Sarah Wipauer: Fehlende Gespenster Wien als Phantom und Vorstellung
Belletristik
Sarah Wipauer geht in ihrem Debütroman Fehlende Gespenster dorthin, wo die Poesie hin soll: In die Zwischenräume, in den Untergrund, in die Fantasie, in den Mixer zwischen Fakt, Fiktion, dem was ist und dem was sein sollte. In die glatten Fugen zwischen Bullshit und Nichts.

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Buchcover.
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Das als Autorin in dieser Konsequenz hinzubekommen ist – hier kommt das verfluchte Wort: Kunst. Was in diesem Roman gibt es wirklich, was gibt es nicht? Gibt oder gab es eine pneumatische Untergrundbahn in Wien, mit der die Toten zum Zentralfriedhof befördert wurden? Eine kurze Internet-Sidequest zeigt: Als kurioser Vorschlag im 19. Jahrhundert, der dem Roman offenbar als Inspiration gedient hat. In der Realität allerdings nie. Aber, ich vermute, da sind wir uns alle einig: es sollte sie geben, und dank des Romans gibt es sie jetzt.
Stell dir eine sauber funktionierende Grossstadt vor, in der du in deinem Büro sitzt und ein erheblich zu buntes Fruchtjoghurt isst, während unter dir durch Röhren Leichen zum Friedhof zischen. Da schmeckt das Konzentrat im Joghurt doch gleich doppelt so super. Und wenn es eine solche Untergrundbahn gibt, gäbe, jemals gegeben hätte -- dann würde sie in Wien definitiv „Die Pneumatische” genannt. Der Roman ist treffsicher in seinen Austriazismen, sticht in die österreichische Mentalität rein wie eine Nadel in das Insekt als Studienobjekt: irgendwo zwischen Morbidität, Symbolik und Kontext; vergessener Geschichte, fehlender Geschichte, tatsächlicher Geschichte; zwischen realen Strassen und erfundenen Untergrundwegen, realen Personen und Dingen, die diese realen Personen nie gemacht haben, z.B. als Tote durch eine pneumatische Untergrundbahn zum Friedhof gejagt zu werden: irgendwo da hängt dieser Roman, als Erinnerung and das was vergessen wurde und als Erinnerung an das was sein könnte.
Dungeon Crawler Merian. Über den Bezug zum Namen wurde woanders bereits geschrieben, mir gefällt das konsequente Fehl-Naming der vater- und mutterlosen Erzählinstanz im Roman. Ist witzig. Insgesamt muss man der Autorin dafür Propz geben, dermassen konsequent aus Zeitgeist, Mode und der üblichen Vorstellung eines Wien-Romans (soweit existent) zu steppen und einen neuen, freshen Alternativentwurf zur Realität zu präsentieren, irgendwo zwischen Erinnerung, Vergessen, Phantom und Möglichkeit.
Realität ist die Banalität der Watschen des Alltags, die uns jeden Tag mit demselben alten müden Geräusch trifft. Wir haben Kunst und Literatur, um dieser Watschen zu entkommen. Das bietet dieser Roman.
Sarah Wipauer: Fehlende Gespenster. Residenz Verlag 2026. 368 Seiten. ca. SFr. 39.00. ISBN: 978-3-7017-1829-0.
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