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Björn Hendrig: Gegen die öffentliche Meinung

Björn Hendrig: Gegen die öffentliche Meinung Was leistet die Gegenöffentlichkeit?

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Sachliteratur

Von A wie Arbeitsplatz bis W wie Wirtschaft liest ein oppositionelles Lexikon die öffentliche Meinung, die in der BRD herrscht, gegen den Strich. Eine aktuelle Buchvorstellung.

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Datum 19. September 2026
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Wenn man einmal die „Meinungsfreiheit, Marke BRD, Stand 2026“ unvoreingenommen unter die Lupe nimmt, stösst man gleich darauf, dass in unserer hochgeschätzten liberalen Demokratie mittlerweile ein breites Spektrum repressiver Massnahmen zum Einsatz kommt – von Sanktionen auf EU-Ebene über die geheimdienstliche Überwachung einer linken Tageszeitung bis zur Wiederbelebung der Berufsverbote, um die sich eine Stadtverwaltung im Bundesland Sachsen kümmert.

In der BRD ist das natürlich nichts Neues, schon immer kämpfte hier eine linke Gegenöffentlichkeit darum, gegen den Mainstream abweichende Meinungen zu Gehör zu bringen. In der Adenauerära konnte allein dank des SED-Sponserings die linke Zeitschrift „Konkret“ für etwas Pluralismus im bundesrepublikanischen Blätterwald sorgen; während der 68er-Bewegung entstanden verschiedene Infodienste für unterdrückte Nachrichten (wovon letztlich nur die taz übrig blieb); und mit der späteren Anti-AKW- und Friedensbewegung kamen umfangreiche Bemühungen auf, Gegenwissen gegen das herrschende Expertentum zu erarbeiten und über oppositionelle Kanäle zu verbreiten.

Jetzt hat Björn Hendrig (Pseudonym eines Fachmanns für journalistische Ausbildung) eine Art Lexikon vorgelegt, das in dieser oppositionellen Tradition steht. „Gegen die öffentliche Meinung“ lautet der programmatische Titel. Das Buch, das Texte der Jahre 2020ff aus den Online-Magazinen Telepolis und Overton zugänglich macht (dort finden sich auch weitere Beiträge des Autors), will „gängige Erklärungen von A wie Arbeitsplatz über K wie Krieg bis W wie Wirtschaft“ unter die Lupe nehmen.

Gegen gängige Erklärungen

Das Buch wendet sich konsequent und systematisch gegen den BRD-Mainstream und gegen die Leitbilder, die für dessen Leitmedien verbindlich sind. Es macht das gewissermassen enzyklopädisch, wobei die Liste der aufgegriffenen Themen und Topoi keine Vollständigkeit beansprucht, aber repräsentativ ist. Mit dem Eintrag „Armut“ geht es los: Was der Arbeitsplatz zu ihrer Vermeidung leistet bzw. gerade nicht leistet, wird mit den Methoden der Stiftung Warentest ermittelt. Dann wird die „Bundeswehr“ mit vier Beiträgen gewürdigt, u.a. mit einem Offenen Brief an die Eltern künftiger Soldaten.
Es folgen „Bundestagswahlen“ und eine „etwas andere Bilanz“ zum Thema „Corona“, die sich von den Enthüllungen der einschlägigen Alternativmedien deutlich absetzt. „Deutschland“ (mit einem nationalen Highlight: der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten), „Diplomatie“, „EU“ sind die nächsten Stichworte und danach selbstverständlich die „Friedensbewegung“, der empfohlen wird, ihren Frieden mit Deutschland zu kündigen. Dann sind die „Gewerkschaften“ an der Reihe („Politiker, Unternehmer, Gewerkschafter in Sorge vereint“) und der „Klimawandel“, ferner der aktuelle Hauptaufreger der Gegenöffentlichkeit: „Krieg“. Dazu werden mehrere Beiträge geboten, dies ebenfalls zu der total angesagten Innovation „Künstliche Intelligenz“.

Mit „Lobby“, „Medien“ und „Nachhaltigkeit“ (auch beim Ausbeuten) geht es weiter. Zum „Nahost“-Konflikt gibt es vier Beiträge, die von Israel, Syrien und Iran handeln. Dann folgen „Polizei“ (die Ideologie vom Freund & Helfer wird aufgegriffen) und „Sport“ (vier Beiträge, auch einer zur letzten Fussballweltmeisterschaft). Und nach „Völkerrecht“ (alias „Sittenregel für Gewalthaber“) schliesst das Stichwort „Wirtschaft“, das auf die Wohltaten des Kapitals für die hiesigen „Arbeitsplatzbesitzer“ eingeht, den Band ab.

