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Louis Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Louis Ferdinand Céline - Reise ans Ende der Nacht Keine Rettung, nirgends

Belletristik

Louis-Ferdinand Célines Parforceritt »Reise ans Ende der Nacht« (Voyage au bout de la nuit) nun auch als Hörspiel. Lesen oder Hören, das ist die Frage.

LouisFerdinand Céline (18861958) im Jahr 1932, in welchem er den Renaudot Preis gewinnt für sein Werk
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Bild: Louis-Ferdinand Céline (1886-1958) im Jahr 1932, in welchem er den Renaudot Preis gewinnt für sein Werk "Reise ans Ende der Nacht". / APM (PD)

23. Juni 2011
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Der amerikanische Schrifsteller Philip Roth sagte über Céline: »Mein Proust in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr grosser Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane (...) Céline ist ein grosser Befreier.«

Hätte Louis-Ferdinand Céline, der mit bürgerlichem Namen Destouches hiess, sich durch seine rassistischen Hasstiraden, antisemitischen Pamphlete wie z. B. »Judenverschwörung in Frankreich« und seine Kollabroation mit den deutschen Besatzern, nicht selbst desavouiert, man könnte ihn als einen der ganz grossen Solitäre der Literaturgeschichte des letzten Jahrhunderts feiern. Als den Begründer des Existentialismus par excellence, lange vor Camus, Sartre und Genet.

Auf jeden Fall aber sollte man seine »Reise ans Ende der Nacht« in der neuen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel lesen - und nur die. Denn die bislang kursierende deutsche Ausgabe des Romans war eine bereits 1933 in Mährisch-Ostrau(!), von den damaligen Herausgebern politisch wie sprachlich kastrierte Fassung, der gut 50 Seiten Text fehlen.

Ferdinand Bardamu ist Célines literarisches alter ego. Ein Icherzähler, der uns auf einen Höllentrip durch das mit nimmt, was blutleer gerne die Zivilisation genannt wird. Céline verglich seine Schreibweise mit der Musikalität des Jazz: »Ich will nicht erzählen, ich will fühlen machen«. Und das gelingt ihm mit der Reisebeschreibung seines existentialistischen Taugenichts derart grandios, dass man beim Lesen glatt das Buch in den Händen vergisst, und sich in einen Alptraum versetzt fühlt.

Aus den Schützengräben des Grossen Krieges geht es über eine psychiatrische Anstalt in die Gluthitze der französischen Kolonien nach Afrika. Vom Arsch der Welt mit einem Sklavenschiff nach Amerika, wo Bardamu sich zuerst als Spezialist für die Flohstatistiken der Einwanderungsbehörde verdingt, bevor es ihn in die Eingeweide des Kapitalismus, nach Detroit, direkt in die Fabrik Henry Fords verschlägt.

»Alles zitterte in dem riesigen Gebäude, man selber wurde ebenfalls von den Füssen bis zu den Ohren von dem Zittern befallen, es brandete von den Fenstern und dem Boden und all dem Metall auf uns ein, stossweise, vibrierend von oben bis unten. Man wurde selber zur Maschine, so sehr erbebte das eigene Fleisch in diesem enormen wütenden Getöse, das einem durch und durch ging und sich um den Kopf legte und dann weiter nach unten schoss und in die Eingeweide fuhr und von da aus wieder nach oben in die Augen, in kurzen, rasend schnellen Stössen, ohne Ende, unermüdlich.« Zurück aus dem Herz der Finsternis und den Eingeweiden des Kapitals, bringt Bardamu sein Medizinstudium zu Ende und lässt sich in einer der trostlosen Banlieues von Paris als Arzt nieder. Als Arzt für die Armen, der weiss, dass es aus dieser Hölle kein Entkommen gibt und keine Hoffnung, nirgends.

Für das Buch übrigens auch nicht, die Hardcoverausgabe wurde bereits vor 2 Jahren bei Jokers verramscht. Der einzig erkennbare Mangel meines Exemplares ist der Stempel »Mängelexemplar«.

Unterhaltsame Kurzweil statt Konzentration

Doch funktioniert diese Reise auch als Hörspiel? Ulrich Lampen hat den Versuch gewagt, und setzte das Meisterwerk für den Bayerischen Rundfunk mit 17 Schauspielern in Szene. »Es ist ein Buch, das man in seiner elementaren Sprachlust laut lesen möchte – uns so kommt es in der Hörspielform zu sich selbst,« meinte die FAZ. »Unterlegt und durchbrochen von Akkordeonklängen, Stöhnen, Maschinenlärm und musikalischen Bruchstücken wird diese Produktion des Bayerischen Rundfunks sicher zu den Höhepunkten bei den Hörspiel-Neuerscheinungen 2008 zählen«, mutmasste das Magazin hörBücher.

Doch obwohl Ulrich Lampen bei seiner sehr ambitionierten Regiearbeit darauf geachtet hat, Célines Stil, Form und Sprache zu folgen, und »nichts leichtfertig in Szenen zu überführen, um eine triviale Verhörspielung zu ermöglichen« geht beim Hören der Zauber des Textes verloren. Die Stimmen haben Bardamu nicht verinnerlicht, sie sagen seinen Text in der guten alten Schulfunkmanier, ohne ihn zu meinen, man hört ihnen die Bemütheit an, ich konnte ihnen jedenfalls nicht glauben.

Der magische Sog, der sich beim Lesen des Buches automatisch einstellt, hatte keine Chance, sich zu entwickeln, weil die Collagetechnik (Text, Musik, Geräusche, etc.) keine wirkliche Konzetration auf das Gehörte zulassen. Es bleibt bei einer zwar durchaus unterhaltsamen Beschallung des Hörers, die jedoch den tatsächlichen Schrecken, die abgrundtiefe Verlorenheit in keiner Sekunde erfahrbar machen. Das Wesentliche dieses Buches verliert sich in einem diffusen Klangraum, weil es nur im Raum des Lesens existieren kann, nur in der Einsamkeit des Lesers mit dem Text.

Das Medium Hörspiel hat ohne Zweifel seine eigenen Qualitäten, aber es hat auch seine Grenzen. An sie ist man mit dieser Produktion der »Reise ans Ende der Nacht« gestossen.

Herbert Debes

Louis Ferdinand Céline: Reise durch die Nacht. Hörbuch. der Hörverlag 2008, 14.00 SFr, ISBN 978-3867170581

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