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Buchrezensionen

Patrick Rotman: Die Seele in der Faust Geschichte zum Verzweifeln

Belletristik

Wie es gewesen sein könnte: Ein französischer Résistance-Krimi wirft Fragen über das Schreiben von Geschichte auf.

Deutsche Panzer auf dem Place de la Concorde, Juli 1941, Wehrmachtsparade vor Generalleutnant Schaumburg auf der Champs Elysée.
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Bild: Deutsche Panzer auf dem Place de la Concorde, Juli 1941, Wehrmachtsparade vor Generalleutnant Schaumburg auf der Champs Elysée. / Bundesarchiv, Bild 183-1985-1216-530 (CC BY-SA 3.0 cropped)

1. Dezember 2015

1. Dez. 2015

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„Die Seele in der Faust“ erzählt die Geschichte einer jüdisch-kommunistischen Résistance-Gruppe im von den Nazis besetzten Paris der Jahre 1942/43. Der erste Kriminalroman des französischen Regisseurs und Autors Patrick Rotman handelt aber auch von der Kollaboration der französischen Polizeibehörden mit dem deutschen Faschismus bei der Vernichtung des europäischen Judentums. Im Zentrum seiner mitreissend geschriebenen Geschichte steht schliesslich, wie so oft im düsteren Genre des „Roman Noir“, eine politische wie persönliche Niederlage.

Rotman strukturiert seinen Roman durch zwei miteinander wechselnde Handlungs- beziehungsweise Zeitebenen. Im Mittelpunkt stehen vor allem der 20-jährige Sascha Altenberg und seine Freund_innen Éva, Jules und Olga. Sie beschliessen, nach der Deportation ihrer Eltern den bewaffneten Kampf gegen die Deutschen aufzunehmen. Darum wissend, dass sie als Kommunist_innen und Jüd_innen in diesen Zeiten täglich vom Tod bedroht sind, wollen sie ihren Weg weiterhin selbst bestimmen. Die permanente Gefahr, die das Leben im Untergrund mit sich bringt, müssen sie durch strikte Disziplin, Planung und Kontrolle ausgleichen.

Die Geschichte Saschas wird durch mehrere Drehbuchsequenzen sowohl erzählt wie gebrochen, denn der Regisseur Patrick Versau (in dem man ein Alter Ego von Rotman sehen kann) versucht ein halbes Jahrhundert später einen Film über die damaligen Ereignisse zu produzieren. Er ist der Erzähler des Romans. Auf dieser zweiten Handlungsebene stehen Gespräche Versaus mit überlebenden Mitgliedern der Gruppe und Saschas jüngerem Bruder im Mittelpunkt. Dazu kommt der mysteriöse Polizist Rodier, der auf die Zerschlagung der Gruppe angesetzt war, nach dem Krieg aber trotzdem als Widerständler ausgezeichnet wird. Diese Interviews dienen der Rekonstruktion und Reflexion der Ereignisse und finden ihren Niederschlag im sich im Laufe des Romans entwickelnden Drehbuch über Saschas Leben.

Der Hintergrund einer solchen Romankonstruktion ist für Rotman – und so auch für den Film-Regisseur im Roman selbst – die Frage, wie überhaupt eine Geschichte dieser jüdischen Kommunist_innen dargestellt werden kann. Denn mit Ausnahme der Hauptperson Sascha sind ein Grossteil der Personen und der geschilderten Ereignisse real. Und auch über ihn schreibt Rotman, er sei „aus Teilen von zehn anderen Saschas zusammengesetzt“ (S. 190), womit selbst die fiktive Figur eine historische Wahrheit beanspruchen könnte. Dies bedeutet für Rotman, die Geschichte der Résistance-Mitglieder nicht nur als simplen Kampf der Guten gegen die Bösen darzustellen – wenngleich es auch ein solcher ist. Sondern er will „der Komplexität der Situationen, der Widersprüche der Menschen gerecht werden“ (S. 123), um ihren Kampf angemessen zu würdigen. Wie aber kann diese Komplexität sichtbar gemacht werden? Wie damit umgehen, dass die historischen Wahrheiten umkämpft sind?

