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Werner Bräunig: Rummelplatz | Untergrund-Blättle

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Rezension zum Roman über die junge DDR Werner Bräunig: Rummelplatz

Belletristik

Der Roman verschafft tiefe Einblicke in die Probleme und Hoffnungen der Menschen in der jungen DDR.

Die Goethestrasse in Bad Doberan im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern, Januar 1990.
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Bild: Die Goethestrasse in Bad Doberan im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern, Januar 1990. / Felix O (CC BY-SA 2.0 cropped)

10. Mai 2016
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Korrektur
Manche Bücher erblicken nie das Licht der Öffentlichkeit. Andere erst spät, wenige wiederum zu spät. Vor zehn Jahren erschien mit 40-jähriger Verspätung Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“ beim Berliner Aufbau-Verlag. Bräunig beschreibt auf gut 600 Seiten die Schicksale einzelner Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten in der jungen DDR von 1949 bis zum 17. Juni 1953.

Nach der Vorlage einiger Stellen des Romans wurde damals entschieden, dieses Werk zu verbieten, da es den offiziellen Vorstellungen vom Neuaufbau einer sozialistischen Ordnung widersprach. Im „Rummelplatz“ spielt jedoch nicht die grosse Politik die entscheidende Rolle. Vielmehr handelt er von gebrochenen Lebensläufen, opportunistischen Kriegsgewinnlern, chronisch Unglücklichen, einsamen Einzelgängern, Ewiggestrigen und immer suchenden Fernwehkranken. Es ist das Realistische, das Einfache, das Schöne, das Hässliche, wenn die Schriftstellerin Christa Wolf im Vorwort von einer „wirklichkeitsgesättigten Prosa“ spricht (S. 5).

Die individuellen und doch kollektiven Schicksale der handelnden Personen erscheinen in diesem Roman manchmal sehr vertraut, an anderer Stelle hingegen fremd – dies ermöglicht dem Leser empathisches Lesen. Es sind die einzelnen Schicksale, die einem die Charaktere ganz nah erscheinen lassen. Hermann Fischer zum Beispiel. Ein überzeugter und undogmatischer Kommunist mittleren Alters und Steiger bei der für den Roman zentralen Wismut AG – Fischer ist ein Mann mit starker Seele, äusserster Sensibilität und proletarischer Ehrlichkeit. Ein Leben, das auf dramatische Weise endet...

Beeindruckend wird auch Fischers Tochter Ruth dargestellt. Sie wehrt sich gegen das lebendige Begrabensein vieler damaliger Hausfrauen und arbeitet als erste deutsche Maschinenführerin in einer Papierfabrik, in der sie trotz Erfolgen und überwundenen Hürden grösstenteils auf wenig Anerkennung stösst. Wenig Anerkennung von solcherlei Männern, die sich nach jahrhundertelanger Ausbeutung und Drangsalierung durch die entsprechende Obrigkeit wenigstens über ihre Haustiere und Frauen erheben konnten.

„Und nun erlebten sie, wie die Frauen ihnen ebenbürtig werden wollten, ihren Platz beanspruchten. Da dachten sie nicht an die Schwüre, die sie einst ihrem Mädchen geschworen hatten, (...), dachten nicht an die Mütter, die sie geboren hatten und behütet, und nicht an ihre Töchter, denen Ruth eine Schwester sein könnte; in dumpfer Wut sassen sie, eingesperrt in ihre Männerwelt, eingesperrt in den Horizont von Vorurteilen, von Egoismus, von uralten Sprüchen.“ (S. 300)

Neben vielen anderen beeindruckenden, berührenden und abstossenden Charakteren spielt Christian Kleinschmidt eine zentrale Rolle. Bevor er sein Studium beginnen darf, muss er sich wie viele andere zu seiner Zeit erst im Arbeiter- und Bauernstaat beweisen und in der Wismut AG malochen. Nach grossen Schwierigkeiten arrangiert er sich mit der Arbeit und wird zu einem Musterkumpel. Er bereut, dass sein Vater den Krieg als Professor weniger verloren hat als die proletarischen Väter einiger Schulfreunde, denn diese studieren bereits. Aber eines hat er mit allen in seinem Alter gemein, sie sind zwar alle mittlerweile erwachsen, sie hatten aber aufgrund der zurückliegenden Zeit nie die Chance, jemals jung zu sein. (S. 13)

Aber vor allem sind es Bräunigs beeindruckende Beschreibungen des Alltags, die „Rummelplatz“ zu einem ganz grossen Nachkriegsroman machen. Der eindringlich dargestellte Alltag vieler Kumpel in den Kneipen zum Beispiel:

„Zwanzigjährige sassen da, Dreissigjährige und Fünfzigjährige, alle mit den gleichen Flüchen, schlugen die Zeit zwischen den Schichten tot, lebten. Lebten? Was unterschied die Zwanzigjährigen von den Fünfzigjährigen? Glänzende Augen, wenn zwei sich prügeln; ein Achselzucken, wenn einer dran glauben muss; Lärm, Langeweile, lieblos-leblos, Meister der Empfängnisverhütung beiderlei Geschlechts, ein ganzes Leben auf demselben Gleise, und immer im Kreis herum, immer im Kreis, manchmal schnell, manchmal langsam, manchmal rotes Licht, aber nie eine Weiche, nie eine andere Strecke, manchmal Trittbrett, manchmal Stehplatz, vielleicht einmal erster Klasse, aber nie in eine andere Richtung, nie.“ (S. 243)

Nach der Veröffentlichung des Romans wurde er von weitgehend allen Kritikern völlig zu Recht begeistert gefeiert und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Einige sahen ihn gar in der Tradition anderer grosser Nachkriegswerke von Böll und Grass. Werner Bräunig erlebte diese Ehre nicht mehr: Nachdem sein Werk nicht veröffentlicht werden durfte und nur später in kleinen Teilen in Sammelbänden erschien, verlor er die Motivation am Schreiben grosser Romane, sodass er sogar den „Rummelplatz“ nicht mehr vollständig überarbeitete, was der Leser anhand einiger Unstimmigkeiten und Brüche bei dem einen oder anderen Charakter insbesondere in der zweiten Hälfte des Werkes bemerkt.

Eigentlich sollten auf das vorliegende Werk noch zwei Teile folgen und so eine umfassende Chronik der ersten DDR-Jahre entstehen. Bräunig schrieb fortan nur noch Kurzgeschichten und fühlte sich dem Alkohol sehr zugetan. An dieser Krankheit verstarb er schliesslich in den Siebzigern zweiundvierzigjährig in Halle-Neustadt.

Das Werk versprüht eine unglaubliche Kraft, gerade weil es so furchtbar authentisch ist. Es war ein grosser Fehler der Staatsführung diesen ganzen Roman der Gesellschaft vorzuenthalten.

Sebastian Friedrich
kritisch-lesen.de

Werner Bräunig: Rummelplatz. Roman. Aufbau Verlag, Berlin, 2006. 768 Seiten. 34 SFr, ISBN 978-3-7466-2460-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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