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Takis Würger: Stella | Untergrund-Blättle

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Takis Würger: Stella Die Ästhetik des Schreckens

Belletristik

Takis Würger wagt sich an einen hochbrisanten historischen Stoff. Und doch dürfte sein Roman weit mehr über den gegenwärtigen Zustand der Literatur aussagen als über die deutsch-jüdische Geschichte.

Takis Würger in Düsseldorf 2019.
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Bild: Takis Würger in Düsseldorf 2019. / Goesseln (CC BY-SA 4.0 cropped)

4. Februar 2019
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Ein junger Schweizer kommt nach Berlin, warum genau, weiss er wohl selbst nicht, er erzählt etwas von Wahrheitsfindung und davon, zu neuer Stärke gelangen zu wollen. Und ein bisschen zeichnen möchte er gern lernen. Bei seinem ersten Besuch in der Kunstakademie lädt man ihn direkt zum Mitmachen ein, das Aktmodell ist bereits eingetroffen, und so kommt es, wie es kommen muss: Natürlich ist der junge Mann von der Schönheit der Frau stante pede derartig geblendet, dass er an diesem Tag keinen einzigen Strich zu Papier bekommt.

Später, auf dem Nachhauseweg, begegnen der junge Mann und die junge Frau einander per Zufall in der Strassenbahn und bereits hier wird klar: Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte. Ein reichlich unbeholfener, schüchterner Bursche aus der eidgenössischen Provinz und die taffe Blonde mit der Berliner Schnauze – das ist der Stoff aus dem ZDF-Vorabendserien gemacht sind, von hier aus ist der Weg bis zum final gehauchten Liebesschwur »Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist« quasi vorgezeichnet. Und wieso auch nicht, der Buchmarkt ist schliesslich voll von solchen Geschichten.

Zugegeben, ein wenig anders liegt die Sache dann aber doch, denn bei der jungen Frau, deren Portrait vergoldet und mit Marilyn-Monroe-Gedächtniswelle vom Cover des Buches lächelt, handelt es sich nicht um eine Erfindung aus dem Figurenkabinett Rosamunde Pilchers oder Inga Lindströms, sondern um Stella Goldschlag, die, selbst Jüdin, während des Zweiten Weltkrieges als sogenannte »Greiferin« mit den Nationalsozialisten kollaborierte und untergetauchte Juden denunzierte – zunächst im Austausch gegen das Leben ihrer Eltern, später, nach deren Deportation, aus ungewissem Antrieb.

Dass ein solches schriftstellerisches Unterfangen freilich eine Gradwanderung ist, dürfte auch Takis Würger, für seinen Debütroman »Der Club« von Kritikern und Publikum einhellig belobigt, durchaus bewusst gewesen sein, als er sich des Stoffes annahm. Zumindest ist er von Beginn an darum bemüht, seinen Figuren so etwas wie Vielschichtigkeit zu verleihen. Man merkt: Es soll bloss nicht der Verdacht entstehen, hier mache es sich einer zu einfach, da die Guten, dort die Bösen, oder masse sich gar ein historisch-moralisches Urteil an. In diesem Roman sind daher alle Protagonisten alles zugleich: gut und böse, schuldig und nicht-schuldig. Dieser Umstand ist nicht nur problematisch, weil er die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verwischt, sondern er führt auch zu einer ganzen Reihe gekünstelter Charaktere.

Da wäre etwa Tristan von Appen, seines Zeichens Tierliebhaber und Lebemann (»Zeig mir, wie ein Mensch mit Tieren umgeht, und ich sag dir, ob er das Herz am richtigen Fleck hat«), Verehrer französischer Käsesorten und amerikanischer Swingmusik und – wer hätte es ahnen können – Obersturmbannführer der SS. Die Botschaft dahinter ist klar: Nur kein Schwarz-Weiss-Denken aufkommen lassen. Und so werden, damit das auch wirklich jeder begreift, gleich ganze Dialoge auf Französisch abgehalten, während man (kein Scherz) zur Melodie von »Schwarz-braun ist die Haselnuss« ficht – Holderi juvi juvi di ha ha ha.

