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Anthony B. Atkinson: Ungleichheit | Untergrund-Blättle

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Anthony B. Atkinson: Ungleichheit Umwälzung statt Umverteilung

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Der Reichtum der Welt ist ungleich verteilt. Was sollten die Benachteiligten verlangen - ein Stück vom Kuchen oder gleich die ganze Bäckerei?

Obdachloser in den Strassen von San Francisco.
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Bild: Obdachloser in den Strassen von San Francisco. / shani heckman (CC BY 2.0 cropped)

27. Februar 2020

27. 02. 2020

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Anthony B. Atkinson (1944 - 2017) war Professor für Wirtschaft an den Universitäten Essex, Cambridge, London und Spezialist für Fragen der Einkommensverteilung. Im vorliegenden Buch „Ungleichheit. Was wir dagegen tun können“ konzentriert er sich auf die Untersuchung wirtschaftlicher Ungleichheit in den USA und Grossbritannien. Dazu nimmt er Aspekte der Globalisierung und des technologischen Wandels in den Fokus – ebenso wie das Wachstum der Finanzdienstleistungen und den Bedeutungsverlust der Gewerkschaften. Eigentumsfragen hingegen, wie das Eigentum an Produktionsmitteln, landwirtschaftlichen Nutzflächen und Immobilien, bleiben unberührt.

Im Kontext der Globalisierung definiert Atkinson Konkurrenz als ein Wettrennen, in dem

„fortgeschrittene Volkswirtschaften der wachsenden Konkurrenz von Ländern ausgesetzt sind, in denen die Löhne geringqualifizierter Arbeitskräfte niedriger sind als die von Facharbeiter*innen. Wirtschaftszweige, die auf geringqualifizierte Arbeitskräfte angewiesen sind, haben zunehmend Schwierigkeiten, konkurrenzfähig zu bleiben.“ (S. 111f.)

Atkinson beschreibt hier den sogenannten Lohnvorteil, den Mehrverdienst qualifizierter Arbeiter*innen gegenüber gering qualifizierten Arbeitskräften, der eine vollkommene Konkurrenz dieser beiden „Marktteilnehmer“ (S. 112) nach sich zieht. Lohnvorteil beschreibt den höheren Verdienst eines Arbeitenden bei entsprechend höherer Qualifikation. Wenig überraschend: Diese Logik kann sich in der Arbeitswelt natürlich nicht konsequent durchsetzen. Viel gravierender ist es jedoch, dass Atkinson diese Logik auch ideologisch unangetastet lässt und nicht als kapitalistischen Leistungszwang denunziert. Konkurrenz ist kein Naturgesetz, dem jede Person per se ausgeliefert ist. Das zeigt zum Beispiel der Österreicher Christian Felber in seinem Buch „Solidarische Ökonomie“. Anhand praktischer Beispiele macht er plausibel, dass Unternehmensgewinne gleichberechtigt auf alle Angestellten umverteilt werden können. Das setzt eine Philosophie voraus, die Gleichheit innerhalb der Belegschaft fokussiert und in Unternehmenszielen verankert.

Was tun?

Atkinsons Argumentationen geben durchaus Anlass zu Kontroversen. Dennoch bietet sein Buch eine fundierte Diagnose globaler, ökonomischer Ungleichheit. Von diesem Befund ausgehend schlägt er im weiteren Verlauf des Buches Handlungsoptionen vor und diskutiert deren Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit. Auch an dieser Stelle bezieht Atkinson die Rolle der Globalisierung bei der Erarbeitung von Lösungen mit ein. Ein wichtiger Hebel stellt seiner Meinung nach das Umdenken in der Lohnpolitik dar. Beispielsweise müsse ein sogenannter Existenzlohn eingeführt werden, der deutlich höher als der Mindestlohn bemessen ist. Beim Erreichen der Volljährigkeit solle man auf diesen Anspruch haben. Eine weitere Idee ist die Verwendung von einem Prozent des Bruttoinlandprodukts für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit.

Die von Atkinson skizzierten Vorschläge bieten jede Menge Potential, um über die Reduzierung weltweiter Ungleichheit zu diskutieren und neue Lösungsansätze zu entwickeln. Er setzt seine Hoffnung in Sachen Verteilungspolitik jedoch überwiegend auf das regulierende Eingreifen von Staaten und Regierungen. Gegenstrategien wie Mitbestimmungsrechte für Betroffene und Möglichkeiten der Selbstorganisation bleiben bei ihm aussen vor. Positive Beispiele existieren längst. Um nur ein kleines zu nennen: Als die US-amerikanische Stadt Detroit 2013 Insolvenz anmeldete, gründeten Freiwillige die sogenannte Cityfarm Detroit mit dem Ziel der Selbstversorgung mit frischem Gemüse im urbanen Raum.

Gleich mehrere positive Faktoren greifen hier ineinander: Der Anbau von Gemüse vor Ort erspart kilometerlange Transportwege aus anderen Regionen oder Ländern, so wird Emission reduziert und es werden Arbeitsplätze vor Ort geschaffen. Dies ist bei weitem kein revolutionärer Ansatz, doch auch in so einer reformistischen Strategie können interessante Ideen stecken. Innerhalb des Prozesses der Selbstorganisation wird solidarisches und kollektives Handeln gefördert und somit ein Gegenmodell zum Konkurrenzverhalten angeboten.

„Ungleichheit“ ist eigentlich ein Fachbuch für Studierende wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge, es besticht durch detaillierte Analysen sozialer Ungleichheit. Ein knapp gehaltenes Glossar volkswirtschaftlicher Begriffe ergänzt die Texte idealerweise. Aber Atkinsons Argumentation greift am Ende zu kurz: Staaten und Regierungen allein werden nicht in der Lage sein, das weltweite Problem der Ungleichheit zu lösen.

Cornelia Stahl
kritisch-lesen.de

Anthony B. Atkinson: Ungleichheit. Was wir dagegen tun können. Klett & Cotta, Stuttgart 2016. 474 Seiten, ca. 29.00 SFr. ISBN 978-3-608-94905-6

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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