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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3 | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3 Furchtbar und faszinierend

Belletristik

Eine schonungslose Abrechnung mit der französischen Gegenwartsgesellschaft.

Virginie Despentes am Prix Landerneau, Februar 2015 .
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Bild: Virginie Despentes am Prix Landerneau, Februar 2015. / ActuaLitté (CC BY-SA 4.0 cropped)

21. März 2019

21. Mär. 2019

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Es wird gefickt, gesoffen, gekokst und gekifft. Menschen beschimpfen und vermöbeln sich, hassen und lieben einander, kotzen, feiern, heulen, liegen sich in den Armen. Es fallen sehr viele politisch unkorrekte Wörter. Virginie Despentes Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ist eine atemlose Tour de force durch die französische Gegenwartsgesellschaft, ein wilder, lauter, unappetitlicher, schmutziger Brocken Text. Und ganz grosse Literatur.

Im Zentrum steht der Plattenhändler Vernon Subutex, der im ersten Teil der Trilogie aus dem gesellschaftlichen System fällt. Nachdem sein Gönner und alter Freund, der Rockstar Alex Bleach, an einer Überdosis verstorben ist, landet Vernon auf den Strassen von Paris. Die Leserinnen und Leser begleiten ihn fortan auf seinem Weg, der zugleich einen Querschnitt durch die französische Gegenwartsgesellschaft bietet und in dessen Verlauf die Schicksale zahlreicher Figuren miteinander verknüpft werden. Da sind die Freundinnen und Freunde aus alten Punkrock- und Tourbus-Zeiten, die nun im Bürgertum angekommen sind.

Da ist der kokainsüchtige millionenschwere Ex-Trader Kiko, der Vernon zwischenzeitlich als Privat-DJ beschäftigt. Da sind Charles und die anderen harten Stammtrinker im Park Buttes-Chaumont, da sind die manische Obdachlose Olga, der computersüchtige Ex-Pornostar Pamela Kant und die brasilianische Transsexuelle Marcia, da ist die so genannte „Hyäne“, die als Privatdetektivin arbeitet, da ist die frustrierte Sylvie, die ihren Sohn an die neue Rechte verloren hat. Da sind der atheistische Universitätsangestellte Sélim, der sich von seiner Tochter Aicha, einer strenggläubigen Muslima, zunehmend entfremdet, und da sind etliche mehr. Was sie verbindet? Vernon Subutex.

Wer ist Vernon Subutex?

Auf einer ersten Ebene ist der Held von Despentes’ gleichnamiger Romantrilogie ein lebender Anachronismus: „Vernon ist im letzten Jahrhundert steckengeblieben, als man sich noch Mühe gab, so zu tun, als wäre Sein wichtiger als Haben.“ Vernon ist ein alternder Alternativer: ein Lebenskünstler, Musikliebhaber und Übriggebliebener der Punkkultur der 1980er Jahre, den Internet und Digitalisierung erbarmungslos überholt haben.

„Subutex war immer der lächelnde Sunnyboy hinter dem Tresen seines Plattenladens. Ein Witzbold – kein Grossmaul, aber ziemlich schlagfertig. […] In einer Welt von Kerlen, die immer den Weitpinkelwettbewerb gewinnen wollen, war Vernon der Coole, der nicht übertreiben musste, um zu beweisen, was er draufhatte. Er hatte seinen Platz, den des Plattenverkäufers.“

Und doch: Auf die Frage, wer die Hauptfigur von Virginie Despentes Romantrilogie eigentlich ist, erhalten wir während der gesamten Lektüre im Grunde keine eindeutige Antwort. Natürlich erfahren wir etwas über Vernon: zum Beispiel, dass er über ungewöhnliche (nicht nur sexuelle) Anziehungskräfte verfügt und ein begnadeter DJ ist, dessen Sets die Menschen in ekstatische Ausnahmezustände versetzen (Aspekte, die vor allem im zweiten Roman zum Tragen kommen). Trotzdem bleibt Vernon als Charakter überraschend unbestimmt.

