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Wolfgang Herrndorf: »Arbeit und Struktur« | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Wolfgang Herrndorf: »Arbeit und Struktur« Im Angesicht des Todes

Belletristik

Wolfgang Herrndorf, geboren 1965, verstorben im August 2013 im Alter von gerade einmal 48 Jahren. Nach seiner Krebsdiagnose im Jahr 2010 stürzt sich der Autor in neue Projekte.

Wolfgang Herrndorf, Deutscher Schriftsteller, nominiert mit seinem Roman «Tschick» für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011, Jury.
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Bild: Wolfgang Herrndorf, Deutscher Schriftsteller, nominiert mit seinem Roman «Tschick» für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011, Jury. / Nasjonalbiblioteket (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

8. September 2018

08. 09. 2018

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Mit »Tschick« (u. a. Deutscher Erzählpreis, Deutscher Jugendliteraturpreis, Preis der Leipziger Buchmesse) gelingt ihm der grosse Wurf. Nur ein Jahr später folgt mit »Sand« bereits der nächste Roman, ein weiterer, »Bilder deiner grossen Liebe«, bleibt unvollendet.

Parallel zu seinen Romanen schreibt Herrndorf an seinem Blog, dem, anfangs nur für Freunde und Familienangehörige gedacht, schon bald die Aufmerksamkeit der Internetgemeinde zuteilwird. Nun sind die gesammelten Blog-Einträge posthum als letztes Werk des Wahlberliners erschienen. Mal in kürzeren, mal in längeren Episoden erzählt Herrndorf darin aus dem Alltag eines Sterbenden. Manche bestehen nur aus wenigen Zeilen, manche aus Bildern oder Gedichten. Eines aber sind sie alle: brutal ehrlich.

Ohne Aussicht auf Heilung, mit einer Diagnose, die wenige verbleibende Jahre, vielleicht aber auch nur Monate oder gar Wochen erhoffen lässt, zählt nur die Gegenwart. »Die Zukunft ist abgeschafft«, heisst es in einem Eintrag. »Ich lerne nichts Neues mehr. Weil ich nicht will. Es ist, wie mir Bücher zu schenken: Erinnert mich an den Tod. Neues braucht man für später, Bücher liest man in der Zukunft. Das Wort hat für mich keine Bedeutung. Ich kann den heutigen Abend in Gedanken berühren, dahinter ist nichts.« Herrndorf will schreiben, sucht »Arbeit und Struktur«, und erlangt ungeahnte Produktivität. Die Zeit wird bald schon in Romanen berechnet: Noch ein halbes Jahr zu leben, bedeutet, einen weiteren Roman schreiben zu können. Jede Woche weniger gefährdet die Fertigstellung des Projekts.

Zunächst en passent, später dann mit immer grösserer Hingabe entwickelt sich Herrndorfs Blog zu einem eigenständigen Werk, vielleicht gar zu seinem eigentlichen Opus Magnum. Auf ungeschönte und zugleich anrührende Weise lässt er den Leser bis zu seinem Suizid teilhaben am Kampf um ein selbstbestimmtes Leben und Sterben, gewährt Einblicke in Angst und Verzweiflung, in die Erkenntnis, erst im Angesicht des Todes das Leben so zu leben, wie er es immer hätte tun sollen, in Wut und Trauer, in Resignation und Aufgabe.

Die vielen einzelnen Fragmente lesen sich dabei überraschend flüssig. Gerade wenn die Einträge länger werden und Herrndorf in seinen ihm eigenen Erzählfluss kommt, vergisst man bisweilen, keinen eigentlichen Roman vor sich zu haben.

»Arbeit und Struktur« ist eine beeindruckende Leistung, die sprachlos macht und einen bisweilen fassungslos zurücklässt. Beeindruckend, wegen der Präzision, mit der Herrndorf die vermeintlich grossen Werte unserer Zeit hinterfragt; beeindruckend, wegen der Schonungslosigkeit gegen sich selbst, mit der er eigene Schwächen preisgibt.

Vor allem aber ist es beeindruckend, wie Herrndorf in der totalen Hoffnungslosigkeit ein ums andere Mal die Schönheit des Lebens neu entdeckt. In seiner typisch flapsigen Art bemerkt er einmal, »dass Sätze voller grosser Begriffe auch einfach mal nichts bedeuten können«. Umso bedeutender erscheint jeder einzelne geschriebene Satz dieses Werkes.

Leo Eberhardt

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Rowohlt, Berlin 2013. 448 Seiten, ca. 14.00 SFr. ISBN 978-3871347818

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