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Wolfgang Bittner: Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen | Untergrund-Blättle

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Wolfgang Bittner: Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen Wolfgang Bittners Heimatroman

Belletristik

Wolfgang Bittner (*1941) ist ein so erfahrener wie fleissiger Roman-, Sachbuch- und Jugendbuchautor, der auch publizistisch durch zeitkritische Kommentare wirkt.

Der Schriftsteller Wolfgang Bittner bei einer Lesung.
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Bild: Der Schriftsteller Wolfgang Bittner bei einer Lesung. / A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

20. Dezember 2019

20. 12. 2019

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Er ist (gesäss)typologisch der politischen Linken zuzuordnen. (Den Autor lernte ich Ende der 1990er Jahre am Kölner Stammtisch des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS) als argumentationsfesten Kollegen kennen. Inzwischen ist er auch Mitglied im ganzdeutschen PEN-Zentrum.) Der Eintrag im weitverbreiteten Netzlexikon de.wikipedia verweist auf seine zahlreiche Veröffentlichungen, sortiert nach den Genres: Prosa/Lyrik, Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher, Theaterstücke und Herausgeberschaften und nennt dazu seine Auszeichnungen genannten Preise und Stipendien. (Mehr und Einzelheiten können Interessierte auf Bittners eigener Netzseite erfahren.[1])

In meinem Bücherregal stehen einige von Bittners frühen und mittleren Büchern: die Erzählung Der Aufsteiger oder ein Versuch zu leben (Büchergilde Gutenberg in der EVA 1978, 144 p.), "Alles in Ordnung" und andere Satiren (Satire Verlag 1979, 121 p.), Bis an die Grenze. Roman (J.H.W. Dietz 1980, 206 p.) und Marmelsteins Verwandlung. Roman (Klöpfer & Meyer, 1999, 310 p.). Dort soll auch der neue Bittnerroman Platz finden. Und das nicht wegen. Sondern trotz der im Klappentext placierten Empfehlung von Ex-Bundeskanzler und Ex-Spitzensozi ¡basta!-Schröder, der den Autor als Aufklärer gegen den postmodernischen Kulturpessimismus auslobt ...

Bittners Roman spielt zunächst in der und um die Geburtsstadt des Autors Gleiwitz. Dort, im seit 1742 (ost)preussischen Schlesien und seiner frühindustriellen Stadt Gleiwitz, wurde das im Mittelpunkt stehende Kind – im Roman zunächst nur lakonisch das Kind genannt – Anfang 1939 geboren. Dort wächst es während des Zweiten Weltkriegs in einer weitverzweigten und teilweise multiethnischen Familiengemeinschaft mit dominanten Grossvätern, Gastwirt in Gleiwitz der eine, Dorflehrer im nahen Beuthen der andere, wohlbehütet auf als Erstgeborener, dessen Vater als Fallschirmjäger gläubig für den "Endsieg" kämpft.

Das Kriegsgeschehen in der Provinz[2] macht um das kleinbürgerliche, teils zentrumskatholisch, teils nationalsozialistisch orientierte Sozialmilieu keinen Bogen. Sondern kommt Anfang 1945 in Form von Kriegsgräueln mit Raub, Mord und Totschlag, Vergewaltigungen von Frauen durch Rote-Armee-Soldaten und marodierende polnische Banden auch nach Oberschlesien: "Das also ist der Krieg, denkt das Kind. So hat es sich ihn nicht vorgestellt." (114)

