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Christian Marazzi: Sozialismus des Kapitals | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Christian Marazzi: Sozialismus des Kapitals Sozialismus für die Reichen

Sachliteratur

In der Textsammlung befasst sich Christian Marazzi mit den ökonomischen Veränderungen der letzten zehn Jahre und der Entwicklung eines neuen Regimes.

27. September 2016

27. 09. 2016

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Christian Marazzi, Professor für Wirtschaftswissenschaften in Lugano und Autor der vielbeachteten Studie über die gegenwärtige Finanzkrise „Verbranntes Geld“ (Marazzi 2011), kreist in einer neuen Arbeit seinen Forschungsansatz genauer und von unterschiedlichen Richtungen ein. Der Autor hatte bereits im Jahr 1977 in der amerikanischen Zeitschrift Zerowork einen Aufsatz über „Das Geld in der Weltkrise“ publiziert, welcher auch heute noch spannend zu lesen ist und wenig an Aktualität eingebüsst hat. Marazzi kommt aus einer Ecke der radikalen Linken, welche heute mit dem etwas unscharfen Begriff Post-Operaismus umschrieben wird, einer ewigen Baustelle des nicht traditionellen Marxismus.

Marazzi liest noch einmal den berühmten Vorlesungszyklus zur Biopolitik des französischen Philosophen Michel Foucaults (Foucault 2004), welcher mit Verzögerung seit Jahren zu teilweise heftigen Diskussionen führt – insbesondere durch die positive Wende des Begriffs im Werk von Michael Hardt und Antonio Negri. Der Wirtschaftswissenschaftler Marazzi interessiert sich allerdings in erster Linie für die wirtschaftspolitische Wende zum Ende der 1970er Jahre, die häufig mit den Namen Ronald Reagan und Margaret Thatcher verbunden wird, und den programmatischen Verflechtungen des amerikanischen Neo- und deutschen Ordoliberalismus, welche eine Abkehr von Fordismus und Keynesianismus zur Folge hatte.

Die Ergebnisse sind zwar schon ausgiebig beschrieben worden (zum Beispiel in Boltanski/Chiapello 2003), hier ist jedoch interessant, wie ein ehemaliger Operaist diese Entwicklungen als Individualisierung der räumlich und sozial verstreuten Arbeitskraft einschätzt: „So gesehen ist die Finanzialisierung des Kapitals ein Zeichen für die Krise der politischen Repräsentation der Multitude“ (S. 23). Finanzialisierung meint hier die Tendenz des Kapitals in immer kreativere Rücklagen zu flüchten (Renten- und Aktienfonds und diverse toxische Papieranlagen), oder auf Miet- und Leasingmaschinenparks, um schliesslich die Risiken vollständig zu sozialisieren. Ein Sozialismus für die Reichen und Superreichen.

Im folgenden Kapitel, ein Interview von Cosma Orsi, dem Autor von „Die Chimäre der Weltregierung“ (2010) macht Marazzi deutlich, dass die Finanzialisierung des Kapitals durch den Staat vor allem die Überdeterminierung der Real- durch die Finanzökonomie zur Folge habe. Nun gehe es dem Staat darum das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder herzustellen, notleidende, systemisch wichtige Banken zu retten oder einfach nur die Finanzmärkte zu beruhigen. Stattdessen tritt Marazzi für ein garantiertes Mindesteinkommen ein.

An einer anderen Stelle des Buches (S. 136) setzt sich der Autor kritisch mit dem Begriff der immateriellen (kognitiven) Arbeit auseinander, welcher seiner Meinung nach zu einer Reihe von Missverständnissen geführt habe. Arbeit sei immer materiell, auch wenn sie kognitiv ist, sie sei mühevoll, „sowohl als Verausgabung körperlicher als auch Verausgabung intellektueller Arbeitskraft“. Ein Beispiel für das mit ihr verbundene Leid sei die Zunahme der Anzahl der Depressionen und psychischen Erkrankungen.

Leider enthält das Buch noch keine Einschätzung zur europäischen Finanzkrise, die in den betroffenen Ländern als Diktat des Modells Deutschland wahrgenommen wird. Man wird wohl mit Marazzi rechnen können.

Adi Quarti
kritisch-lesen.de

Christian Marazzi: Sozialismus des Kapitals. Diaphanes Verlag, Zürich 2012. 160 Seiten, ca. SFr 19.00. ISBN 978-3-03734-185-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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