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Pierre Boisserie & Christophe Gaultier: Kim Philby - Gentlemen, Spion, Verräter | Untergrund-Blättle

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Pierre Boisserie & Christophe Gaultier: Kim Philby - Gentlemen, Spion, Verräter Kolonialistische Graphic Novel?

Belletristik

Zwischen Spionagestory und Entwicklungsroman zeichnet die spannende Graphic Novel das Leben des Cambridge-Five-Kommunisten Kim Philby (1912-88) von 1922 bis 1940 nach. Über einer Psychologisierung des Doppelagenten verfehlt der Plot leider eine Kritik des Kolonialismus.

Kim Philby.
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Bild: Kim Philby. / Mariluna (PD)

19. Mai 2022
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Kim Philby kann als prototypische Figur des Spionagethrillers gelten, vor allem durch John le Carré mit „Dame, König, Ass, Spion“. 2020 erschien die Graphic-Novel "Philby, Naissance d'un agent double" (Philby, Geburt eines Doppelagenten) von Pierre Boisserie (Szenario) und Christophe Gaultier (Zeichnung) in der Edition Les Arènes, Paris. Hier besprochen wird die deutsche Fassung, "Kim Philby - Gentleman, Spion, Verräter", 2021.

Auf den Spuren Rudyard Kiplings

Die französischen Autoren machen keinen Hehl daraus, mit ihrer Story den Spuren Rudyard Kiplings zu folgen, des grossen Barden des Britischen Imperialismus. Die ersten fünf Seiten des Buches sind ein Auszug aus Kiplings neben „Das Dschungelbuch“ bekanntestem Roman „Kim“, der ebenfalls Spionagestory und Entwicklungsroman vereint. Die Episode zeigt, farblich vom Rest des Comics abgesetzt in Ocker- und Safrantönen, wie Kiplings Kim in Lahore (British Indien) einen geplanten Aufstand der Inder gegen ihre kolonialen Unterdrücker verrät. Kim tritt als indischer Strassenjunge mit Turban auf, die britischen Offiziere schwelgen im Luxus kolonialer Ausbeuter.

Dann klappt der greise Kim Philby das Buch von Kipling zu und wir sind in der Rahmenhandlung 1988 auf dem Roten Platz in Moskau, wo der als Held der Sowjetunion hochgeehrte KGB-Agent Philby seinen wohlverdienten Ruhestand geniesst. Ein geheimnisvoller Unbekannter hat ihm das Buch und eine Dose Shortbread-Kekse aus England überreicht und beide schwelgen in Erinnerungen an Philbys frühe Entwicklung und Rekrutierung, alles ist in gedeckten Farben alter Spionagefilme gehalten.

Die erste der zahlreichen Rückblenden führt ins Jahr 1922 als der zehnjährige Harold Philby genau dieses Buch von seinem Vater bekam und damit auch seinen Spitznamen „Kim“. Der Knabe verehrt den häufig abwesenden Vater, liest eifrig seinen Kipling, zeigt sich aber von Romanheld Kim verwirrt. Der sei ungehorsam, kein patriotischer Brite und lüge viel. Daddy St.John Philby beruhigt den kleinen Sohn: „Er lügt nicht wirklich. Er verschleiert nur die Wahrheit, um seine Ziele zu erreichen. Es ist ein Spiel, eines, das er spielen muss, um zu überleben...“ Klar, dass dem Knaben die Agentenlaufbahn in die Wiege gelegt ist, zumal Vater Philby selbst erfolgreich für das Empire spioniert und intrigiert. Im Comic erfährt man davon nur nebenbei, dass Daddy zum Islam konvertierte.

Die Hitler-affine Anglo-German-Fellowship

Dabei infiltrierte Vater Philby als „Scheich Abdulla“ das saudische Königshaus und fädelte zusammen mit dem dafür berühmt gewordenen „Lawrence of Arabia“ den Aufstand gegen das Osmanische Reich ein. Der Vertreibung der Türken folgte bekanntlich nicht die versprochene Befreiung der Araber, sondern ihre erneute koloniale Knechtung, diesmal durch London und Paris. Es ging um die Gier nach Erdöl und das „Grosse Spiel“ der Geopolitik. Doch unsere Graphic Novel zeigt Vater Philby nur als später glücklosen Brit-Nazi, der über die Hitler-affine Anglo-German-Fellowship 1939 erfolglos für eine rechtsextreme Splitterpartei kandidierte und 1940 sogar kurz inhaftiert wurde. Die Comicstory vertieft dies nicht, man ahnt aber, dass dahinter ein Versuch des MI6 stecken könnte, Vater Philby beim deutschen Nazi-Geheimdienst einzuschleusen.

