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Petra Anwar: Geschichten vom Sterben | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Petra Anwar: Geschichten vom Sterben Das Sterben teilen

Belletristik

Beeindruckend erzählt Petra Anwar zwölf Geschichten vom Sterben, basierend auf ihrer Arbeit als Palliativmedizinerin in Berlin. Unterstützt hat sie dabei der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel.

Francisco Anzola
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Bild: Francisco Anzola (CC BY 2.0)

22. November 2016

22. 11. 2016

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Sie begleitet schwerkranke Menschen, die sich entschieden haben, zu Hause zu sterben, in der letzten Phase ihres Lebens. Diese Menschen, meist Krebspatient_innen, sind an einem so weit fortgeschrittenen Punkt ihrer Krankheit angelangt, an dem jede Heilung ausgeschlossen ist. Für sie geht es darum, den eigenen Tod in der Geborgenheit des vertrauten Umfelds, versorgt von nahestehenden Menschen, in Würde und Selbstbestimmung zu finden.

Die Ängste und Schmerzen der Betroffenen zu lindern und das soziale Umfeld darin zu unterstützen, diesen Weg mit dem geliebten Menschen gehen zu können, sind Petra Anwars Aufgaben. Sie kommt ihren Patient_innen dabei sehr nahe, entwickelt eine vertrauensvolle Beziehung, wird manchmal fast Familienmitglied. In feinfühliger und ehrlicher, geradezu schonungsloser Weise berichtet Petra Anwar von den gemeinsam verbrachten Wochen und Monaten, vom Fortschreiten der Krankheit, vom psychischen und physischen Ringen der oder des Kranken mit dem Tod, von Willensstärke, Lebenswillen, qualvollen Etappen, Wesensveränderungen, dem Sieg der Krankheit und dem letztendlichen Einlassen auf das eigene Sterben, dem Loslassen.

Mit Petra Anwar lernen auch die Leser_innen zwölf Menschen und ihr Umfeld kennen, dürfen – und müssen – an ihrem Sterben teilhaben. Im Mittelpunkt der Arbeit der Autorin steht immer das Individuum, dessen Loslassen vom Leben mit grossem Respekt und Einfühlungsvermögen geschildert wird. Zutiefst bewegend sind gerade die Momente, in denen die oder der Kranke keine Kraft mehr hat, um weiterzukämpfen und den Widerstand gegen das Sterben aufgibt. Tieftraurige Momente sind das, wenn alle Schutzwälle zusammenbrechen und der Sterbende gemeinsam mit seinen Vertrauten die Ausweglosigkeit des eigenen nahenden Todes beweint und die Endlichkeit seines Lebens schliesslich annehmen kann.

Der schlichte Titel „Geschichten vom Sterben“ vereinfacht den Zugang zu den furchtbaren und grausamen Seiten des Sterbens, vor denen man sonst lieber die Augen verschliesst. Er mildert letztlich jedoch nicht die Härte und den Schrecken der geschilderten Schicksale, von denen jedes einzigartig und dennoch Variante, Spielart einer universalmenschlichen Erfahrung ist. Wir begegnen der rüstigen Frau Troska, die trotz ihres übelriechenden, tumorzerfressenen Unterkiefers weiterhin alleine Strassenbahn fährt und einkaufen geht, der Krankenschwester Maike, die eine zwölf Kilo schwere Tumormasse im Bauch mit sich herumschleppt und unterwegs für schwanger gehalten wird, und Professor Nathusius, der, vom Prostatakrebs und dessen Tochtergeschwülsten gezeichnet, schliesslich den Schlaf verweigert und den Bezug zur Realität verliert, weil er seinen nahenden Tod nicht hinnehmen will. Oder Frau Weinzierl, die gemeinsam mit ihrem Mann unter grossen Qualen bis fast zuletzt alle Anzeichen von Krankheit und Tod aus der eleganten Wohnung fernhalten möchte und Pflegebett und Toilettenstuhl erst spät als Erleichterung annehmen kann. Und nicht zuletzt Frau Liskar, liebevoll gepflegt von ihrem Mann und am Ende ihres Lebens mit grossem Genuss in Kaffee getränkte Wattestäbchen aussaugend.

Die beschriebenen Sterbewege sind bewegende Beispiele dafür, dass der Tod nicht in anonymen Kliniken stattfinden muss. So schildert Petra Anwar in der letzten Geschichte den Tod ihres Vaters, dem im Endstadium seiner Krebserkrankung von ärztlicher Seite zu einer Chemotherapie geraten wird:

„Was sollte eine Chemotherapie nutzen? Es gab keine Chance auf Heilung, nicht einmal auf Besserung. Die Chemotherapie würde ihm nichts bringen. Therapie um der Therapie willen. Therapie, weil Ärzte keine Worte finden, wenn sie dem Tod gegenüberstehen. Therapie um der eigenen Ohnmacht zu begegnen, weil ein Arzt auch für sich selbst das Gefühl haben will, etwas getan zu haben. Therapie, weil es in unserer heutigen Zeit mit ihren grenzenlosen Möglichkeiten auch in medizinischen Belangen keine Grenzen mehr geben darf. Ich war wütend, als Tochter und als Medizinerin, wütend über die Angst, die aus alldem sprach: diese Angst davor, der Diagnose Krebs ins Auge zu sehen, die Angst vor der Kapitulation, der Ohnmacht und Endlichkeit, eine Angst die sich hinter Apparaten versteckte. Der Preis dieser Ängste ist für den Patienten sehr hoch: ein Leben in der medizinischen Maschinerie bis zum letzten Tag.“ (S. 199)

Dieses Buch von Petra Anwar und John von Düffel ist ein Plädoyer dafür, das Sterben als natürlichen Teil des Lebens anzunehmen und den Tod von Angehörigen und Vertrauten so weit wie möglich zu begleiten. Die Autorin wendet sich mit ihrer Arbeit gegen Tendenzen der gesellschaftlichen Entsolidarisierung und Separierung, sie arbeitet an und mit sozialen Strukturen. Sie unterstützt Menschen darin, Verantwortung für Sterbende zu übernehmen. Bereits der Film „Halt auf freier Strecke“ (Regie: Andreas Dresen, 2011), in dem sie sich selbst als Sterbebegleiterin eines Hirntumor-Patienten spielte, hat dieses Thema eindrücklich an die Öffentlichkeit getragen. Petra Anwar will Mut machen, Angst nehmen und Hemmschwellen abbauen. Ihrer Ansicht nach haben die meisten Menschen weniger Angst vor dem Tod selbst, als vielmehr vor dem Weg dorthin. Dass dieser Weg bewusst gemeinsam gegangen und gestaltet werden kann und sollte, ist das Kernanliegen ihrer Arbeit.

Ulrike Ehlert
kritisch-lesen.de

Petra Anwar, John von Düffel: Geschichten vom Sterben. Piper, München 2013. 237 Seiten, ca. 24 SFr., ISBN 978-3-492-05577-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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