Adi Schwartz, Einat Wilf: Der Kampf um Rückkehr Eine israelische Sicht auf den Nahostkonflikt

Sachliteratur

Der Einsatz der israelischen Armee vor einigen Wochen richtete sich gegen ein palästinensisches Flüchtlingscamp in Dschenin in der Westbank.

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Datum 27. Juli 2023
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Es war bereits in der Vergangenheit immer wieder Ort von Auseinandersetzungen zwischen militanten Palästinenser*innen und der israelischen Armee. Vielleicht stellen sich manche die Frage, warum es im Jahr 2023 noch immer palästinensische Flüchtlingscamps auf einem Territorium gibt, auf dem nach UN-Beschlüssen ein palästinensischer Staat an der Seite Israels entstehen soll.

Ein kürzlich im Verlag Hentrich erschienenes Buch unter dem Titel „Der Kampf um Rückkehr“ liefert einige Antworten. Der Untertitel „Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat“ macht schon deutlich, dass hier eine Position von israelischer Seite vorgetragen ist. Allerdings handelt es sich bei den Herausgeber:innen, dem Journalisten Adi Schwartz und der sozialdemokratischen Politikerin Einat Wilf, um zwei liberale Israelis, die sich über viele Jahre für eine Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt haben.

Gerade das macht das Buch so lesenswert. Denn die Autor*innen teilen mit vielen liberalen Israelis die Enttäuschung, dass nach dem Abkommen von Oslo von palästinensischer Seite keine grösseren Anstrengungen unternommen wurden, um zu einer friedlichen Koexistenz zwischen einem israelischen und palästinischen Staat zu kommen. Für Schwartz und Wilf liegt der Schlüssel im Umgang mit den palästinensischen Flüchtlingen.

Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Palästinenser:innen, die zwischen 1947 und 1949 das Mandatsgebiet Palästina,verlassen haben, auf zwischen 500.000 und 900.000. Die genaue Zahl ist nicht bekannt.

Ein Drittel der Flüchtlinge blieb innerhalb der Grenzen des Mandatsgebiets Palästina und später Israels, entweder im von Jordanien besetzten Westjordanland oder im von Ägypten besetzten Gazastreifen. Ein Drittel der Menschen siedelte sich in den arabischen Nachbarländern Libanon, Syrien, Transjordanien und Ägypten an. Ein weiteres Drittel verliess die Region und ging nach Europa und in die USA. Heute beanspruchen die Nachfahren all der Palästinenser:innen, auch derjenigen, die damals das Land verlassen haben, den Flüchtlingsstatus. Darin lieg für Schwartz und Wilf der Grund, dass sich heute weltweit insgesamt mehr als sieben Millionen Menschen als palästinensische Flüchtlinge definieren. Dazu gehören auch die Bewohner*innen von Dschenin im Westjordanland.

Schwartz und Wilf beschreiben sehr präzise, wie es im Zug der Gräuel des Krieges, mit demgegenüber die arabischen Nachbarländer den neugegründeten israelischen Staat vernichtet wollten, auch zu Vertreibungen von Teilen der palästinensischen Bevölkerung gekommen ist. Beide Autor:innen betonen aber, dass es keinen lange vorbereiteten Plan zu dieser Vertreibung gegeben hat, wie von arabischer Seite immer wieder behauptet wird.

Allerdings hätten die Politiker:innen des jungen Staates Israel auch kein Interesse, die teilweise extrem feindselige Bevölkerung wieder in ihren ursprünglichen Wohnungen anzusiedeln. Das aber sei die palästinensische Position bis heute. Die Forderung nach Rückkehr in ihre ursprünglichen Häuser wird durch die Schlüssel unterstrichen, die manche palästinensische Familie von ihren 1948 verlassenen Haus aufbewahrt haben und über Generationen weitergegeben.

Vergleich mit der Vertriebenendebatte in Deutschland

Für Wilf und Schwartz ist diese Rückkehrforderung in ihre alten Gebiete ein Zeichen dafür, dass sch viele Palästinenser*innen bis heute nicht mit der gesicherten Existenz eines Staats Israel abgefunden habe. Beide Autor*innen verweisen immer wieder darauf, dass es für Israel keine rechtliche und völkerrechtliche Verpflichtung gäbe, die Flüchtlinge in ihre alten Städte zurückkehren zu lassen. Dabei beziehen sie sich mehrmals auf die Flucht der deutschen Bevölkerung aus verschiedenen ost- und südosteuropäischen Staaten nach dem Ende des Nationalsozialismus.

Noch bis in die frühen 1970er Jahre hätten die oft sehr rechtslastigen Verbände dieser deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen vehement eine Rückkehr in ihre ehemalige Heimat gefordert und alle, die daran zweifelten, als Verräter diffamiert. Doch im Zuge der Entspannungspolitik sei die Macht dieser nationalistischen Verbände massiv zurückgegangen Dazu hat nach Ansicht der Autor:innen beigetragen, dass alle massgeblichen Politiker:innen seit Ende der 1960er Jahre klar gesagt haben, es wird keine Rückkehr in die alte Heimat mehr geben.

Zudem seien die Flüchtlinge in deutschen Städten frühzeitig integriert wurden, wodurch solchen revanchistischen Forderungen der Boden entzogen wurde. Solche Integrationsbemühungen seien aber von palästinensischer Seite als Verrat zurückgewiesen wurde, wie in dem Buch kundig dargelegt ist. Vielmehr sei die Frage der Rückkehr der Flüchtlinge symbolisch aufgeladen worden. Wer jetzt erwartet, dass auch die Fehler und Versäumnisse der israelischen Seite angesprochen müssen, wird enttäuscht sein.

Schwartz und Wilf haben in diesen Sinne kein ausgewogenes Buch vorgelegt. Aber das war auch nicht ihr Anspruch. Wenn Linke das jetzt als Einwand gegen das Buch wenden wollen, ist zu fragen, sind denn die Texte ausgewogen, die nur die palästinensische Sicht auf den Nahostkonflikt gelten lassen wollen? Wer etwas von den Enttäuschungen auch liberaler und linkszionistischer jüdischer Israelis über die Positionen der Palästinenser*innen erfahren will, sollt das Buch unbedingt lesen. Es ist auch ein notwendiges Korrektiv zu manchen in Teilen der linken Bewegung positiv rezipierten Texten, für die immer der Staat Israel der Alleinschuldige im Nahostkonflikt ist.

Peter Nowak

Adi Schwartz, Einat Wilf: Der Kampf um Rückkehr. Heinrich & Hentrich Verlag 2022. 302 Seiten. 52.00 SFr. ISBN: 978-3-95565-551-8.