Cajo Brendel: 17. Juni 1953 Die Ruhe vor dem Sturm: Was man heute noch aus dem Aufstand vom 17. Juni 1953 lernen kann
Sachliteratur
Der 17. Juni 1953 wird bis heute entweder als „Volksaufstand für die deutsche Einheit“ oder als westlich gesteuerte Provokation erinnert.

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Cajo Brendels Schrift Der Arbeiteraufstand 1953 in der DDR [1] stellt genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt. Ausgehend von spontanen Streiks gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen, also gegen eine faktische Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, entwickelte sich innerhalb weniger Tage eine Massenbewegung, die Betriebe lahmlegte, Demonstrationen organisierte, Streikleitungen wählte und in Orten wie Halle, Bitterfeld und Rosslau für kurze Zeit eigene Organe der Macht hervorbrachte.
Für Brendel liegt die historische Bedeutung des Aufstandes genau in dieser Form. Die Bewegung entstand spontan, ohne zentrale Führung, ohne Partei und ohne Gewerkschaftsapparat. Gerade dadurch widerlegte sie die Vorstellung, dass soziale Umwälzungen nur durch politische Eliten organisiert werden könnten. Die Organisation entstand aus dem Kampf selbst. Wo die Bewegung anwuchs, entstanden neue Organe der Selbstorganisation: Streikkomitees, Betriebsvertretungen und lokale Koordinierungsstrukturen. Damit berührt das Buch eine Frage, die weit über das Jahr 1953 hinausweist. Wenn Arbeiterkämpfe nicht bloss Protest gegen einzelne Missstände bleiben sollen, wie können sie sich organisieren? Welche Formen gesellschaftlicher Selbstverwaltung entstehen im Verlauf von Kämpfen? Und welche Rolle spielen dabei Parteien, Gewerkschaften und staatliche Institutionen?
Die Antworten, die Brendel und die im Anhang versammelten rätekommunistischen Texte geben, sind unbequem. Sie passen weder in die antikommunistische Feier des Westens noch in die apologetische Erzählung des Staatssozialismus. Der Aufstand richtete sich nicht nur gegen politische Unterdrückung, sondern gegen die Bedingungen der Lohnarbeit selbst. Er endete in einer Niederlage – aber einer Niederlage, aus der sich mehr lernen lässt als aus vielen Siegesgeschichten.
Gerade darin liegt die Aktualität des Buches. Die Arbeiterbewegung erscheint heute vielfach geschwächt. Soziale Konflikte werden häufig von Institutionen kanalisiert, verwaltet oder entschärft. Gleichzeitig nehmen wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Ungleichheit und geopolitische Spannungen wieder zu. Die Frage, wie Menschen ihre Interessen selbst organisieren können, stellt sich daher erneut.
Ob man die politischen Schlussfolgerungen Brendels teilt oder nicht: Seine Darstellung erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht allein aus Programmen, Parteien oder Regierungen hervorgehen. Der 17. Juni 1953 zeigt eine andere Möglichkeit – den Moment, in dem gewöhnliche Menschen beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.
Gerade deshalb ist dieses Buch mehr als ein historischer Rückblick. Es ist ein Beitrag zu einer bis heute offenen Diskussion über Selbstorganisation, Demokratie und soziale Emanzipation. Der Aufstand scheiterte an sowjetischen Panzern. Die Fragen, die er aufwarf, sind geblieben.
Cajo Brendel: 17. Juni 1953. Red & Black Books 2023. 133 Seiten. ca. 16.00 SFr. ISBN: 978-3000761997.
Fussnoten:
[1] https://redblackbooks.de/cajo-brendel/
Fussnoten:
[1] https://redblackbooks.de/cajo-brendel/
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