Denn auch Sohn Philby bekommt aus Moskau Weisung, sich bei der Anglo-German-Fellowship als Rechtsradikaler zu profilieren und seine kommunistischen Überzeugungen zu verbergen. Zunächst erklärt eine Episode aus Cambridge 1929, wie Kim Philby sein soziales Gewissen entwickelt. Er diskutiert mit Salon-Marxisten, macht - auf den Spuren von Friedrich Engels - Ausflüge in Arbeiterghettos und erkennt die Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Die spätere Agentengruppe Cambridge Five formiert sich im dekadenten Oberschichtmilieu zwischen Elite-Uni-Debattierzirkel, verbotener Homosexualität und wilden Sexorgien.

Kim Philby geht nach Wien und später, getarnt als stramm rechtskonservativer Times-Reporter, in den spanischen Bürgerkrieg. Dort schafft Kim es, sich bei den Frankisten anzubiedern, überlebt eine Autobombe und bekommt einen Orden von Franko. Den Auftrag des KGB, ein Attentat auf Franko durchzuführen verweigert er zwar, liefert Moskau aber wertvolle Informationen. Ein Höhepunkt der Graphic Novel zeigt ihn symbolisch inmitten Picassos Bild „Guernica“. Er zieht weiter nach Paris und erlebt als Kriegsberichterstatter des britischen Truppenkontingents den Angriff der Nazi-Wehrmacht. Dann folgt seine Anwerbung zum MI6 -aber genau hier, eigentlich bevor die wahre Doppelagenten-Laufbahn Kim Philbys startet, endet die Graphic Novel. Zu früh, wenn auch mit einem -nicht zu spoilernden- Knalleffekt, der diversen Mythen um Philby einen neuen, noch wilderen hinzufügt.

Rudyard Kipling: Der Barde des Britischen Imperialismus

1901 schrieb Kipling „Kim“, einen Jugendroman zwischen Spionagestory, Heldenepos und Bildungsroman -diesem Vorbild eifert unsere Graphic Novel „Kim“ wohl nach. Der irische Waisenknabe Kimball O‘Hara wächst als indischer Strassenjunge in Lahore auf. Nach Entdeckung seiner „edlen“ Herkunft wird er in einer britischen Schule zum Spion ausgebildet und verrät das indische Volk an die Besatzer -ähnlich zeichnen unsere Graphic Novelists, Boisserie & Gaultier, ihren Helden Kim Philby, ohne zu reflektieren, wem sie damit folgen.

Rudyard Kipling (1865-1936) war 1907 erster englischer und bis heute jüngster Träger des Literaturnobelpreises. Neben „Das Dschungelbuch“ gilt der Roman „Kim“ als sein wichtigstes Werk. Zum Lobpreiser des Imperialismus wurde er vor allem durch sein Gedicht „The White Man‘s Burden“ (Die Bürde des Weissen Mannes), in dem er 1899 die “Zivilisierung“ der angeblichen Wilden (der Kulturnation Indien?) zu einer ethischen Last verklärt, die den Weissen auferlegt sei.

Kipling gilt als glühender Kolonialist, was auch durch seinen Einsatz für einen der berüchtigsten Kolonialverbrecher der Geschichte Indiens bestätigt wird. Brigadegeneral Dyer befahl als „Schlächter von Amritsar“ am 13.4.1919 ein feiges Massaker an 25.000 friedlichen Demonstranten, viele davon Frauen und Kinder. In London wurde der Schlächter Dyer von britischen Imperialisten als „Retter Indiens“ gefeiert. Er wurde vom Oberhaus geehrt, Rudyard Kipling setzte sich für ihn ein und sammelte bei der Londoner Upperclass Geld für den Massenmörder. Allein die Sozialisten der Labour Party lehnten Dyers Brutalität ab -und Churchill sorgte sich immerhin um das Ansehen der Briten. Zu Recht, denn die indische Empörung über das Kolonialverbrechen stärkte Gandhi und führte schliesslich zum Verlust der wichtigsten Kolonie des Empire.

Kolonialistische Graphic Novel?

Die Autoren Boisserie & Gaultier lassen jede Kritik am Kolonialismus vermissen und wirken damit etwas aus der Zeit gefallen - immerhin hat die Aufarbeitung der europäischen Kolonialverbrechen derzeit endlich begonnen. Die Graphic Novelists stellen Kim Philby letztlich mehr als Spion und Verräter dar, denn als ethisch motivierten Idealisten und Kommunisten. Ferner passt ins Bild, dass der Vietnamkriegs-Kritiker Graham Green („Der stille Amerikaner“) bei den französischen Autoren ebenfalls schlecht weg kommt.

Welche antikolonialistischen Möglichkeiten hätte ein Philby-Plot literarisch geboten? So einige. Am wichtigsten war die Weitergabe der Baupläne für Atombomben an die UdSSR, denn das Monopol der USA liess Böses ahnen. Neben Atomspion Klaus Fuchs (später DDR-Nuklearforscher), halfen auch das Superhirn der Cambridge Five, Donald Mclean und andere, Moskau blitzartig die Pläne zu verschaffen. Noch bevor die USA genug eigene A-Bomben hatten, um die verhasste Sowjetunion zu vernichten, hatte Moskau selbst eine Atombombe gezündet. Das entstandene „Gleichgewicht des Schreckens“, der Frieden unter gegenseitiger Androhung weltvernichtender Atomschläge, beherrscht die Weltpolitik bis heute.

