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Cornelia Sollfrank: Die schönen Kriegerinnen | Untergrund-Blättle

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Cornelia Sollfrank: Die schönen Kriegerinnen Technofeministischer Widerstand: Aktuelle Macht- und Herrschaftsformen im Internet überwinden

Sachliteratur

Das Internet als Phänomen der globalen und lokalen Vernetzung scheint zunehmend seine Versprechen einer Demokratisierung oder Transformation von Machtverhältnissen nicht einlösen zu können.

Die deutsche Autorin und Netzkünstlerin Cornelia Sollfrank.
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Bild: Die deutsche Autorin und Netzkünstlerin Cornelia Sollfrank. / Cornelia Sollfrank (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Januar 2019

27. Jan. 2019

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Inwiefern ist oder kann das Internet dennoch ein Raum der feministischen/queeren Politiken, Praktiken und damit auch Lebbarkeiten sein? Die Techniksoziologin Pat Treusch begibt sich auf eine Spurensuche:

Der aktuelle Band Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, herausgegeben von Cornelia Sollfrank mischt sich in die Diskussion um die oben gestellte Frage ein. Die Beiträge bieten facettenreiche Zugänge zum Zusammenhang zwischen Technologie und Geschlecht mit Fokus auf das Internet und feministischen/queeren Widerstand gegen dessen Formationen von Ungleichheit und Diskriminierung. Dabei geht es um weit mehr als Gleichstellung. Der Band macht plastisch, inwiefern das Netz glokale digitale Gesellschaften hervorbringt, deren komplexe soziotechnische Produktion gesellschaftlicher Realitäten mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Protests einhergeht.

Er bringt Perspektiven aus dem globalen Norden und Süden synergetisch zusammen: Zum einen ein aktivistisches Spektrum und zum anderen ein akademisch-künstlerisches – wobei die Grenzen dazwischen fliessend sind. Gemeinsame Themen sind erstens der technofeministische Widerstand gegen Macht- und Herrschaftsformationen, die das Internet durchziehen, bzw., die dieses auch hervorbringt. Zweitens, der Kampf um eine technofeministische Aneignung der Infrastrukturen und Handlungsmöglichkeiten des Individuums sowie von Kollektiven.

Das Ziel ist, unter dem Banner „Technofeminismus“ „die diversen Praxen nicht nur aufzuzeigen, sondern durch ihre Nachbarschaft in diesem Band auch in Berührung und in Austausch zu bringen“*. Dies gelingt dem Band ausgezeichnet und so fungiert dieser nicht zuletzt auch als Resonanzkörper zwischen neu entstehenden Nachbarschaften, wie beispielsweise den Luchadoras und submarine Schallwellen als nicht-menschliche Lebendigkeit des Mit-Seins. Im Folgenden greife ich ausgewählte Punkte des Austausches und der Berührung auf, die ich aus der Lektüre des Bandes mitnehme.

Vom Gegensatz zwischen offline und online zu hybriden Räumen

In dem Band geht es weniger darum, die Hybridisierung von Online- und Offline-Räumen des soziotechnische Systems Internet konzeptuell zu erfassen, als darzulegen, was diese Vermischung konkret für Subjekte oder auch soziale Gruppen bedeutet, also was deren politische, lebensweltliche Konsequenzen sind. So stellt Christina Grammatikopoulou fest, dass es sich um ein Phänomen der „Verschmelzung des Physischen mit dem Digitalen“ handelt, welches über ein sich gegenseitiges beeinflussen zwei getrennt gedachter Räume hinausgeht.

Verhalten und Handlungen im Virtuellen sind nicht von der reallebensweltlichen, materiellen Sphäre trennbar. Aus technofeministischer Perspektive ist solch eine Verschmelzung vor allem in Bezug auf die „Zunahme der alltäglichen Online-Gewalt“ gegen Frauen und Queers von höchster Brisanz. Wie Sophie Toupin festhält, lässt sich Gewalt im Netz nicht auf wenige „faule Äpfel“ zurückführen, sondern sie “ist Teil systemischer patriarchaler Praxis“.

So richtet sich geschlechterspezifische Gewalt beispielsweise gegen Individuen, wie Toupin anhand der Geschichte einer feministischen Hackerin aus Bangalore, die sie anonymisiert Ayesha nennt, zeigt. Ayesha hat eine gewisse Popularität im Netz erlangt, als sich eine Online-Mobbing Bewegung gegen sie formiert, welche sie aus dem Netz drängen will. Ganz ähnlich liest sich das Beispiel von Frauen aus der Gaming-Community, das Grammatikopoulou anführt.