Ähnlich Stella Goldschlag: Ist sie, die am liebsten »Pünktchen« genannt wird, gerade noch mit zierlichen Tippelschritten, ihren ach so verführerischen Grübchen in den Wangen und im neusten modischen Fummel im Stile einer Femme fatale um ihren Verehrer herumgestelzt, drückt sie im nächsten Moment plötzlich das Kreuz durch und marschiert im Stechschritt davon, ganz so, als »erwachte [in ihr] eine andere«. Spätestens an dieser Stelle lässt sich erahnen, dass hier nach dem Baukastenprinzip zusammengeschraubt wurde, was nicht zusammenpasst, und wenn dann zu allem Überfluss der Deckname der Protagonistin, mit dem diese in der Öffentlichkeit versucht, ihre jüdische Identität zu verschleiern, auch noch ausgerechnet Kristin (= die Christin) lautet, um auch wirklich, wirklich noch einmal ganz deutlich zu machen: Achtung, ambivalenter Charakter!, dann ist das weder sonderlich originell noch tiefsinnig, sondern einfach nur plump.

Den männlichen Hauptdarsteller und Ich-Erzähler, den jungen Friedrich aus Genf, hat Takis Würger vorsichtshalber gleich gänzlich farblos gehalten (passenderweise ist er farbenblind) und ihn als Schweizer gewissermassen zur Neutralität verpflichtet. Ein Kunstgriff, der es der Figur erlauben soll, sich unbehelligt zwischen allen Fronten zu bewegen. Nur leider ist das Resultat auch hier eine gänzlich blutleere Erscheinung. Während die Bomben fallen, tapert Friedrich durch Berlin wie durch einen Vergnügungspark, er besucht Underground-Clubs, speist, dank der nie versiegenden Geldflüsse des generösen Herrn Papa, im vornehmsten Hotel der Stadt, geniesst Champagner, Koks und Spreegürkchen und Gespräche über Yoga. Den Krieg erlebt er nur durch die Sprossenfenster seiner Luxussuite, seine grösste Sorge: Sodbrennen.

Friedrich will tanzen, immer weiter tanzen, mit Kristin bzw. mit Stella. Bis zum Schluss träumt er von einer gemeinsamen Zukunft, von Spaziergängen im Park, Händchenhalten, Kindern und von Reisen im Orientexpress. Ein Katastrophentourist auf der Suche nach der Liebe. Das wirkt grotesk und bisweilen erinnert es an Ingo Schulzes übernaiven Wendehelfer »Peter Holtz«, mit dem Unterschied, dass es sich bei Letztgenanntem um reine Satire handelt.

Zwar spart der Roman keineswegs die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Verbrechen aus. Die Beschreibung der Foltermethoden, mit denen Stella zur Mittäterschaft »überredet« wird, ist drastisch, Originalauszüge aus den Akten eines sowjetischen Militärtribunals sollen zudem für Authentizität sorgen. Das alles ist sicherlich löblich, nur sind Friedrich, Stella und die anderen Pappkameraden der Tragweite des Stoffs schlichtweg nicht gewachsen.

Am Ende gilt wohl, frei nach Kurt Tucholsky, die alte Weisheit: Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche seines Verfassers. Weit mehr nämlich als über die deutsch-jüdische Geschichte dürfte dieses Buch aussagen über zeitgenössische Kunst-Konzepte, über die Ästhetik des Schreckens etwa oder den Hang zur Romantisierung, zum Kitsch. In einem Interview erklärt der Autor einmal, am Thema habe ihn besonders das Nebeneinander von Terror und Schönheit gereizt, und das erscheint als Erklärung für so manch eine verunglückte Stilblüte in diesem Roman durchaus plausibel.

Leo Eberhardt

Takis Würger: Stella. Carl Hanser Verlag GmbH & Co 2019. 224 Seiten, ca. 28.00 SFr., ISBN 978-3446259935

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