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Arne Naess: Die Zukunft in unseren Händen. Eine tiefenökologische Philosophie.

Arne Naess: Die Zukunft in unseren Händen. Eine tiefenökologische Philosophie. Tiefenökologie

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Sachliteratur

Als Begründer des Konzeptes der Tiefenökologie gilt der norwegische Philosoph Arne Naess (1912-2009). Das Buch Die Zukunft in unseren Händen. Eine tiefenökologische Philosophie erschien 2013 auf deutsch, aber bereits 1976 in der Originalausgabe.

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Datum 22. März 2026
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In meiner Beschäftigung mit ökologischem Anarchismus gelangte ich zum Eindruck, dass dieser sich aus drei Quellen speist. Diese sind meines Erachtens nach das Konzept der sozialen Ökologie, das Murray Bookchin geprägt hat, zweitens die Tiefenökologie, für die Arne Naess steht und drittens die Tierbefreiungsbewegung.

Die Rezeptionsgeschichte ist insofern interessant, weil in der nachträglichen Beschäftigung – ähnlich wie auch hinsichtlich Murray Bookchin – deutlich wird, wie viele Vorstellungen und Konzepte schon in den 60er, 70er und 80er Jahren diskutiert wurden. Næss stellt seine Philosophie in den Kontext der ökologischen Bewegungen mehrere Jahrzehnte und prägte diese somit als engagierter Intellektueller mit. Meines Erachtens nach stehen seine Überlegungen dem anarchistischen Denken sehr nahe – auch wenn er ausdrücklich darauf verweist, dass es internationale Institutionen geben soll, die bestimmte ökologische Standards durchsetzen können.

Drei wesentliche Kritikpunkte werden an die Tiefenökologie gerichtet, die ich vorab nennen möchte. Erstens wird der Ansatz dafür kritisiert, dass mit ihm eine Reduzierung menschlicher Bevölkerung gefordert wird. In einem neomalthusianischem Verständnis geht es darum, das rassistisch diskriminierte, ableistisch stigmatisierte oder sozial ausgeschlossene – also arme – Menschen keine Kinder bekommen dürften. Zweitens wird kritisiert, dass eine Relativierung der Unterscheidung von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren, zu einer Entmenschlichung ersterer führen würde. Sprich, dass die Menschenwürde mit der Aufwertung anderer Entititäten in der Biosphäre relativiert werden würde. Drittens ist Arne Næss' Philosophie gewollt „spirituell“ angehaucht, somit anschlussfähig für esoterisches Denken und gefühlte Wahrheiten, womit aufklärerische Errungenschaften untergraben werden würden.
Abgesehen davon, dass die Formulierung des tiefenökologischen Ansatzes nun vor einem halben Jahrhundert erfolgte und vermutlich seitdem weiterentwickelt wurde, bin ich persönlich zur Einschätzung gekommen, dass die Vorwürfe zum Teil überzogen sind und teilweise aus keiner ernsthaften Auseinandersetzung mit der Tiefenökologie resultieren. Aus ihnen folgt keineswegs ein „Ökofaschismus“.

Vielmehr ist es so, dass faschistische Akteure erstens eigenständige ökologische Vorstellungen hervorgebracht haben (die immer rassistisch, patriarchal und meist antisemitisch aufgeladen sind). Zweitens kam es immer wieder zu Infiltrationsversuchen ökologischer Bewegungen und die Bezugnahme auf damit verbundene Theorie durch Faschisten – wobei dies nicht diesen Vorstellungen selbst zuzuschreiben ist. Naess Konzeption ist öko-sozialistisch – und in Abgrenzung zu staatssozialistischen Modernisierungsprojekten auf Dezentralisierung, Vielfalt, kollektive Ermächtigung und ethische Lebensstile angelegt. Staatssozialist*innen gefällt das Anliegen nach Postwachstum dagegen nicht, weswegen sie es als tendenziell reaktionär diskreditieren…

Eine vermeintliche Überbevölkerung ist nicht das Weltproblem schlechthin, sondern die extrem ungleiche Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum und Ressourcen. Angehörige der herrschenden Klassen verbrauchen wesentlich mehr Ressourcen und Energie – insofern ist klar, das ihre Enteignung und Entmachtung der sinnvollste Beitrag für eine ökologische Gesellschaftstransformation ist. Zugleich muss man aber über einen bürgerlich-kapitalistischen Lebensstandard – und die damit verbundene imperiale Lebensweise – sprechen können. Das Produktions- und Konsummodell der „westlichen“ Industriestaaten ist verfehlt und seine Nachahmung von anderen Ländern führte selbstverständlich zu weiterer ökologischer Zerstörung. Dabei gibt es andere Wege, in die gesellschaftliche Entwicklung geleitet werden könnte – wenngleich diese unter enormen Druck von staatlich-kapitalistischen Rahmenbedingungen hegemonialer Nationalstaaten und Akteure standen.