Die Beiträge zielen damit auf Fragen, die naheliegen und die Menschen aufregen müssten – Fragen z.B. danach, warum es ständig Krieg, Hunger und Elend in dieser doch eigentlich so reichen, völkerrechtlich geordneten Welt gibt; was so viele Flüchtlinge aus ihrer Heimat forttreibt; warum es dort für sie nicht mehr auszuhalten ist. Und überhaupt, warum die Staaten so wenig gegen die offiziell diagnostizierten Katastrophen in Sachen Klima, Hunger oder Gesundheitsgefährdung unternehmen.

Das wären die zentralen Fragen zu einer ziemlich ungemütlichen Welt, deren Bewohner sich aber nicht mit einer eigenen Urteilsbildung aufhalten können/wollen, sondern sich – auch wenn sie den „Mainstream-Medien“ nicht mehr vertrauen – mit den gängigen Erklärungen abspeisen lassen. Ansonsten machen sie ihren Job, kümmern sich um die Familie und hoffen, irgendwie gut durchs Leben zu kommen. Denn: Was kann man schon gegen all die Grausamkeiten auf dem Globus machen? Hendrig rät: „Vielleicht in einem ersten Schritt sich klar werden, warum es die gibt. Und wer warum ständig behauptet, das wäre schon alles grundsätzlich in Ordnung, wie es läuft.“

Gegen nationale Illusionen und Enttäuschungen

Beispielhaft sei hier Hendrigs Stichwort „Corona“ aufgegriffen, an dem sich noch ein wichtiger Aspekt der heutigen Gegenöffentlichkeit aufzeigen lässt. Diese kennt ja neben der linken eine national enttäuschte, staatskritische Abteilung, in der verschiedene Strömungen zusammenfinden oder auch nebeneinanderstehen. Prominent ist hier – vor allem ‚seit Corona' – die „Querdenkerszene“, die laut herrschender Meinung Verschwörungstheorien verbreitet. Übrigens ein eigenartiger Vorwurf, sind doch die Regierenden und ihre staatstreuen medialen Sprachrohre Weltmeister darin, (fast) alle gegenwärtigen Übel als Werk einer Verschwörung zu entlarven, hinter der ein einziger Übeltäter steht: Putin!

Die Enttäuschung der Coronaskeptiker darüber, dass ihr Staat auf einmal mit Notstandsrecht regiert und viele soziale Existenzen an den Rand des Zusammenbruchs bringt, teilt Hendrig nicht. Aber natürlich benennt er die Härten, die hier anfielen. Er führt sie freilich auf den Normalbetrieb des Standorts zurück und nicht auf einen nationalen Verrat. Merke: „So gut ‚versorgt' eine Marktwirtschaft ihre Arbeitnehmer, dass schon ein kurzzeitiger Ausfall des Gehalts viele Haushalte in existenzielle Nöte stürzt. So anfällig ist diese Art Wirtschaft, dass schon ein kurzzeitiger Stopp der Geldgeschäfte die Unternehmen ausserstande setzt, die Gesellschaft mit Gütern zu ‚versorgen'.“

Die Nation wirtschaftet eben grundsätzlich mit einem Volkskörper, der dank der zahlreichen „Zivilisationskrankheiten“ und Umweltbelastungen schon immer eine prekäre Grösse darstellt, und zudem mit einem kostenbewusst gestalteten Gesundheitssystem für die Massen, das den Krankenstand notdürftig in Schach hält. Beim Auftreten einer schwer einschätzbaren Volksseuche interessiert den Staat dann „zuallererst das Funktionieren seines Volks – wohlgemerkt Funktionieren, nicht Gesundheit und Glück für alle“. Nachträglich weiss man natürlich besser, welchem Rat von Virologen und Epidemiologen man hätte folgen sollen. Klar: Über diese Fragen wurde damals politisch entschieden, nicht wissenschaftlich. „Beispielsweise galt die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz nicht als so dramatisch wie die von Kindern in Schulen und Kindergärten“.

Aber in einem solchen Notstandsfall reagiert eben eine kapitalistische Staatsmacht und nicht eine Bildungsrepublik oder Wissensgesellschaft, wo sich die Einwohner nach vernünftigen Regeln um ein gesundheitsförderliches Zusammenleben kümmern und dazu auch die Mittel haben. Stattdessen werden von der Staatsgewalt für eine befristete Zeit neue Regeln in die Welt gebracht – eben damit diese Gesellschaft so schnell wie möglich in den normalen Gang des Geldgewinns zurückkehren kann. „Auf Einzelschicksale wird dann keine Rücksicht genommen, auch nicht auf abweichende Meinungen“.

