Clara Tempel: Politische Geborgenheit Voraussetzung und Ziel emanzipatorischer Bestrebungen
Sachliteratur
Bücher können auch einfach schöne Gegenstände sein. Sollte ich einen Preis dafür vergeben, würde ich Clara Tempels Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen wählen.

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Thematisch verbindet sie dadurch plausibel und passend den Inhalt mit einer möglichen Form, ihre Überlegungen und Formulierungen mit einem ästhetischen Ausdruck. Das Malen – so schreibt sie – stellt damit ebenfalls einen Teil ihres Reflexions- und Schreibprozesses dar. Ihr Nachdenken ist unterfüttert von umfangreichen Erfahrungen vor allem in der Anti-Atomkraft und Klimagerechtigkeitsbewegung und darin liegt die Stärke ihrer Perspektive.
Zweifellos umkreist Clara Tempel ein wichtiges Bedürfnis, wenn sie in ihrem Buch Geborgenheit in sozialen Bewegungen thematisiert. [> die Buchvorstellung kann HIER nachgehört werden: https://www.freie-radios.net/142009.] Schliesslich verschärfen sich Gefühle von Unsicherheit, Angst und Perspektivlosigkeit auch in den westeuropäischen Ländern, durch die Ausweitung des Krieges, den Abbau von sozialer Sicherung, sowie das Scheitern einer sozial-ökologischen Transformation, die den Klimawandel und seine Folgeerscheinungen effektiv abmildern könnte. Dass es entgegen dieser desaströsen Entwicklungen und auch den bisweilen frustrierenden Erfahrungen von Aktiven in sozialen Bewegungen Räume und Beziehungen der Geborgenheit zu schaffen gilt, leuchtet somit unmittelbar ein. Mitunter sind Praktiken zur Erzeugung von Geborgenheit sogar widerständige Akte in einer Herrschaftsordnung, die gewissermassen Ausgeliefertsein hervorbringt, damit Menschen sich an den Staat als Beschützer wenden. Zugleich kann man sich fragen, inwiefern es tatsächlich Aufgabe von emanzipatorischen Gruppen sein kann und sollte, Geborgenheit herzustellen – oder ob sie an solchen Ansprüchen nicht notwendigerweise scheitern müssen bzw. ihre eigentlichen Zwecke unterlaufen werden. Hierbei stellt die Autorin richtigerweise fest, dass das Bedürfnis nach Geborgenheit auch ausschliessend, entradikalisierend, entpolitisierend und paternalistisch gerahmt und adressiert werden kann.
Jedenfalls ergibt es schon alleine deswegen Sinn, sich Gedanken um das Thema zu machen, da viele politische Gruppen doch eher einer relativ kalten Arbeitslogik folgen, Menschen in diese ohnehin ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte mitbringen und Konflikte oft nicht gut verstanden, geschweige denn gelöst werden, weil die Beteiligten häufig keinen guten Rahmen haben, indem sie sich geborgen fühlen können. Hierbei würde ich allerdings einen Schritt weitergehen, als Clara Tempel und auch die Kategorie des Aktivismus hinterfragen, wie es in den letzten Jahren stärker geschah. In Hinblick auf ihre sinnvolle Unterscheidung von sozialen und politischen Bewegungen (S. 86) wäre dies auch gut möglich.
Anschliessend daran reproduziert die Autorin meines Erachtens eine problematische Trennung von Wissenschaft und „Aktivismus“ (S. 106), wie sie unter anderem auch Paul Sörensen in Hinblick auf sein ansonsten wertvolles Nachdenken über Präfiguration betreibt. Wenn ich einige weitere Kritikpunkte anbringe, dann deswegen, weil ich das Thema wie gesagt wichtig und auch den Ansatz grundsätzlich gut finde.
