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Britta Steinwachs: Zwischen Pommesbude und Muskelbank Unterschicht - Eine Frage der Körperhaltung?

Sachliteratur

Die Studie bietet eine sehr detailgenaue Aufarbeitung der Scripted-Reality-Sendung „Familien im Brennpunkt“ und der dortigen Herstellung des „Unterschichtkörpers“.

18. August 2016

18. Aug. 2016

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Britta Steinwachs zeigt in dem vorliegenden Band anhand zweier Folgen des RTL-Formats „Familien im Brennpunkt“ auf, wie durch Körper und körperliche Ausdrucksformen die Unterschicht dargestellt beziehungsweise hergestellt wird. Sie zeigt zugleich auf, wie sich hierdurch (un-)bewusste Widerständigkeiten gegen bürgerliche Normen ausdrücken können. Interessant ist dabei nicht nur die Feinanalyse des Materials, sondern auch die allgemeine Veränderung des sogenannten Unterschichtenfernsehens in den letzten Jahren.

Zunächst führt Steinwachs kompakt und informativ in die theoretischen Grundgedanken des Buches entlang von Unterschichtsdebatten, soziologischen Theorien zu Körpern und Scripted-Reality-Formaten ein. Hierbei erarbeitet sie ihre Analyse auf der Grundlage der 2004 aufkommenden Debatte um die Neue Unterschicht. In ihrer Darstellung zeichnet sie den neoliberalen Aktivierungsgedanken und die Rolle des Sozialstaates anhand von Fernsehen als Akt und als Medium nach. Fernsehen wird hierbei als Ausdruck der Passivität von Subjekten und als Teil der Unterschichtskultur gesehen, parallel dazu werden aber auch die Unterschicht und dazugehörige Körper durch Fernsehen medial hergestellt.

"Kern des medial gezeichneten Bilds der 'Neuen Unterschicht' ist einerseits die Inszenierung des 'Unterschichtsalltags' als Kultur der 'Verwahrlosung' (z.B. exzessiver TV-Konsum, übermässige und ungesunde Ernährung, gesundheitsschädlicher Tabak- und Alkoholkonsum), andererseits, daraus resultierend, die politische Einschätzung, der deutsche Sozialstaat biete den 'Faulenzern' zu viele Freiheiten, das Sozialsystem auszunutzen" (S. 7, Herv. i. O.).

Sowohl die Rolle des Sozialstaates als auch die Darstellung von Verwahrlosung zeigen sich in den beiden von der Autorin ausgewählten Episoden von „Familien im Brennpunkt“.

Das Format steht exemplarisch für „Unterschichtsfernsehen“ und suggeriert eine Nähe zum realen Leben vieler Menschen. Dieses ist nicht nur durch die zugeschriebene Zielgruppe definiert, sondern auch dadurch, dass Laiendarsteller_innen aus unteren Klassenlagen einfache Menschen darstellen. Steinwachs nutzt die Begrifflichkeit einfache Menschen, um die vermeintliche Normalität und Authentizität der Darsteller_innen und Charaktere, aber auch die Positionierung in unteren Lebenslagen begrifflich zu erfassen. Diese Scripted-Reality-Formate sind der bisherige Höhepunkt, was die Inszenierung vorgeblich einfacher Menschen in Privatsendern betrifft: Waren Talkshows der 1990er Jahre dadurch gekennzeichnet, dass auch vermeintliche Normalbürger_innen mit ihren Geschichten eingebunden wurden, liegt der Fokus der Fiktion und die Rekrutierung der Darsteller_innen bei Scripted-Reality-Formaten darauf, eine authentische Perspektive auf einfache Menschen zu vermitteln.

Unterschichtskörper im Unterschichtsfernsehen

Der Hauptteil des Buches ist der diskursanalytischen Betrachtung von zwei je 45-minütigen Episoden von „Familien im Brennpunkt“ gewidmet. Dieses Format hat regelmässig 18 Stunden Sendezeit pro Woche. Die Autorin arbeitet am Beispiel der Familien Schmitz und Rotkowski heraus, wie klassenspezifische Merkmale anhand von Körpern und körperlichen Ausdrucksformen hergestellt werden. In der Analyse werden drei Schwerpunkte gesetzt: Körper und Modifikation, der Themenkomplex Gesundheit sowie der Umgang mit Sexualität und Geschlechterrollen.

Generell ist die Analyse sehr akribisch, detailreich und strukturiert. So wird beispielsweise in Bezug auf Sprache und Artikulation sehr genau und auf verschiedenen Ebenen herausgearbeitet, wie sich der Sprachgebrauch, aber auch das sprachliche Feingefühl der dargestellten Personen von den Mittelklassecharakteren unterscheiden. Ein „mangelhafter“ Sprachgebrauch wird nicht nur den unteren Klassen, sondern vor allem einem geringen formalen Bildungsniveau zugeschrieben.

Bei der Auswertung ihrer Daten verbindet die Autorin elegant die Analyse des Sprachgebrauchs der Charaktere mit den damit verbundenen gesellschaftlichen Zuschreibungen. So wird gezeigt, dass ein „ordinärer“ Sprachgebrauch gleichgesetzt wird mit hegemonialen Ansichten von Dummheit. Auch die Lautstärke der Ausführungen lässt sich als Zeichen für die zugeschriebene mangelnde emotionale Beherrschung der Unterschicht lesen. So beschreibt Britta Steinwachs, dass Sprache hier nicht nur klassenspezifisches Merkmal ist, sondern zeitgleich „Integrationsbarriere in die bürgerliche Welt“ (S. 50).