Gegen die Sozialpartnerschaft moderner Arbeitervertretung

Noch unter Coronabedingungen erschien Hendrigs erster Beitrag zum Arbeitsplatz, dem höchsten Gut, das deutsche Gewerkschaften kennen. Doch der – ironischerweise vorgenommene – Test endet mit dem eindeutigen Fazit: „Der Arbeitsplatz ist nicht für jedermann. Er eignet sich nur für Leute, die ohne ihn nicht leben können – weil sie sonst nichts haben. Für Menschen mit Geld ist das nichts. Wer sich für einen Arbeitsplatz interessiert, sollte sich auf ein bewegtes Leben einstellen…“ Leute mit Geld haben andere Sorgen, nämlich wie sich ihr Geld vermehren lässt, also wo es eine profitable Anlage findet. Die Frage stellt sich immer, aber unter Krisenbedingungen verschärft, und so wurde ‚nach Corona' gleich im Blick auf die nächste nationale Herausforderung, die Energiekrise, die Sorge um die Profitabilität des Standorts laut. Da der Westen nach Beginn des Ukrainekriegs die Versorgung mit russischen Energielieferungen zurückgefahren hatte und stattdessen auf das teure LNG-Gas aus den USA zurückgriff, wurde der Industrierstrompreis zum nationalen Aufreger.

Und siehe da, die DGB-Gewerkschaften mischten sich hier ganz selbstbewusst ein. Im Interesse der Arbeiter, die sie vertreten? Wurde der Regierung etwa empfohlen, sie möge bitteschön die Kriegsbeteiligung unterlassen und ebenso die damit verbundene riesige Staatsverschuldung, die die Inflation antreibt? Nicht im Traum würde einem DGB-Funktionär eine derartige Opposition gegen die nationale Sache einfallen! Vielmehr war man sich in Gewerkschaftskreisen einig und forderte das auch lauthals, der Staat sollte „noch mehr Geld mobilisieren, um den Schaden für die energieintensive Industrie zu begrenzen. Nicht, dass diese Konzerne auf die Idee kämen, woanders als in Deutschland ihre Gewinne zu machen! Kaum auszuhalten die Gefahr, dass damit Arbeitsplätze ins Ausland abwanderten!“.

Das nehmen also auch die Gewerkschaften, wie es im abschliessenden, umfangreichen Eintrag „Wirtschaft“ heisst, als grosse Alarmmeldung konstruktiv auf: „Die Gewinne sprudeln nicht wie gewohnt!“ Damit gehen sie ihren Weg konsequent weiter, der sie im Zeitalter der Weltkriege immer weiter von ihren internationalistischen, klassenkämpferischen Ursprüngen entfernt. Für sie gilt heute: Wer Arbeit vom Arbeit-Geber bekommt, soll sich als Arbeit-Nehmer glücklich schätzen. Dafür muss natürlich der Erstgenannte eine ganz spezielle Arbeit zu vergeben haben, nicht die Herstellung von irgendetwas (das Menschen gebrauchen könnten), sondern von Zeug, das sich lohnend verkaufen lässt. Zu hohe Kosten, z.B. für Energie, gefährden den Gewinn, also müssen diese gefährlichen Kosten gesenkt werden – was natürlich auch immer wieder, siehe die gegenwärtige Transformationsstrategie für den Kapitalstandort D, Einsparungen beim menschlichen Faktor, sprich: Massenentlassungen bedeutet.

In der Lage fehlt natürlich der Gewerkschaft das entscheidende Kampfmittel, die Möglichkeit zum Streik. Aber wenn der Laden läuft, haben sie einiges in der Hand – und überhaupt die Möglichkeit, sich zu einer Gegenmacht aufzubauen. Oppositionelle Gewerkschaftsinitiativen fordern das ja zur Zeit, vor allem im Blick auf den rasanten Kurs von Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Wenn die Bosse und ihre Regierung den Beschäftigten den Krieg erklären, hiess es letztens im Gewerkschaftsforum, kann die Antwort nur lauten: Gegenwehr jetzt! Und solange hier keine Gegenmacht zustande kommt, kann man sich wenigstens auf die Gegenöffentlichkeit stützen, die es – noch – gibt.
Björn Hendrig: Gegen die öffentliche Meinung – Gängige Erklärungen unter die Lupe genommen: von A wie Arbeitsplatz über K wie Krieg bis W wie Wirtschaft. Hamburg (Books on Demand GmbH) 2026. 468 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN-13: 9783696730086.

Bezug: https://buchshop.bod.de/gegen-die-oeffentliche-meinung-bjoern-hendrig-9783696730086

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