61

UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Gieriges System - Krise und Scheitern des Kapitalismus | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Paul Mattick: Business as usual Gieriges System - Krise und Scheitern des Kapitalismus

Sachliteratur

"Gerade das wiederholte Auftreten von Krisen in regelmässigen Abständen schliesst die Vorstellung aus, ihre letzten Gründe in der Rücksichtslosigkeit einzelner zu suchen", schrieb Karl Marx 1857, mitten in der ersten grossen Wirtschaftskrise des Kapitalismus, in einem Beitrag für die New York Daily Tribune.

Hamburger Hafen.
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Bild: Hamburger Hafen. Blohm + Voss Dock Elbe 17. / Mbdortmund (GNU 1.2)

19. Oktober 2012

19. Okt. 2012

1
0

3 min.

Korrektur
Drucken
Man mag heute ein wenig mit den Augen rollen, wenn im Zusammenhang mit der aktuellen Krise zum x-ten Mal der Hinweis kommt, die Kritik an Banksters und Spekulationen sei eine "verkürzte Kapitalismuskritik", eine "Personalisierung" oder ähnliches. Heisst das, "Profitgier" spiele keine Rolle?

Im Gegenteil, so Paul Mattick, der mit "Business as usual" auf den Spuren seines rätekommunistischen Vaters wandelt.

Gerade weil Gier das "Grundmotiv kapitalistischer Investitionsentscheidungen" (S.76) ist und schon immer war, gerät er immer wieder in Krisen.

Matticks gleichnamiger Vater, Aktivist der Räterevolution 1919, später Mitglied verschiedener rätekommunistischer und syndikalistischer Organisationen in Deutschland und den USA, hat während der für die aktuelle Krise ursächlichen krisenhaften Ereignisse der späten 1960er und der 1970er Jahre das theoretische Fundament gelegt, auf das sein Sohn heute aufbaut.

In erster Linie ist dies Matticks "Marx und Keynes. Die Grenzen des ‚gemischten Wirtschaftssystems" - eine dezidierte Untersuchung, in der Mattick den Keynesianismus als unzureichend kritisiert, bevor er mit der "Stagflation" der 1970er Jahre offiziell als gescheitert gilt.

Keynes' Ansatz, den Staat antizyklisch investieren zu lassen, um die ‚freie' Wirtschaft anzukurbeln, habe so nie funktioniert. Mattick jr. nennt zahlreiche Beispiele dafür. Das Problem liege darin, dass zusätzliche Wirtschaftsmittel die Wirtschaft eben nicht ankurbeln würden, sondern dies letztendlich nur durch Profitaussichten geschehe. Die Staaten pumpten also letztlich nicht nur kurzfristig Geld in die Wirtschaft, sondern waren gezwungen, dabei zu bleiben. Die "keynesianische Karte", so schlussfolgert Mattick jr., ist "bereits weitgehend ausgespielt" (S.129).

Letztlich sind aber die Vorschläge von links, die aktuelle Krise betreffend, zumeist nur ein Neuaufguss dieser keynesianischen Denkweise.

Mattick jr. diagnostiziert dementsprechend eine Krise der Linken, denn "nirgends treten die Linken mit dem Anspruch auf, potenziell eine neue Gesellschaft zu begründen" (S.124). Im Gegenteil sieht er in "linke(n) Organisationen, die sich und ihren Einfluss als zentral für den Erfolg jedes revolutionären Kampfes betrachteten" (S.136), als Hindernis. Andererseits: "Sich selbst überlassen, verspricht der Kapitalismus auf Jahrzehnte hinweg wirtschaftliche Schwierigkeiten".

Der Widerstand dagegen resultiert nicht automatisch aus der Krise, Zyklen des Abschwungs sind seit 1800 in jedem Jahrzehnt zu finden und nur in einigen Fällen mit Revolten verbunden. "Die grösste Unbekannte, wenn man über die Zukunft des Kapitalismus nachdenkt, ist die Hinnahmebereitschaft der Weltbevölkerung […]" (S.134).

Paul Matticks Zukunftsperspektive liegt daher auch nicht in irgendeiner Rettung dieser Ökonomie, sondern darin, "im Angesicht einer Katastrophe gegenseitige Hilfe zu organisieren" (S.137).

Paul Mattick jr. distanziert sich zwar von allen politischen Strömungen und Ideologien, aber gerade darin liegt seine anarchistische Denkweise begründet: "Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun", heisst es im Liedtext der "Internationale" und "Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse nur die Sache der Arbeiter sein" dichtete Bertolt Brecht in Anlehnung an die Statuten der Ersten Internationale.

In dieser Tradition von Selbstorganisierung und Gegenseitiger Hilfe stehen Mattick sr. und jr.

"Business as usual", das wesentlich leichter verdaulich ist als die wissenschaftlichen Arbeiten Mattick sr., ist so ausserordentlich lesenswert, weil er die Krise nicht als Ausnahmeerscheinung, sondern als ganz normalen Kapitalismus entlarvt. Sie ist eine zu dieser Zeit notwendige Intervention, die nicht zuletzt dazu anregt, die Klassiker seines Vaters wieder zu lesen.

Torsten Bewernitz / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 372, Oktober 2012, www.graswurzel.net

Paul Mattick: Business as usual. Krise und Scheitern des Kapitalismus. Edition Nautilus, Hamburg 2012, 160 Seiten, 16.90 SFr, ISBN 978-1861898012

Mehr zum Thema...

Rand Paul bei einer Rede in New Hampshire.
Das Thema Massenüberwachung im WahlkampfUS-Wahlkampf: Wenig Hoffnung auf mehr Datenschutz

09.02.2016

- NSA-Kritiker Rand Paul gibt auf. Heisst das für die NSA „business as usual“ im Jahr 2017? Von den übrigen Kandidat/innen kommt kaum Kritik an der Massenüberwachung.

mehr...
Alex Proimos
Linksradikaler Schwenk zum KeynesianismusKrisenlösung als Wunschkonzert

16.06.2014

- Die wirtschaftliche Depression befördert eine autoritäre Entwicklung, und es ist weitaus wahrscheinlicher, dass sich die Situation in Spanien, Portugal und bald auch in Italien ähnlich zuspitzen wird, als dass jener wundersame Aufschwung eintritt, den auch unverdrossene Konjunkturastrologen nicht mehr vorherzusagen wagen.

mehr...
Eine heruntergekommene Tankstelle in Detroit, Februar 2015.
Neoliberalismus wird zur DDRKrise im Überfluss

04.10.2015

- Paul Mason rechnet mit der bestehenden Wirtschaftsordnung ab und skizziert, wie eine postkapitalistische Variante aussehen könnte.

mehr...

Aktueller Termin in Bielefeld

There is no justice, there is just us: Kritik der Polizei

„Die letzten beiden Wochen waren wie ein Urlaub von Angst, Überwachung und Strafe. Vielleicht fühlt es sich so an, nicht die ganze Zeit vorverurteilt und als verdächtige Kriminelle angesehen zu werden. Vielleicht ist das ein wenig ...

Montag, 21. Oktober 2019 - 18:00

Kulturhaus Bielefeld, Werner-Bock-Straße 34c, Bielefeld

Event in Graz

Downers & Milk

Montag, 21. Oktober 2019
- 20:30 -

Die Scherbe


Graz

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle
Untergrund-Blättle