Allein der individuelle Leistungswille des (bildungs-)aufstrebenden James Schmitz (als Sohn von stereotypisierten Unterschichtseltern) scheint diese Barriere zu überwinden – er hat einen anderen Sprachgebrauch als seine Familie. Hierbei, so macht Britta Steinwachs deutlich, zeigen sich die eingangs beschriebenen neoliberalen Individualisierungstendenzen - strukturelle Problematiken wie unterschiedlicher Zugang zu Bildung und einem „korrekten“ Sprachgebrauch werden ausgeblendet und stattdessen dass Individuum für seine gesellschaftlichen „Aufstieg“ verantwortlich gemacht.

Im Fazit schlägt Steinwachs gekonnt die Brücke zum Anfang des Buches, wobei die Rolle des Sozialstaates und die Bedeutung von Aktivität erneut in den Fokus rücken. Der Schwerpunkt – und auch die moralisierende Komponente in den Folgen – liegt darin, dass die Charaktere aktiv „an sich arbeiten“, um ihre Lebenssituation zu verändern. Eine Ablehnung dieser Veränderung – wie sie durch James’ Eltern oder Spencers Mutter dargestellt werden – ist gesellschaftlich nicht gewollt. Hier zeigt sich die Möglichkeit von Widerständigkeit gegen bürgerliche Praktiken und Normen, aber auch, wie solch eine Inszenierung stigmatisierend auf die unteren Klassen wirkt. So führt die Autorin in Bezug auf die Rolle der dargestellten Eltern (rauchend und bildungsverweigernd) aus:

„Die Unterschichtscharaktere machen sich im Sinne des Aktivstaats schuldig an der Gemeinschaft, da sie einerseits einer neoliberalen Selbstfürsorge nicht nachkommen, indem sie sich einer gesundheitlichen Prävention entziehen, und andererseits indem sie in passiven traditionsbewussten Handlungsmustern verharren (wollen) – welche sie selbst als Normalität definieren – und damit auch die Maximierung des gesellschaftlichen Werts ihrer Söhne als zukünftige Arbeitsmarktteilnehmer gefährden“ (S. 104f.).

Widerständigkeit ist hierbei nicht zwangsläufig ein bewusster Akt, sondern eher die Verweigerung, Teil einer Leistungsgesellschaft zu sein. Die analysierten Scripted-Reality-Formate unterstützen dabei aber weniger solche Verweigerung oder bieten eine Chance der Positionierung, sondern sie forcieren in der Art des Handlungsverlaufs eine Orientierung an bestimmten Werten, um nicht selbst zu scheitern und aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen (vgl. Britta Steinwachs im Interview).

Die feinen Unterschiede

„Zwischen Pommesbude und Muskelbank“ zeigt sehr detailgetreu Zuschreibungen und Darstellungen der Unterschichtskörper im Fernsehen auf, welche so auch abseits des behandelten Formats medial wiederzufinden sind. Die Genauigkeit der Analyse in Bezug auf „gewöhnlich“ wirkende Dinge wie Sprache, Kleidung, aber auch Körperhaltung und Gestik macht das Buch zu einer Bereicherung im Kontext der Medienanalyse.

Es ist jedoch auch spürbar, dass das Buch auf der Grundlage einer Masterarbeit entstanden ist: So werden Darstellungen der akustischen Energie bei Dialogen herangezogen, über die Britta Steinwachs nachweist, dass auch die Tonfrequenzen und die Lautstärke klassenspezifisch verschieden dargestellt werden. Dies ist zwar sehr interessant, allerdings erschliessen sich die selbst entwickelten Darstellungen mir ohne Vorkenntnisse nicht. Auch ist die Sprache sehr akademisiert, und es erfordert einige Zeit, sich in die oft langen Satzstrukturen hineinzudenken. Zudem hat die Vorauswahl der beiden Episoden mit männlichen Hauptfiguren dazu geführt, dass meinem Eindruck nach geschlechterreflektierte Perspektiven in der Analyse zu kurz kommen. Zwar wird herausgearbeitet, dass männliche Körper anders hergestellt werden als weibliche, aber weibliche Charaktere sind in beiden Episoden auch nicht die zentralen Figuren, was die Analyse beeinflussen könnte.

Trotzdem ein sehr interessantes und empfehlenswertes Buch, um sich anhand praktischer Beispiele aus dem Medienalltag mit theoretischem Wissen über Klasse und Klassengeschmack – beispielsweise in Bezug auf Kleidung oder Haarstyles – auseinanderzusetzen. Schriftzüge auf Shirts und der Verzicht auf individualisierende Accessoires scheinen auf den ersten Blick nicht bedeutsam zu sein, aber schon so feine Unterschiede markieren die Träger_in – in Verbindung mit weiteren Markern – als Teil eines bestimmten Milieus. Das Buch hilft dabei, zu reflektieren, wie Wissen über untere Klassen hergestellt wird und macht dies durch die Unterscheidung der beschriebenen „Unterschichtskörper“ und der Körper Aussenstehender wie James’ Lehrerin erkennbar. Es hilft auch, sich klarzumachen, wie man selbst dieses marginalisierende Wissen reproduziert. Die nächste Runde Fernsehen wird zumindest bei mir durch eine neu geschärfte analytische Brille betrachtet.

peps perdu /kritisch-lesen.de

Britta Steinwachs: Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Die mediale Inszenierung der "Unterschicht". Edition Assemblage, Münster 2015. 157 Seiten, ca. SFr 28.00, ISBN 978-3-942885-91-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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