Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust Soziologisches Zerstörungs-Missverständnis
Sachliteratur
Das Jahr mit einem Beitrag zum Konzept des „demokratischen Faschismus“ nach Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey (2025) zu beginnen, stellte sich nicht als grosser Wurf heraus, als ich ihr Buch Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus las.

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Weite Passagen lesen sich wie eine literarische Beschreibung des Aufstiegs neofaschistischer Akteure, anknüpfend an die Veränderung sozialstruktureller Bedingungen und der Erosion der liberalen Demokratie. Wer sonst keine Nachrichten liest, kann sich hier noch mal eine gute Zusammenfassung der Entwicklungen anhand einiger signifikanter Ereignisse nachlesen. Doch wer es tut, für den hat die Lektüre wenig Mehrwert. Im Gegenteil spricht aus der Perspektive von Nachtwey und Amlinger formulieren ihr bildungsbürgerlicher und gut situierter Hintergrund mit dem sie Ihresgleichen ansprechen wollen.
Die pädagogisch-überhebliche Geste ihren Leser*innen erklären zu wollen, dass Menschen aus anderen Milieus ganz andere Erfahrungen machen, verdeutlicht, wie stark die Autor*innen tatsächlich von den Lebensrealitäten der von ihnen beforschten Milieus entfernt sind. Das erzeugt einen doch sehr unangenehmen Eindruck … Die Eigenleistung basiert auf der Auswertung einer in Auftrag gegebenen umfangreichen Studie, von Personen, die die AfD wählen. Und allgemein ist es sicherlich auch gut, einige Zahlen anzuführen, um die Einstellungen, aufgrund der Lebenslagen und Erfahrungen von Menschen verschiedener Milieus im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklungen erklärbar zu machen.
Im Stil des allzudeutschen Sozialkitsches beschreiben die Autor*innen die Erfahrungen und Weltsichten von Manfred Gruber, Rainer Kunz, Anette Kowalski oder Fabian Leonhard [Namen geändert]. Sie hatten alle ihre Schicksalsschläge, ziehen irgendwie falsche Schlüsse, fühlen sich abgehängt oder bedroht und zeigen bisweilen Freude an Zynismus und Grausamkeit. Offenbar muss es besonders menscheln, um empirische Sozialstudien in einem Bestseller zu verarbeiten. Die Lesenden sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen – und wundern sich vermutlich wiederum, was die Autor*innen ihnen eigentlich mitteilen wollen.
Die Kritik entspringt meiner subjektiven Leseerfahrung, allerdings kann gesagt werden, dass der Gehalt des Formulierten im Verlauf des Buches kontinuierlich abnimmt. Darüber hinaus bleibt aber auch das titelgebende Konzept des „demokratischen Faschismus“ merkwürdig schwammig. Im Wesentlichen geht es darum, dass neofaschistische Akteure – erstens – sich strategisch nicht direkt auf die Übernahme der Staatsmacht mittels eines Putsches konzentrieren, sondern die Erosion der liberalen Demokratie befeuern, die ihre Gründe allerdings auch in der vonstatten gehenden Transformation der kapitalistischen Produktionsweise hat.
Zweitens geht es offenbar darum, dass Faschismus nicht primär ein politisches Projekt ist, sondern eher kulturell und auf sozialpsychologisch-affektiver Ebene wirkt. Faschismus ist also eine Reaktion auf Konkurrenz, Verunsicherung, Vereinzelung und Entfremdung der staatlich-kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft – und befördert diese, um strategisch von ihr zu profitieren. Mit anderen Worten geht es neofaschistischen Projekten darum, nach Hegemonie zu streben und die Herzen und Gedanken der Menschen einzunehmen.
Drittens bedeutet „demokratischer Faschismus“, dass in den jeweiligen Subjektiven eine Menge Vorstellungen und Gefühle vermischt auftauchen, die in eine konservativ-autoritäre und konterrevolutionäre Sehnsucht kanalisiert werden. Durch die unerfüllten Versprechungen der modernen Gesellschaft wenden sich die von ihnen hervorgebrachten Subjekte auf aggressive gegen diese. Sie wollen beispielsweise ihr Deutschland, aber eben nicht dieses Deutschland, sondern das verlorene, welches es nie gab. Viertens könnte man noch herauslesen: Irgendwie scheint es ein Problem mit der „liberalen Demokratie“ zu geben. Kategorien wie Staat, Kapitalismus oder Patriarchat sind den Autor*innen zwar nicht dem Wort, aber dem Inhalt nach offenbar völlig fremd.
Die liberale Demokratie funktioniert also nicht so richtig, weil sie ihre Bürger*innen angeblich so stark bevormundet, politische Prozesse in ihr zu lange dauern und dergleichen. Konsequenterweise bleibt die abschliessende Forderung von Amlinger und Nachtwey nach einem „postliberalen Antifaschismus“ eine hohle Phrase ohne jeden Bezug zur sozialen Bewegung – ob autonomen oder zivilgesellschaftlichen Antifaschismus. Für sich genommen sind diese Punkte sicherlich nachvollziehbar und gut ausgeführt. Allerdings scheint in ihnen schlichtweg keine Erkenntnis zu liegen, die wesentlich darüber hinaus geht, wie wenn ich drei bis fünf Kilometer herausfahre und dort einfach mit Leuten spreche.