Boisserie & Gaultier erwähnen das Thema leider nicht, obwohl Kim Philby wegen seiner Atomspionage 1951 fast enttarnt wurde und 1962 auch deshalb nach Russland fliehen musste. 1960 zündete der Kolonialist de Gaulle die erste französische Atombombe, mitten im Algerienkrieg. Wo? In der algerischen Wüste. Obwohl dies offensichtlich eine deutliche Drohung gegen die Freiheitskämpfer war, gilt dies historisch nur als „Testexplosion“, nicht als Kriegseinsatz einer Atomwaffe.

Kim Philby und die Suezkrise

Dann wäre da noch die Suezkrise gewesen, wie der kriegerische Überfall von Briten, Franzosen und Israelis auf Ägypten verharmlosend genannt wird. 1956 war Kim Philby als MI6-Agent in sie verwickelt und hatte möglicherweise im Auftrag Moskaus sogar einen Mordanschlag auf den ägyptischen Präsidenten Nasser vereitelt (könnte man spekulieren). Nasser war damals eine leuchtende Gestalt des weltweit tobenden Befreiungskampfes vom Kolonialismus unterdrückter Völker. Er hatte, nach dem Ägypten das Joch des britischen Imperialismus abschütteln konnte, den immens wichtigen Suezkanal verstaatlicht.

Das gefiel den Unterdrückern in London und Paris nicht, die gemeinsam mit Israel einen Überfall auf das Land am Nil starteten und den Kanal besetzten. Nasser wurde in Westmedien als „Neuer Hitler“ dämonisiert, um den Völkerrechtsbruch zu bemänteln, eine billige, aber bis heute angewandte Propagandataktik. Dabei gab es Äusserungen des Premierministers Anthony Eden, dass der unbeugsame Nasser ermordet werden sollte. Doch Nasser überlebte und triumphierte sogar politisch, trotz der militärischen Niederlage, Eden musste zurücktreten.

Nicht nur Moskau hatte protestiert, sondern überraschend auch Washington sich auf Nassers Seite geschlagen. Denn die USA wollten ihre Spitzenposition im Westblock festigen und sich -trotz Besetzung der Philippinen und Annexion Hawaiis- antikolonial geben. Paris und London gaben klein bei, die Briten auch weil die USA drohten, mit der Finanzweltmacht des Dollars das Britische Pfund abzuwerten. Nasser festigte seine Führungsrolle in der arabischen Welt und der Suezkanal ist bis heute wichtige Einnahmequelle des Landes am Nil.

Warum Nasser im Fadenkreuz des MI6 (und des französischen DGSE sowie des Mossad) überlebte ist unklar, aber rückblickend könnte Philby durchaus etwas damit zu tun gehabt haben (ein fantasievollerer und vor allem kolonialkritischer Plot hätten sich dies zumindest ausmalen können). Denn international war Nasser 1955 gemeinsam mit Tito aus Jugoslawien, Nehru aus Indien und Sukarno aus Indonesien (den 1965 ein blutiger CIA-Regimechange durch eine massenmörderische Militärdiktatur ersetzte) wichtige Gründungsfigur der überwiegend sozialistischen Bewegung der blockfreien Staaten. Auch hier hätte ein Philby-Plot viel neues Material gefunden, das allerdings kritische Schlaglichter auf Kolonialisten in Paris, London und Washington geworfen hätte. Die vorliegende Graphic Novel bleibt einfallslos bei einer weiteren Variation des alten Stoffs.

Hannes Sies

Pierre Boisserie & Christophe Gaultier: Kim Philby - Gentlemen, Spion, Verräter. Knesebeck Verlag 2021. 88 Seiten, ca. 32.00 SFr, ISBN 978-3-95728-489-1

Ergänzungen/Quellen



"I want him destroyed", sagte der britische Staatschef Anthony Eden über Ägyptens Präsident Nasser, nachdem dieser den Suezkanal verstaatlichte. https://de.wikipedia.org/wiki/Sueskrise#cite_note-8

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_Indonesien_1965%E2%80%931966

Am 13.2.1960 setzte General de Gaulle die erste französische Atombombe im Algerienkrieg ein, angeblich nur ein reiner Test. Dass diese furchtbare Waffe unter dem Codenamen Gerboise bleue in der algerischen Wüste von Reggane gezündet wurde, sollte vermutlich jedoch eine einschüchternde Wirkung auf die Freiheitskämpfer gegen die Kolonialdiktatur haben. https://fr.wikipedia.org/wiki/Gerboise_bleue

Um Philby ranken diverse wilde Gerüchte, etwa er sei vom MI6 umgedreht worden und habe ab 1963 für die Briten den KGB infiltriert. Ron Rosenbaum (10 July 1994) in The New York Times. Retrieved 17 February 2008. https://en.wikipedia.org/wiki/Kim_Philby#cite_note-NYTParanoia-3

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