So bezieht sich die Autorin auf das Konzept der Nachhaltigkeit, welches mittlerweile reformistisch verkommen wäre (S. 73). Hierbei ist anzumerken, das Nachhaltigkeit im Diskurs ohnehin mit einer ökonomischen Verwertungslogik verknüpft ist und es stattdessen konviviale gesellschaftliche Naturverhältnisse jenseits davon zu denken gälte. Unklar bleibt, wie Macht und Herrschaft ins Verhältnis gesetzt werden (S. 221), dabei wäre die Benennung letzterer für das Thema durchaus wichtig. In diesem Zusammenhang irritiert mich auch die wiederholte Bezugnahme auf Jean-Philippe Kindler, dessen sozialdemokratisch-konservativer Moralismus meiner Ansicht nach konträr zu Clara Tempels Herangehensweise steht, was diese aber nicht benennt. Unter anderem zitiert sie dessen problematische Aussage, Glück solle politisch (meint in diesem Kontext durch einen paternalistischen Sozialstaat) hergestellt werden (S. 238f.). Darüber hinaus bezieht sie sich passenderweise viel auf die Resonanz-Theorie von Hartmut Rosa, auf das Revolutionsverständnis von Eva von Redecker und auf den Psychologen Hans Mogel.
Zwar ist die denkerische Suchbewegung interessant, der Text gut und verständlich formuliert und sind in Hinblick auf ein so grosses Thema gewiss keine abschliessenden Antworten zu erwarten. Dennoch assoziiert die Autorin teilweise doch etwas sehr wild und überstrapaziert den Begriff der Geborgenheit – was diesen dann leider schwammiger macht als notwendig. Davon zu sprechen, dass ein Ermittlungsausschuss (S. 159) oder Aktionskonsens (S. 163) Geborgenheit schaffen soll, erscheint mir ebenso weit hergeholt, wie diese durch Vermummung erzeugen zu wollen. Sogar die Schutzpanzerung der Bullen verschaffe diesen „Geborgenheit“ (S. 181) – nach dem Motto: hinter jedem harten Schläger stecke doch eigentlich ein sanfter Kerl. Und ob Aktionstrainings ein wichtiger Aspekt von „Geborgenheitsproduktion“ (S. 203) sind, oder nicht doch einfach dazu dienen, das Menschen kollektiv und individuell klug, besonnen und bestimmt agieren können, scheint diskussionswürdig.
Dass Menschen, die sich fremd fühlen, auch ungeborgen sein können (S. 197), ist da schon eher nachvollziehbar. Allerdings weiss ich nicht, ob es wirklich darum geht, für sie Geborgenheit zu erzeugen, wenn man einfach offen, herzlich, gesprächsbereit und verständnisvoll auf sie zugeht. Die Autorin weiss, dass auch „klassistische Kommentare“ ausschliessend wirken und damit Geborgenheit verhindern (S. 208). Meiner Erfahrung nach gibt es dahingehend wenige Gruppen, die so exkludierend wirken, wie bürgerliche Hippies, die andere mit der Behauptung ausgrenzen, das sie „only good vibes“ wahrnehmen wollen und Konflikte ihre „Geborgenheit“ stören würden.
Eine Verwandtschaft von Geborgenheit und Sicherheit zu sehen ist plausibel. Nur rechtfertigt der Staat den Ausbau seiner Überwachungstechnologien und -apparate nicht damit, seinen Bürger*innen tatsächlich Geborgenheit zu schaffen, sondern mit dem Schutz vor denjenigen, die die repressive Harmonie stören könnten (Gewalttäter, Diebe, psychisch Kranke, rassistisch Diskriminierte, politisch Radikale). Die Überlegung, ein emanzipatorisches Verständnis von sozialer Geborgenheit der „Sicherheit“ des paternalistischen und repressiven Staates gegenüberzustellen, ist dabei aber ein guter Anstoss (S. 241).
Schliesslich bleibt für mich unklar, wie sich Geborgenheit zu Entfremdung verhält. Könnte man nicht einfach „Verbundenheit“ gegen den Zustand des „Exposure“ (ausgesetzt sein) stellen. Ein Plädoyer für die tiefere Beschäftigung mit Entfremdung lohnt sich in diesem Zusammenhang denke ich auch, weil es eine gesellschaftsanalytische Kategorie ist, die mit der von Clara Tempel eher vermiedenen Kritik von Herrschaftsverhältnissen verknüpfbar ist. Gleichwohl weist auch Geborgenheit eine Tiefe auf, die zwischenmenschliche Beziehungen, mit gesellschaftlichen Bedingungen und der Ausgestaltung konkreter Räume und Praktiken verbindet. Dies in den Fokus zu nehmen ist für das Vor*ankommen in sozialen Bewegungen sicherlich äussert wichtig.
Clara Tempel: Politische Geborgenheit. Verlag Graswurzelrevolution 2025. 307 Seiten. ca. 38.00 SFr. ISBN: 978-3-939045-56-4.
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