Was den Absatz des Buches befördern dürfte, ist das Schlagwort der „Zerstörungslust“. Hierbei geht es um aggressives Verhalten, destruktives Handeln und im Grunde genommen nekrophile Sehnsüchte der mit dem neuen Faschismus liebäugelnden Subjekte. Es überrascht wenig, dass die beiden Soziolog*innen feststellen, dass die Anhänger*innen und Wählerschaft der AfD höhere „Destruktivitätswerte“ aufweist, als jene anderer Parteien. Die politische Position verknüpfen sie also mit dem Sozialcharakter, was den Studien zum „autoritären Charakter“ nahekommt. Und diese Verknüpfung liegt auch nahe. Nur wird auch mit der empirischen Bestätigung der intuitiven Vorannahmen der Eindruck erzeugt, das Klientel der AfD wäre nun mal per se leistungsorientiert, aber sozial beschränkt, schlicht im Gemüt und häufig grundsätzlich misstrauisch.
So plausibel dies erscheint, erklären die ausgemachten Charaktertypen aber nicht hinreichend, warum Menschen den Neofaschismus unterstützen. In diesem Zusammenhang ist unter anderem zu kritisieren, dass die Bezeichnung als „libertär“ (wie auch bei Quinn Slobodian) fast selbstverständlich für rechtslibertär verwendet wird, statt ihre Herkunft mitzubedenken. Doch ist dies logisch, da die Autor*innen letztendlich hochgradig Staats-affirmativ argumentieren und die liberale Demokratie konservieren wollen, deren Funktionsweise und Wertesystem sie eher pro forma bemängeln.
Die Sozialpsychologie in der Tradition von Theodor Adorno und Erich Fromm dient damit – ähnlich dem Trend zu Persönlichkeitstests – der Zuschreibung von Aggressivität, Destruktivität, Gewaltaffinität, Zynismus, Anspruchs- und Besitzdenken an verschiedene soziale Gruppen. Selbstverständlich ist es ein erklärungswürdiges Phänomen, warum dermassen viele Menschen jene liberalen politischen Rechte über Bord werfen oder sozialstaatliche Strukturen zerschlagen wollen, für die Generationen vor ihnen gekämpft haben und von denen sie selbst in der Regel auch profitiert haben (und noch profitieren); seien es öffentlichen Bildungssysteme, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Kranken- und Rentenkassen, Versammlungs-, Demonstrations-, Vereins- und Presserechte etc.
Der Ansatz einer „methodischen Empathie“, den die Amlinger und Nachtwey verfolgen, gelangt allerdings meiner Ansicht nach nicht wirklich zu einem Verständnis davon, welche Gründe es gibt, um die erodierende – und zunehmend von autoritär-konservativen übernommene – Herrschaftsordnung kritikwürdig sein und man auf sie zerstörungslustig reagieren könnte.
Ungleichzeitigkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklungen, multiple Verunsicherungen, Stadt-Land-Gefälle, widersprüchliche Erfahrungen durch Migration verschiedene Gründe versuchen die Soziolog*innen zu erfassen und zu beschreiben. Nur, die Zerstörungslust können sie nicht nachvollziehen – obwohl sie keineswegs vor allem den AfD-Wähler*innen zugeschoben werden kann. Aus diesem Grund verstehen Anarchist*innen den Faschismus besser, als sozialdemokratisch angehauchte, gut situierte Sozialwissenschaftler*innen.
Zerstörung könnte zweifellos befreiend wirken und in Aspekt von Emanzipation sein. Tatsächlich wird die angestaute Wut, das Gefühl, in der bestehenden Gesellschaftsform ausrasten zu müssen, aber dahin kanalisiert, Dinge zu zerschlagen, um den Autoritarismus und klare Hierarchien auszuweiten. Ein signifikanter Teil der Bevölkerung giert danach, härter, klarer und majestätischer beherrscht zu werden, statt durch abstrakte Technokratie, Partizipation und Verhaltensregulation.
In diesem Sinne ist die Ausweitung des Neofaschismus tatsächlich zugleich Produkt und Gegenbewegung des Neoliberalismus. Personen, die zum Autoritarismus tendieren, wollen sich in einer zusammenbrechenden Gesellschaftsform nicht länger regulieren und fordern daher Grenzen ein, die ihnen die liberale Demokratie nicht bieten. Eine Antwort darauf kann nicht in einem bewegungs-fernen „postliberalen Antifaschismus“ gefunden werden – was auch immer das sein soll. Sie läge in der Organisation von sozialen Bewegungen, die ihrerseits eine Orientierung auf eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform, sowie ein eigenes Wertesystem entwickeln. Dazu müsste man aber, die Zerstörungslust ernst nehmen und sie möglicherweise auch anders kanalisieren, statt sie zu dämonisieren.
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Suhrkamp, Berlin 2025. 464 Seiten. ca. 45.00 SFr. ISBN: 978-3-518-43266-2.
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