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Wladimir Sorokin: Telluria | Untergrund-Blättle

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Wladimir Sorokin: Telluria Mit einem Nagel im Kopf durch Eurasien

Belletristik

Eine zynische Zukunftsvision von Vladimir Sorokin, in der die Droge Tellur den Gipfel der Glückseligkeit darstellt.

Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin am Literaturfestival in Köln.
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Bild: Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin am Literaturfestival in Köln. / Elya (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

8. Mai 2017

08. 05. 2017

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„[D]ies sind die drei Bildnisse dreier schicksalhafter Herrscher Russlands, vor euch seht ihr die Drei Grossen Glatzen, die drei grossen Ritter, die den bösen Drachen vernichtet haben. Der erste von ihnen […], dieser Verschlagene mit dem Spitzbart, erledigte das Russische Imperium, der zweite, der Brillenträger mit dem Fleck auf der Glatze, zerstörte die UdSSR, und dieser hier mit dem kleinen Kinn richtete das fürchterliche Land namens Russische Föderation zugrunde. Und alle drei Büsten schuf vor sechzig Jahren mein verstorbener Mann, Demokrat, Pazifist, Vegetarier und professioneller Bildhauer, in jenem Sommer, als der Drache Russland endgültig krepierte und für immer aufhörte, seine Bürger zu fressen.“ (S. 343f.)

Seit diesem Sommer ist viel passiert auf dem Gebiet der ehemaligen Russischen Föderation und auch Europa wurde tüchtig umgekrempelt. Sorokins Roman Telluria spielt in der nahen Zukunft, irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Europa befindet sich im Würgegriff islamistischer Invasor_innen und kann sich nur langsam aus diesem befreien. Infolge des Krieges gegen die Wahhabiten zerfällt die Union in eine Vielzahl von Republiken, Königreichen und Fürstentümern. Ähnliches vollzieht sich in Russland: Innere Unruhen und Revolutionen zerreissen auch hier die Föderation und zurück bleibt eine kaleidoskopische Staatenlandschaft, die keine Absurdität auslässt. Ein Disneyland für linke Tourist_innen

Da gibt es Moskowien, in dem, unter der hirnrissigen Herrschaft eines „aufgeklärt theokratischen Kommunofeudalismus“, von Benzin auf Kartoffelgase umgestellt wurde, deren „zuckrig-modriges Aroma“ ganz Moskau umwölkt. Da gibt es die von russischen Oligarchen gegründete SSSR, die Stalinische Sowjetische Sozialistische Republik, eine Art Disneyland für linke Tourist_innen. Unter Drogeneinfluss wird hier sogar ein persönliches Gespräch mit Stalin höchstselbst versprochen. Und dann wäre da noch Telluria, ein beinahe paradiesischer Bergstaat und Sehnsuchtsort der vielen Unterdrückten, Verfolgten und Desillusionierten. Auf der Suche nach neuen Zielen, Selbstfindung oder erfüllender Glückseligkeit pilgern sie in das Land, in dem die allseits begehrte Droge Tellur abgebaut wird.

Köpfe mit Nägeln machen

„2022 stiessen chinesische Archäologen im Gebirge Altai […] auf einen im 4. Jahrhundert vor unserer Zeit über einem Vorkommen von gediegen Tellur errichteten zoroastrischen Höhlentempel. […] Im Inneren der Höhle […] wurden achtundvierzig Skelette entdeckt, in identischer Haltung mit über der Brust gekreuzten Armen liegend. Ihre Schädel waren sämtlich an einer Stelle von einem kleinen (42 mm) Keil aus reinem Tellur durchbohrt. In einer Altarnische […] fand man bronzene Hämmer sowie im Halbkreis ausgelegte Tellurkeile. Mit diesen Hämmern waren die Tellurkeile in die Köpfe der achtundvierzig Anwesenden geschlagen worden. Der Zugang zur Höhle war von innen vermauert.“ (S. 229f.)

Ja, die neue Superdroge Tellur wird den User_innen mit einem Hammer durch die Schädeldecke direkt ins Hirn gerammt. Eingeschlagen werden die Nägel von sogenannten Zimmermännern. Leisten diese gute Arbeit, versinkt der oder die User_in in absoluter Euphorie und kann ihre oder seine tiefsten und wahrhaftigsten Wünsche erkunden. Tellur verhilft den orientierungslosen Bewohner_innen des eurasischen Flickenteppichs zu einem neuen Sinn. Einige suchen intellektuelle Erleuchtung, andere erneuern ihre ideologische Verblendung. Selbst ein Gefühl von religiöser Erlösung kann das Tellur wachrufen. So zimmern sich die Menschen eine eigene schöne neue Welt. Einzig die Wahhabiten benötigen kein Tellur, denn der bewaffnete Dschihad ist ihnen Ziel und Erfüllung zugleich. Einen Haken hat die Droge jedoch: Schlägt der Zimmermann den Nagel nicht präzise ein oder zersplittert der Nagel beim Durchbrechen der Schädeldecke, endet der Trip in den meisten Fällen tödlich.

Zersplitternde Vielfalt

Doch allzu sehr nimmt ein solcher Tod die Leser_in nicht mit, denn die Zersplitterung ist in Sorokins Roman sowohl thematisches Kernelement als auch strukturelles Programm. In fünfzig zumeist unzusammenhängenden Episoden wird in grellbunten Farben eine schwindelerregende Zukunftsvision ausgemalt. Diese wird aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Zwerge, die gemeinsam mit Riesen Schlagringe für den proletarischen Kampf schmieden; schwule westliche Intellektuelle, welche die verführerische östliche Metaphysik erkunden; fanatische Tempelritter, die zum Kreuzflug gegen Islamisten aufbrechen; dem Extremsport frönende Staatspräsidenten; Königinnen, Aussteiger und sogar sprechende künstliche Penisse werden hier zu Protagonist_innen. Dabei ist jede Geschichte in einem anderen Stil verfasst.

Es lassen sich Sagen und Märchen finden, die sich mit Gebeten und Propagandatexten abwechseln. Einige Passagen erinnern an das coming-of-age-Genre, andere wiederum an Fantasy. Telluria treibt die Leser_in in seiner überbordenden Vielfalt bis an die Grenzen der Reizüberflutung. Die Figuren bleiben, bis auf wenige Ausnahmen, unzugänglich und kryptisch.

Wer einen klassisch erzählten Roman mit rotem Faden und Spannungsbogen erwartet, wird mit Telluria sicherlich nicht glücklich, dafür bleibt der Collagencharakter des Textes zu sperrig. Hier wird nichts erklärt, nichts ist eindeutig, alles bleibt Spekulation. Die Leser_in wird vollkommen unvorbereitet in die aberwitzige Welt des Textes geworfen. Erst nach etwa der Hälfte des Textes werden Konturen sichtbar, die sich jedoch nie scharf stellen lassen. Telluria ist keine leichte Kost und gegen Ende beginnen sich Thematiken und Stile zu wiederholen. Wer diese Hürden jedoch in Kauf nimmt, wird mit einem ungewöhnlichen Lesevergnügen belohnt, welches der Leser_in kaum Grenzen oder Interpretationszwänge aufdrängt.

Conrad Rethfeld
kritisch-lesen.de

Vladimir Sorokin: Telluria. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 414 Seiten, ca. 25.00 SFr., ISBN 978-3-462-04811-7

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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