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Hans Fallada: Der Trinker | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Die unbarmherzigen Mühlen des Systems Hans Fallada: Der Trinker

Belletristik

Hans Fallada, ein leidenschaftlicher Morphinist und zwanghafter Trinker, der selber diverse Aufenthalte in Heilanstalten absolvierte, beschreibt in seinem letzten Roman den sozialen Abstieg eines arrivierten Kaufmanns am Anfang des 20. Jahrhunderts in einer deutschen Handelsstadt.

Wohn und Arbeitszimmer von Hans Fallada.
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Bild: Wohn- und Arbeitszimmer von Hans Fallada. / Dackelpau (CC BY-SA 3.0 cropped)

13. Februar 2012

13. 02. 2012

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3 min.

Korrektur
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Der Antiheld Sommer, dessen Lebensmittelgeschäft bis anhin gut florierte, gerät durch die stagnierende Entwicklung seines Business in eine Sinnkrise.

Die anhaltenden Streitereien mit seiner Ehefrau Magda, mit welcher er bis anhin vierzehn glückliche, aber kinderlose Ehejahre verbrachte, verleiten ihn dazu, an dem Tage, an welchem seine Bank ihm einen Kredit verweigert, zum Mittagessen eine längst verstaubte Rotweinflasche zu öffnen.

Nach zwei Gläsern verspürt er mit seinen vierzig Jahren zum ersten Mal die beschwingende Wirkung von König Alkohol: Die Konversation am Mittagstisch wird seit langem wieder einmal unbeschwert und locker geführt, ohne dass die alltäglichen Sorgen seine Stimmung trüben könnten.

Fluchtpunkt Alkohol

Mit äusserstem Realismus beschreibt Fallada in der Folge, wie der bemitleidenswerte Kaufmann seiner Midlife-Crisis mehr und mehr durch die Kraft des hochprozentigen Schnapses zu entfliehen versucht. Einer der Gründe für seine Sinnkrise ist auch darin zu suchen, dass der gutbürgerliche Herr Sommer seit längerem an seiner Mittelmässigkeit leidet und seine tugendhafte und arbeitsame Ehefrau je länger desto abgrundtiefer verabscheut.

Genau hier kommt der subtil angebrachte subversive Ansatz des Romans zur vollen Entfaltung. Während sich die betriebsame deutsche Gesellschaft weiter im Kreise dreht und ihren Verpflichtungen nachkommt, gerät der Hausbesitzer Sommer durch einen verpatzten Grossauftrag endgültig auf Abwegen.

Immer des Öfteren sucht er seine Lieblingskneipe am Rande der Stadt auf um seinen Alkoholexzessen zu frönen, während seine Frau endgültig den Betrieb des Ehegatten übernimmt und so versucht, den von ihm angerichteten Schaden in Grenzen zu halten, was ihr ziemlich gut gelingt.

Jedoch scheitert sie in dem Versuch, ihren Partner auf den rechten Weg zurück zu führen. Als sie ihn dazu überreden möchte, sich inärztliche Behandlung zu begeben, entreisst sich der mittlerweile alkoholkranke Sommer ihrem Einfluss und mietet sich ein kleines Zimmer in einemheruntergekommenen Viertel der Stadt.

Um seine Sucht weiter finanzieren zu können bricht er eines Nachts in seiner eigenen Villa ein und entwendet Schmuck und Silberbesteck des gemeinsamen Haushaltes. Als ihn die Ehefrau dabei in flagranti ertappt kommt es zur Eskalation: Er würgt die ehemals geliebte Partnerin und droht ihr mit dem Tode.

Die unbarmherzigen Mühlen des Systems

Von diesem Punkt an ist es nicht mehr weit zum totalen gesellschaftlichen Absturz. Beim nächsten Trinkgelage in seiner Lieblingskneipe wird er von der Polizei wegen Randale aufgegriffen, und die Anzeige der Ehefrau wegen Bedrohung an Leib und Leben, sorgt dafür, dass sich in der Folge nun die Gerichte und Behörden um den anscheinend unheilbaren Trinker kümmern. Im nun folgenden Teil des Buches kommt die gesellschaftskritische, anklagende Komponente des Romans mit unverhüllter Härte zum Tragen.

Der Gang des Unheld durch Gefängnis und Heilanstalt wird ungeschminkt realistisch dargestellt und lässt den Leser in einem Vakuum von Gefühlskälte und Repression zum Spielball des Autors werden.

Der Hass Falladas auf die reibungslose Maschinerie des Justiz-Systems, die er am eigenen Leib hat erfahren müssen, überträgt sich unvermindert auf den Empfänger.

Er zeigt mit stilistisch und psychologisch einwandfrei-genialer Prosa die Missstände einer lückenlos organisierten Gesellschaft auf, welche Menschen, die durch das soziale Netzwerk fallen, zu Opfer und Tätern degradieren und lässt keinen Zweifel offen, welchen Platz das System für solche unverbesserlichen Kriminellen und asozialen Querulanten bereithält: Lebenslange Verwahrung und Stigmatisierung als Konsequenz für ungehorsames und widerspenstiges Verhalten.

Krankheit und Tod sind am Schluss die logische Konsequenz einer destruktiven Maschinerie die sich zum Ziel gesetzt hat, aufmüpfige Mitglieder der Gesellschaft zu brechen und auszusondern.

Nicht zu Unrecht wird dieses geniale Meisterwerk mit Einsicht in die psychologischen Abgründe von Aussenseitern und Verlorenen als Gegenstück zu Dostojewskis "Spieler" angesehen.

Ricardo Tristano

Hans Fallada: Der Trinker. Roman. Aufbau Verlag, 2007. 110 S., 16 SFr, ISBN 978-3746653303

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