlag 2026. 108 Seiten. ca. SFr. 20.00. ISBN: 978-3-89771-662-9.

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