Das mag merkwürdig erscheinen, ist aber konsequent. Denn Vernon ist nicht nur Relikt einer vergangenen Zeit, sondern Reflexionsfigur einer Gegenwart, die bis zum Zerreissen gespannt ist. Sein Scheitern und sein rasanter sozialer Abstieg stehen exemplarisch für ein zerbröckelndes Sozialsystem; seine unruhige Reise durch Paris, die sowohl Station bei den Superreichen als auch bei den Ausgestossenen in der Gosse macht, die uns ebenso mit digitaler Vereinsamung, sozialer Unverbindlichkeit und politischer Orientierungslosigkeit konfrontiert wie mit emotionaler Verrohung, politischer Radikalisierung und dem Aufstieg der neuen Rechten, führt uns eine Gesellschaft vor Augen, die sozial und politisch haltlos erscheint – und die letztlich unsere eigene ist.

Ungefilterte Hässlichkeiten

Die besondere Pointe liegt in der erzählerischen Gestaltung, die ganz nah an den überaus verschiedenen Figuren ist und im fliegenden Wechsel der Perspektiven einen rastlosen Trip durch deren Gedanken inszeniert – oft so unvermittelt und distanzlos, dass einem der Atem stockt. Als Leserinnen und Leser reisen wir nicht nur mit Vernon durch Paris und dessen verschiedene soziale Schichten, sondern wir fliegen auch durch Köpfe, die getrieben sind von Hass, Rassismus, Gier, existenzieller Angst, brutaler Sehnsucht und tiefer Verlorenheit.

Das ist faszinierend und furchtbar, vor allem aber: lebenswirklich. Despentes beschreibt nicht einfach eine gespaltene Gesellschaft, sondern sie lässt diese Spaltung ungefiltert und drastisch bis in die Köpfe der einzelnen Figuren hineinragen und so beim Lesen auf schmerzhafte Weise erfahrbar werden. Zum Beispiel anhand der nur schwer auszuhaltenden Tiraden von Xavier, einem fürsorglichen Vater, Hundeliebhaber und krassem Alltagsrassisten:

„Schluss mit dem Rassismus? Warum eigentlich! […] Das Grundproblem ist, dass mein Wert als Weisser in deinem Minderwert als Kameltreiber liegt. Mein Mehrwert ist dein Prekariat. Meine weisse Haut geniesse ich nur, wenn ihr zu Tausenden ertrinkt und sich niemand darum schert. Das ist nichts Persönliches. Deshalb hat jeder Rassist einen afrikanischen Freund. Wir sind ja nicht blöd.“

Xavier gehört im zweiten Teil zum festen Kern der Subutex-Gruppe. Er freundet sich unter anderem mit dem arabischstämmigen Sélim und kommt inmitten von Linken, Feminist_innen und Transgender-Existenzen zumindest zeitweilig etwas zur Ruhe. Was die subkulturelle, fast schon sektenartige Alternativgemeinschaft eint, ist kein verbindliches Programm, sondern die Sehnsucht nach Frieden und Halt, die sie in Vernons Musik und ihrer Freundschaft finden. Das klingt gnadenlos naiv, ist aber für die Gesamtkonzeption der Trilogie bedeutsam.

Ausgerechnet Vernon, eine verlorene und charakterlose Randexistenz ohne Pläne und Agenda, wird zur Projektionsfläche der Idealist_innen und Zyniker_innen, der Wütenden und Frustrierten, der Orientierungslosen und Abgehängten. Das Idyll währt freilich nicht lang: Im dritten Teil bricht die Realität in Form der Terroranschläge vom 15. November 2015 und in Form von rechter Gewalt über die Gruppe herein.

Virginie Despentes’ Romanreihe ist eine Zumutung, allerdings eine wichtige. Mit „Vernon Subutex“ führt uns Despentes ein strauchelndes, postdemokratisches Frankreich vor Augen, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu leeren Worthülsen geworden sind. Deshalb lohnt es sich, alle drei Teile zu lesen. Was im ersten Teil durchaus als „Abgebrüll auf die Grande Nation“ (Spiegel) gelesen werden kann, entpuppt sich im Verlauf der weiteren Bände vor allem auch als differenzierte Auseinandersetzung mit dem Verlust von Verbindlichkeit, dem Bedürfnis nach neuen Mythen und „grossen Erzählungen“. Auf die wuchtige Abrechnung mit der Gegenwartsgesellschaft folgt eine entschleunigt erzählte, esoterische Aussteigerfiktion mit nachgerades heilsgeschichtlichen Dimensionen; der dritte Teil schliesslich kulminiert in einem überraschenden Finale, das den „Mythos Subutex“ konsequent zu Ende bringt.

Stephanie Bremerich
kritisch-lesen.de

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3. Roman. Übersetzt von: Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 416 Seiten, ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3-462-31882-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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