Eine Kombination aus Mord- und Vergewaltigungsandrohnungen mit der Veröffentlichung privater Daten wie Anschrift hatte „reale Auswirkungen auf die Opfer, die sich aus ihrem Umfeld zurückziehen und teilweise sogar ihr Zuhause aufgeben mussten, um den Angriffen zu entkommen“. Ein weiteres Beispiel für weit verbreitete geschlechterspezifische Gewalt im Netz ist die Organisation und Koordination frauenfeindlicher Gruppen, wie die der Involuntary Celibates (IC), deren „Wut sogar schon mehrfach tödliche Konsequenzen gezeitigt“ (ebd.) hat, wie beispielsweise Amokläufe in den USA und Kanada zeigen, deren Attentäter sich zu den IC bekennen.

Praktiken der Organisierung und Solidarisierung

Die im Band durchweg thematisierten Formen der Gewalt erfordern neue politische Strategien und Praktiken, die eine Alternative zum Rückzug aus dem Netz darstellen. Der Band bietet als solch eine Alternative unterschiedliche Vorschläge für eine Organisierung und Solidarisierung als feministische/queere widerständige Praxis. Dabei lassen sich mindestens drei Modi der Organisierung und Solidarisierung herauslesen: 1.) Die Erschaffung sicherer Online- und Offline-Räume, die für eine Praxis des „feministischen Hackings“ (Toupin), bzw. der „feministische Selbstverteidigung“ (Spideralex) stehen 2.) die künstlerisch-kritische Aneignung von Viralität und Noise, als durch das Netz konstituierte Strategien und 3.) die Definition von feministischen/queeren Regeln des Umgangs im Netz. Diese Modi spiegeln auch die divergierenden Verortungen der einzelnen Stimmen wieder.

Feministische Selbstverteidigung bezieht sich auf hybride Räume wie beispielsweise die Ausführungen des El laboratorio de interconectividades unterstreichen: „Wir haben eine Strategie entwickelt, die aus der Hybridisierung von Kampfkunsttechniken, feministischer Selbstverteidigung und digitaler kollektiver Fürsorge besteht. In diesem Prozess unterscheiden wir nicht zwischen online und offline“.

Wissen über und Zugang zu Verteidigungsstrategien, beispielsweise gegen Online-Mobbing aber auch physische Angriffe, werden miteinander geteilt und das in einem Kontext, in dem im Gegensatz zu dem des Hackings, feministische Werte des Wohlbefindens und der (Selbst-)Fürsorge praktiziert werden. Die Infrastruktur dafür umfasst es, „feministische Server“ als Orte der Erinnerung zu erschaffen. Nicht zuletzt wird ebenso Hacking neukodiert: Vom Hacking von Technologien zu Geschlecht als zu hackendem Gegenstand, indem beispielsweise einer Viktimisierung als „schwächende Denkfigur“ eine widerständige, weibliche/queere Handlungsmacht entgegengesetzt wird.

Eine weitere Form der Organisierung zeigt Grammatikopoulous anhand der Konzeptualisierung von zwei zentralen Strategien, die sich zeitgenössische Feminismen und Anti-Feminismen teilen: die möglichst grösste Verbreitung von Inhalten (Viralität) und das Stören von Inhalten (Noise) im Internet. Indem sie diese Strategien – in ihren Widersprüchen – als Teil der Formationen aktueller anti-feministischer sowie frauen- und queerfeindlicher Bewegungen benennt, schärft sie die Analyse der zunehmenden Gewalt als Teil eines glokal wirkenden patriarchalen Systems analytisch. Hier ermöglichen Viralität und Noise „echte Nachrichten in der Informationsflut untergehen zu lassen, bzw. mit Verwirrspielen, gefälschten Nachrichten und Hasskampagnen Frauen zum Schweigen zu bringen“.

Darüber hinaus werden diese Phänomene in Kontrast zu aktuellen feministischen Kunst- und Protestformen gelesen, in deren Kontext Viralität und Noise eben den Zusammenhang von Online- und Offline-Protesten zu unterstreichen vermögen: „Die Kontinuität von vernetzten und Offline-Räumen (bieten) ganz neue Möglichkeiten, politische Aktionsformen zu entfalten“, denn sie können Proteste von der Strasse online weiterführen (beispielsweise den der Femen) oder auch online für die Strasse mobilisieren. Grammatikopoulous zeigt bestehende Widersprüche in der feministischen Aneignung des Internets auf, die gleichzeitig Empowerment, aber auch eine Affirmation konsumistischer Praktiken des Marketings beinhalten, und bezeichnet diese Zusammenführung als „Werkzeuge des Widerstands“, um „nicht zwischen all den Trollen und Marktingexpert_innen zu verschwinden“.

