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Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur Nah am Tod

Belletristik

Die Printversion des gleichnamigen Blogs nimmt die Leser_innen mit – nicht nur auf die letzte Reise des Romanautors Wolfgang Herrndorf, sondern auch hinsichtlich der Frage, wie man im Angesicht des Todes weiterleben kann.

29. November 2016

29. Nov. 2016

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Ich habe sehr lange an diesem Buch gelesen. Das ist kein Buch zum wegschmökern, obwohl es stellenweise so witzig ist, dass man vergessen könnte, worauf es hinausläuft. Nein, schnell geht nicht. Vor allem, weil man weiss, dass man nicht nur dem Ende eines Buches entgegen liest, sondern dem Ende eines Lebens. Das ist von vornherein klar. Man hat es selbst in der Hand, wann der Protagonist stirbt. Auch wenn er schon längst tot ist.

Wolfgang Herrndorf, junger Autor aus Berlin, erfährt mit 44 Jahren, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. In seinem Kopf wächst ein Glioblastom. Laut einer Statistik aus dem Netz, die er zurate zieht, bleiben ihm noch 17 Monate. Es werden dreieinhalb Jahre. Dreieinhalb Jahre voller OPs, Bestrahlungen, Medikamenten, Unsicherheit. Aber auch Freunde, Literatur, Fussball und vor allem: Arbeit und Struktur. Ohne sich bremsen zu lassen von Zweifeln, die ihn vor der Diagnose an der Arbeit an seinen Romanen „Tschick“ und „Sand“ gehindert hatten, verfolgt er nun das oberste Ziel, diese Werke zu vollenden. Arbeit gibt ihm plötzlich alles, lenkt ihn ab, er arbeitet phasenweise 16 Stunden am Tag. Später, als beide Romane vom Tisch sind, bleibt Arbeit für ihn eine Konstante:

„Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite. Ich arbeite in der Strassenbahn an den Ausdrucken, ich arbeite im Wartezimmer zur Strahlentherapie, ich arbeite die Minute, die ich in der Umkleidekabine stehen muss, mit dem Papier an der Wand. Ich versinke in der Geschichte, die ich da schreibe, wie ich mit zwölf versunken bin, wenn ich Bücher las“ (S. 44).

Das Buch basiert auf dem Blog „Arbeit und Struktur“, den Herrndorf nach seiner Diagnose zunächst für Freund_innen beginnt und im September 2009 öffentlich macht. Dieser ist sowohl Informationsplattform für Freund_innen und Leser_innen, Tagebuch, Literaturmagazin. Mal schreibt er ausschweifend, mal kurz angebunden, mal mehrere Einträge am Tag, mal tagelang keinen einzigen. Zum Ende hin immer weniger. Sind die Texte zu Beginn noch sehr lebendig und humorvoll, werden sie zum Ende hin sehr stichwortartig. Den Tagebuch-Charakter erhält das Buch vor allem dadurch, dass die unbekannten Leser_innen meist nicht mitgedacht sind, häufig sind Nennungen von Personen, Krankheitsbildern, Medikamenten et cetera ohne Erklärung. Ausserdem charakterisiert den Text die häufige Verwendung unvollständiger Sätze. Was aber überhaupt nicht stört, sondern den speziellen Charakter ausmacht.

Flüssig geht die Lektüre des Buches auch deshalb nicht, weil erschütternde Momente im Krankheitsverlauf Herrndorfs schonungslos – aber ohne Mitleid zu heischen – mit eingearbeitet sind. Seine Ängste, seine Gedanken zum Sterben, die Überlegungen, die er zum Thema Exit-Strategie anstellt: „[I]ch wollte ja nicht sterben, und ich will es auch jetzt nicht. Aber die Gewissheit, es selbst in der Hand zu haben, war von Anfang an notwendiger Bestandteil meiner Psychohygiene“ (S. 50). Mal schildert er sehr persönlich und nah, mal so sachlich, als würde er einen Arztbericht schreiben. Dann wieder mit einer Mischung aus Tragik und Humor zugleich:

„Einen Ordner UNBESEHEN LÖSCHEN auf meinem Desktop eingerichtet und Freunde gebeten, gemeinsam dieser Aufforderung nachzukommen. Ich möchte, dass es am Ende mehrere sind und nicht ein Einzelner, der aus Neugier oder anderen persönlichen Gefühlen auf die Idee kommt, meine Entscheidung in Frage zu stellen. [...] Und um das restliche Pathos gleich noch mit wegzuerledigen: Ich wünsche euch, wenn eure Stunde kommt, dass ihr Freunde habt, wie ihr es seid. Thema Ende“ (S. 54f.).

Um es mit ihm selbst zu sagen: Das sind die Momente, die einem ganz schön den Stecker ziehen können.

Die Leser_innen werden mitgenommen auf die lange Reise des Krankheitsverlaufs, die Reise, die eigentlich viel zu kurz ist, aber für eine solche Diagnose erstaunlich lang. Man wird Zeug_in seiner Ängste, seiner Arbeitswut, seiner zunehmenden Einschränkungen.

Vor jedem Arztbesuch das Bangen, der Zustand könnte schlimmer geworden sein. Nach fast jedem Arztbesuch die Freude, dass ihm noch ein paar Monate zugesichert werden, derweil sein Zustand immer schlechter wird. Die Sichtfeldeinschränkung besteht gleich zu Beginn der Krankheit, irgendwann kommen epileptische Anfälle dazu (er beschreibt sehr viele von diesen), Orientierungslosigkeit, sein Körper macht nicht mehr mit, seine Sprache nicht. Die Angst, sein Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben, führt schliesslich unweigerlich zu der Weise, wie er sein Leben beendet:

„Wolfgang Herrndorf hat es gemacht, wie es zu machen ist. Am Montag, den 26. August gegen 23:15 schoss er sich am Ufer des Hohenzollernkanals mit einem Revolver in den Kopf. Er zielte durch den Mund auf das Stammhirn. Das Kaliber der Waffe entsprach etwa 9 mm. Herrndorfs Persönlichkeit hatte sich durch die Krankheit nicht verändert, aber seine Koordination und räumliche Orientierung waren gegen Ende beeinträchtigt. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat imstande war“ (S. 445, aus dem Nachwort seiner Freunde Gärtner und Passig).

Das Buch macht nachdenklich. Was passiert, wenn man weiss, man hat nicht mehr lange zu leben? Wie gestaltet man den Rest? So normal wie möglich, oder erfüllt man seine Träume? Sich ablenken oder die Zeit in vollen Zügen geniessen? Wie verkraftet man die Angst, das nahende Ende und die eingeschränkte Lebensqualität? Was vermittelt man dem Umfeld, wie dieses mit einem umgehen soll? Was bleibt von der eigenen Existenz, wie geht man mit der Angst um, dass nichts von einem bleibt? Herrndorf hat sehr hart dafür gearbeitet, dass Spuren von ihm bleiben. Nicht zuletzt wird sein Blog für viele auch eine Hilfe darstellen, die sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen müssen. Nicht, dass er Rezepte liefern würde, aber er zeigt, wie Normalität in dieser Situation aussehen kann.

Wer Herrndorfs Romane nicht gelesen hat, dem ist dies nur dringend zu raten. Und sonst bleibt noch zu sagen: Wolfgang Herrndorf, rest in peace!

Andrea Strübe / kritisch-lesen.de

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Roman. Rowohlt Verlag, Berlin 2013. 445 Seiten, ca. 24 SFr, ISBN 978-3-87134-781-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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