Doch auch der Widerstand gegen die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft und die steigende Kriegsgefahr formiert sich immer weiter. Mit dem Schulstreik gegen Wehrpflicht entstehen Ansätze einer breiteren antimilitaristischen Mobilisierung, vor allem unter jungen Menschen.
Der Zeitpunkt erscheint also definitiv passend gewählt, um sich der Geschichte der Bundeswehr und den aktuellen militärpolitischen Entwicklungen in der BRD anzunehmen.
Von der Frontarmee des Kalten Krieges zur neuen Verantwortung
Der AK Antimilitarismus legt hierfür einen Sammelband vor, in welchem Beiträge von 19 Autor:innen auf 200 Seiten enthalten sind. Die Beiträge sind entsprechend relativ knapp und somit schnell und gut zu lesen. Inhaltlich gliedert sich der Band in vier Abschnitte. Behandelt werden hier in den einzelnen Kapiteln die historische Entwicklung der Bundeswehr von ihrer Gründung im Rahmen der bundesdeutschen Eingliederung in den westlichen Machtblock vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bis zu ihrer Entwicklung zur „Kriegstüchtigkeit“ im Rahmen der Politik der „Zeitenwende", die Auslandseinsätze der Bundeswehr, ihre innere Struktur sowie ihre Rolle für deutsche Machtpolitik. Gerade der Abschnitt zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr ist lesenswert, da er neben den bekannten Einsätzen in den Kriegen in (Ex-)Jugoslawien und Afghanistan auch unbekanntere Einsätze wie den ersten bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr in Somalia sowie ihre Rolle in mehr oder weniger erfolgreichen Evakuierungsmissionen im Ausland beleuchtet. Jakob Reimann fasst am Ende seines Textes zur UNOSMOM II-Mission in Somalia treffend zusammen, warum eine Betrachtung der unbekannteren Auslandseinsätze der 90er Jahre auch für das Verständnis der weiteren Entwicklungen in diesem Bereich von Bedeutung ist:„UNOSOM II war der Auftakt zu über einem Dutzend bewaffneter Auslandseinsätze, die seitdem folgen sollten. Nach fünf Jahrzehnten vermeintlicher Busse wurde Beled Weyne damit zum Wegbereiter der Normalisierung deutscher Uniformierter im Ausland – und legte den Grundstein für all die sonderbaren Geschichten ‚Unsere Sicherheit' müsse am Hindukusch, im Sahel oder je nach Bedarf auch in den noch so entlegensten Winkeln der Welt ‚verteidigt' werden. In Somalia fing das alles an“ (S. 70).
Eine weitere Stärke des Buches liegt in den vielfältigen Bezügen zu Auswirkungen der fortschreitenden Militarisierung auf gesellschaftliche Bereiche ausserhalb des Systems Bundeswehr: beispielsweise die massiven Kürzungen im sozialen Bereich sowie die schrittweise Aushöhlung erkämpfter Arbeiter:innenrechte. So werden unter anderem das Arbeitszeitgesetz sowie das Streikrecht im Zuge der aktuellen „Zeitenwende“ schrittweise immer mehr eingeschränkt, was Ulrike Eifler in ihrem Text sehr anschaulich ausführt.
Bedingt durch Vielzahl an Autor:innen kommt es im Laufe des Buches zu einigen Wiederholungen. Die Beteiligung der Bundeswehr am völkerrechtswidrigen Bombardement Jugoslawiens während des Kosovokrieges 1999 als Tabubruch für Nachkriegsdeutschland und das zentrale Strategiepapier „Neue Macht – Neue Verantwortung“ von 2013 sind fraglos sehr wichtige Punkte in der Betrachtung der Bundeswehr. Dass jedoch an so vielen Stellen Bezug auf sie genommen wird, scheint zum Teil etwas repetitiv. Wünschenswert wäre ausserdem eine tiefergehende Behandlung personeller Kontinuitäten von der faschistischen Wehrmacht zur Bundeswehr gewesen. Dies hätte gerade dem lesenswerten Text von Andrea Röpke zu faschistischen Umtrieben innerhalb der Bundeswehr einen weiteren spannenden Aspekt hinzugefügt.