In der Fiktionalisierung der Fiktion, der doppelten Struktur des Romans, findet Rotman eine Möglichkeit dafür. Das Drehbuch, das uns als Leser_innen ganz unmittelbar an Saschas Leben teilhaben lässt, ist der Versuch des Regisseurs, die unterschiedlichen Schilderungen und letztlich auch Lügen der Zeitzeugen kohärent zu machen. Wie ambitioniert ein solcher Versuch ist, wird im Laufe des Romans immer sichtbarer. Denn die Widersprüche unter den Zeitzeugen über das Leben Saschas werden immer deutlicher. Am Ende sieht sich der Erzähler Versau gezwungen, sein Filmprojekt für gescheitert zu erklären. Er hält es für unmöglich, Saschas Geschichte weder als Kitsch zu verklären noch die Hoffnung, die im Widerstandskampf seiner Organisation „Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée“ (FTP-MOI) liegt, zu relativieren.

Die Gruppe, denen die Widerstandskämpfer um Sascha angehören, entstand aus einem Beschluss der kommunistischen Internationale, der besagte, dass die nationalen kommunistischen Parteien auch ausländische Kommunist_innen aufnehmen dürfen. In Frankreich wurden diese in nach Sprachen geordneten Untersektionen aufgenommen. An dieser Praxis änderte auch das Verbot der französischen KP 1939 nichts. Für ausländische jüdische Kommunist_innen wurde dabei eine eigene, jiddisch sprechende Untersektion eröffnet: „Die Tatsache, dass die illegale Kommunistische Partei es ganz natürlich fand jüdische Mitglieder in einer jüdischen Gruppe zusammenzufassen, sagt viel über den Nationalismus dieser Partei aus“, so Elfriede Müller im Nachwort (S. 204). Der militärische Arm der FTP-MOI entstand 1941. In Paris verfügte dieser über eine eigene jüdische Abteilung, wobei im Laufe der Zeit die sprachlichen beziehungsweise nationalen Abgrenzungen nicht mehr strikt eingehalten wurden. In dieser „jüdischen“ Abteilung wurde ein Grossteil der Aktionen der Pariser MOI koordiniert, darunter die Erschiessung des SS-Offiziers Julius Ritter, dem Verantwortlichen für die Zwangsarbeit von Franzosen in Deutschland.

In Frankreich ist die MOI über ein tausendfach verbreitetes Propaganda-Plakat („l'affiche rouge“) der deutschen Besatzer im Gedächtnis geblieben, auf dem zehn verhaftete und hingerichtete (ausschliesslich männliche) Kämpfer der MOI porträtiert sind. Sie werden auf dem Plakat als „ausländische“ beziehungsweise „jüdische“ Terroristen“ dargestellt. So wird der (fehlgeschlagene) Versuch unternommen, die Résistance als „antifranzösisch“ darzustellen.

Für „Die Seele in der Faust“ gilt das gleiche wie auch für die anderen Bände der Reihe „Noir“, mit denen sich der Verlag Assoziation A ein Standbein für gesellschaftskritische französische „Krimiliteratur“ geschaffen hat: Es ist ein sehr lesenswerter Roman. Rotman schafft es, nicht nur ein aufregend plastisches Bild des antifaschistischen Widerstands in Paris zu erzeugen, sondern nebenbei auch Fragen nach der Darstellung und Vermittlung von Geschichte zu stellen. Zu loben ist neben dem Roman selbst aber auch das informative Nachwort der Übersetzerin und Herausgeberin Elfriede Müller über die „Literatur und Geschichtsschreibung der FTP-MOI“. Wer anschliessend gleich noch mehr über den Widerstandskampf der MOI lesen will, kann übrigens zum ebenfalls im Verlag erschienenen Roman des Toulouser MOI-Mitglieds Claude Levys („Die Parias der Resistance“) greifen.

Markus Baumgartner / kritisch-lesen.de

Patrick Rotman: Die Seele in der Faust. Roman. Assoziation A, Berlin 2010. 214 Seiten, 21 SFr., ISBN 978-3-935936-89-7

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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