Zweitens gefällt mir persönlich der Ansatz des Biozentrismus, der dem Anthropozentrismus entgegengestellt wird. Ich sehe nicht, wieso dies per se Menschenwürde untergraben sollte, sondern im Gegenteil, das menschliche Tiere vor diesem Hintergrund eine Aufwertung ihres Daseins durch den Abbau von Entfremdung, Individualisierung und Konsumzwang erfahren.

Das Menschen sich als Teil von ökologischen Systemen begreifen, statt sich fälschlicherweise über diese und ausserhalb dieser zu stellen, ist die Voraussetzung für die Reorganisation der Gesellschaftsform, wie sie Anarchist*innen seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorschwebte. In diesem Zusammenhang kann auch gesagt werden, das Næss kein „Primitivist“ ist. Vielmehr hält er es für eine Tatsache, dass Menschen immer schon in ihre Mitwelt eingegriffen haben und sieht darin kein Problem an sich (S. 57). Doch das Ausmass der menschlichen Überformung des Planeten, welches im Anthropozän bis zum ökologischen Kollaps führen wird, ist inakzeptabel. Insbesondere, da umweltverträgliche Technologien und Produktionsweisen vorhanden sind und entwickelt werden können.

Zum dritten Punkt, der Hinterfragung der aufklärerischen Rationalität empfinde ich auch keinen wirklichen Widerspruch, weil mein eigenes Denken unter anderem stark von poststrukturalistischen Theorien beeinflusst ist. In diesen geht es ebenfalls um die Relativierung von Wahrnehmungen, bzw. die Erkenntnis, dass sich das Ganze auf verschiedenen Teilwahrheiten ergibt und im Prozess ist.

Dies bedeutet nicht, dass jede Theorie gleicher Wahrheitsgehalt unterstellt werden kann. Gerade in politischen Theorien zeigt sich allerdings, dass aufkommende Staatsprojekte teilweise auf hochgradig obskure Konzepte zurückgreifen, um ihren Herrschaftsanspruch, sowie ihre herrschaftlichen Organisationskonzepte zu legitimieren (denkt man z.B. an Alexander Dugin oder die „neoreaktionäre“ Bewegung). Es muss durchaus gefragt werden, wie Theorien beschaffen sein müssen, um welche Anliegen umzusetzen. Ebenso muss das Verhältnis von Theorie und Ideologie, unser Blick auf Geschichte, Ökonomie und politische Anthropologie offen diskutiert werden.

Es ist ein falsches und instrumentelles Verständnis, Theorien danach zu konstruieren, welche Ziele man verfolgt. Stattdessen muss sich die eigene Praxis in einem Wechselverhältnis zum theoretischen Grundgerüst entwickeln und auf dieses zurückwirken. Arne Næss hat aber einen wichtigen Punkt, wenn er subjektive Sensibilität und Wahrnehmungen aufwertet, sowie technokratische Sachzwanglogiken hinterfragt. Denn erst die Herstellung einer Verbundenheit zur Mitwelt, ermöglicht, ökologischen Wandeln umfassend zu denken und einzufordern.

Auf Seite 54f. finden sich die 8 Kernelemente eines tiefenökologischen Programms, wie es Næss vorschwebt. Meines Erachtens nach können sie bis heute zur Diskussion anregen. Da er parlamentarischer Politik skeptisch gegenüber steht, sondern auf Protest, direktes Engagement und Mentalitätenwandel setzt, steht er wie erwähnt anarchistischen Vorstellungen deutlich näher als liberalen oder staatssozialistischen. Es gilt die Sachzwanglogik zu Durchbrechen, welche auch heute dazu dient, das eine kleine Funktionselite neue Technologien implementiert, die der Gesellschaft regelrecht aufgezwungen werden (S. 158). Wie gesagt, sind tiefenökologische Ansätze sicherlich in den letzten fünf Jahrzehnten weiterentwickelt worden. Zu ihrem Ausgangspunkt zurückzugehen, ist jedoch interessant, um auch heute alternative Entwicklungspfade aufzuzeigen und Utopiefähigkeit wiederzuerlangen.
Arne Naess: Die Zukunft in unseren Händen. Eine tiefenökologische Philosophie. Peter Hammer Verlag 2013. 280 Seiten. ca. 75.00 SFr. ISBN: 978-3779503767.

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