Der dritte Modus der Organisierung und Solidarisierung besteht aus der Schaffung von Regelwerken, die ebenso die Grenzen zwischen aktivistischen und Marketing-, bzw. Produktionssteigerungs-Sphären zu verwischen scheinen. Der Band gibt ein anschauliches Beispiel für beide Kontexte: Zum einen das Regelwerk der „feministischen Prinzipien des Internets“, die zusammen mit ihrem Entstehungsprozess, der aus der Erfahrung der beteiligten Aktivistin hvale vale rekonstruiert wird, dargestellt werden.

Erscheint diese Rekonstruktion die Komplexität des Prozesses zu unterstreichen, so stehen die Prinzipien in ihren klaren Formulierungen eher in Kontrast dazu – ein Eindruck, der die Spannung zwischen glokal spezifischen Ent- und Ermächtigungen durch das Netz und einer einheitlichen Regulierung verdeutlicht. Eben diese Spannung wird auch in Femke Sneltings Beitrag zur „Genealogie“ von Codes of Conduct im Kontext von Free/Libre- und Open-Source-Software-Projekten (FLOSS) greifbar.

Geht es hier zum einen darum, in einem sich selbst als divers konzipierten Kontext Fehlverhalten und Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen, kann die gleiche Strategie auch den Effekt haben, ein falsches Selbstbild weiter zu verstärken. Insgesamt zeichnet sich das Problem der angemessenen Repräsentation multipler Konfigurationen des Zusammenhangs von Technik und Geschlecht ab, was insbesondere auch Thema des letzten Beitrags des Bandes ist, in dem Isabel de Sena eine begriffliche Kritik des Xenofeminismus erarbeitet, um im Ergebnis mit Adrienne Rich für eine Abkehr von der „hochmütigen und privilegierten Abstraktion“ zu plädieren.

Das Erbe der Cyborg

Solch eine Abkehr stellt beispielsweise auch das Beharren auf „die transformative Kraft des Geschichtenerzählens“ dar. Im Kontext des feministischen Hackings bezieht sich Geschichtenerzählen „nicht nur auf die diskursive, sondern auch auf die materielle Ebene“. Das bedeutet zum einen, in der Tradition Donna Haraways und ihrer Denkfigur der Cyborg, einer feministisch-kritisch und gleichzeitig spielerischen Aneignung der Fusion von Biologie und Maschine, eine Vision zu entwickeln und deren semiotisch-materielle Wirkungsmacht anzuerkennen.

Hier wird das Internet als hybrider Raum zum Ort der Schöpfung, wenn es beispielsweise darum geht, „eine neue Welt aus Glasfasern zu spinnen“. Zum anderen umfasst die diskursiv-materielle Ebene des feministischen Hackings, die Verwobenheit von Online- und Offline-Räumen auch in Bezug auf die Herstellung von digitalen Produkten und Infrastrukturen anzuerkennen: „von der Ausbeutung von Mineralien in Konfliktzonen über inakzeptable Arbeitsbedingungen in Produktionsanlagen bis hin zur Abfallwirtschaft der Technologiebranche“.

Diese Dimensionen der Nachhaltigkeit greift auch Yvonne Volkart auf, wenn sie den Technofeminismus um das Suffix „öko“ zum „Techno-Öko-Feminismus“ bereichert, in dem sie „scheinbar diametrale Strömungen“ über die Betrachtung zeitgenössischer Techno-Öko-Performancekunst zusammenbringt. Der Vorschlag eines Technoökofeminismus rundet den Band ab, indem er das feministische/queere Kollektiv der (Selbst-)Fürsorge um „nichtmenschliche Lebewesen“ erweitert und damit Impulse für ein Überdenken, wen und was ein feministisches/queeres ‚Wir’ miteinschliesst, bzw. ausgrenzt, setzt – Impulse, die nicht zuletzt angesichts der zunehmenden Öko-Krisen als unerlässlich erscheinen, um feministisch/queere Relationalitäten von Lebbarkeiten erfassen zu können.

Pat Treusch
berlinergazette.de

Cornelia Sollfrank: Die schönen Kriegerinnen. transversal texts 2018. 225 Seiten, ca. 22.00 SFr ISBN: 978-3903046160

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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