Das alles findet sich im weitgespannten Erzählbogen des mit dem Selbstmord Hitlers Ende April 1945 endenden ersten Hauptteils (7-130) mit seinen diversen Rückblenden auf zeitgeschichtliche Realerereignisse wie Kriegsverlauf mit ersten Siegen und zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht im Osten, dem gescheiterten Umsturzversuch am 20. Juli 1944, dem von den Alliierten nicht unterstützen Warschauer Aufstand im August/September 1944, der alliierten Zerbombung Dresdens im Februar 1945, der schwierige Versorgungslage im von der Roten Armee am 24. Januar besetzten "nur wenig zerstörten" Gleiwitz: "Es herrscht Terror, Angst und Verzweiflung" (115) – eine Lage, die die unpolitische Tante Franziska in der Familienküche mit "Jetzt sitzen wir in der Falle. Die Leute von der NSDAP und der SA sind abgehauen, diese Verbrecher, und uns überlassen sie den Russen" (111) anders bewertet als Grossvater Friedrich: "Die Russen haben geplündert, aber die Polen haben uns unsere Wohnung genommen, das ist viel schlimmer." (124)

Im Folgenden geht es um Vertreibung, Flucht und Ankunft im Westen. In der Verlagsmitteilung heisst es dazu:

"Im März 1945 übernimmt Polen die Verwaltung der deutschen Ostgebiete, und es folgt ein Exodus von Millionen, darunter die Mutter und das Kind. Als sie halb verhungert in einer Kleinstadt in Norddeutschland ankommen, liegt der Vater schwer verwundet in einem Lazarett. Hunger und die furchtbare Kälte im Steckrübenwinter 1946, danach ein jahrelanger Aufenthalt im Barackenlager. Aber die Mutter gibt nicht auf. In der provisorischen Wohnküche arrangiert sie einen „Salon“, in dem kontrovers debattiert wird. Es ist die Zeit der Währungsreform mit der Teilung Deutschlands. Konrad Adenauer – von den Alliierten unterstützt – wird mit einer Stimme Mehrheit Bundeskanzler. Der Kalte Krieg beginnt, und die Weichen werden für das gestellt, was bis heute wirksam ist."[3]

Bittner romanhafter faction-Text schliesst nicht nur allgemein an ostpreussisch-schlesische Erinnerungsliteratur wie etwa Erinnerungsbücher von Marion Gräfin Dönhoff und Leonie Ossowskis "Schlesien-Trilogie" oder an Cora Stephans den Topos Heimat differenziert ansprechenden Krimi[4] an. Büttners Roman nimmt was speziell den Flüchtlingskomplex im deutschen Westen betrifft auch die von Mechtild Curtius[5] unterhaltungsliterarisch gelegte Spur des meist plakativ "Integration2 genannten Assimilationsprozesses von Flüchtlingen aus Schlesien in die Alt-BRD wieder auf.

Bittners Schreibstil ist der eines herkömmlich-vielwissenden Erzählers mit zahlreichen Namen, Orten, Daten als zeitgeschichtliche Details in Form lexikalischen Wissens. Dadurch wirkt manches, etwa im Vergleich mit compatiblen zeitgenössischen Sujetromanen wie den dynamisch erzählten polnischen Romanwerken von Joanna Baror[6], recht konventionell und behäbig sowie auch ein wenig leserermüdend.

Richard Albrecht

Wolfgang Bittner: Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen. Ein deutsches Lebensbild. Roman. Verlag zeitgeist Print & Online 2019. 351 Seiten. ca. 24.00 SFr. ISBN: 978-3-943007-21-3

Fussnoten:

[1] http://www.wolfgangbittner.de/

[2] Vom reichshauptstädtischen Alltagsleben dieser Jahre mit ständigen nächtlichen air raids und strategic bombing erzählt Ingeborg Drewitz, Gestern war heute. Hundert Jahre Gegenwart. Roman. Düsseldorf: Claasens, 1978, 384 p.

[3] https://zeitgeist-online.de/buecher/neuerscheinung.html

[4] Anne Chaplet, Russisch Blut. Kriminalroman. München-Zürich: Piper: 2004, 246 p.

[5] Mechtild Curtius, Je länger je lieber. Roman. Zürich-Köln: Benziger, 1982, 221 p.

[6] Joanna Bator, Sandberg. Roman. Dt. und Nachwort von Ester Kinsky. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2012, 492 p.; dies., Wolkenfern, Roman. Dt. von Ester Kinsky. Frankfurt/Main: 2014, 500 p.

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