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Nick Drnaso: Sabrina | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Nick Drnaso: Sabrina Vereinsamte Knetfiguren

Belletristik

Die Graphic Novel zeigt uns eine karge Welt, in der sich Verschwörungsmythen entfalten können.

Der amerikanische Comicautor Nick Drnaso am Internationalen Comicfestival in Angoulême, Januar 2018.
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Bild: Der amerikanische Comicautor Nick Drnaso am Internationalen Comicfestival in Angoulême, Januar 2018. / Selbymay (CC BY-SA 4.0 cropped)

22. November 2020

22. 11. 2020

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In Sabrina finden wir eine Welt vor, die kaum heiter stimmt. Alles wird im Comic vom Mord an der Frau überschattet, von der man selbst nur auf den ersten Seiten einen Blick erhaschen kann. Sabrina und ihre Schwester Sandra planen noch einen Urlaub, zu dem es nie kommen soll. Recht zweideutig schwärmt Sabrina noch: „Mal raus aus der Stadt, weg vom Internet“ (S. 8).

Irgendwo im Nirgendwo

Nick Drnasos Comicfiguren sind hilflos, verletzt und allein. Hauptfigur Calvin Wrobel ist Überwachungstechniker auf einer Basis der Air Force irgendwo in Colorado. Sein Haus scheint leblos, seine Beziehung ist gescheitert und der Kontakt zur Tochter in der Ferne beschränkt sich auf seltene Anrufe, die die Bezeichnung Gespräch nicht verdienen. Calvin nimmt seinen alten Schulfreund Teddy bei sich auf. Sein Freund, der eigentlich Ted heisst, war der Freund Sabrinas und steckt – bei Calvin im Nirgendwo von Colorado angekommen – längst in einer Depression.

Er verlässt sein Zimmer nicht mehr, lebt nur noch vor sich hin und gibt sich den Verschwörungsmythen eines Infowarriors hin. Mitunter tönt dessen Stimme mehrere Comic-Seiten lang aus dem Radio heraus. Dann überlässt uns Drnaso wiederum seitenlang der Stille seiner Bilder und damit auch den unausgesprochenen Psychosen der US-amerikanischen Gesellschaft. Was in den Köpfen der Menschen passiert, erfährt man nur indirekt. Das ist alles extrem beklemmend und fasziniert gerade deshalb in der Lektüre.

Welt der sprechenden Bildschirme

Das reale Leben – und besonders das von Calvin – scheint in seiner Abgeschiedenheit erst mal ziemlich befreit von sämtlichen Verschwörungsmythen zu sein. Als jedoch ein Video vom Mord an Sabrina online auftaucht und millionenfach geladen wird, formiert sich ein virtueller Mob, der das Gewaltverbrechen mit herbeiphantasierten Theorien hinterfragt. Anonyme User äussern Zweifel an der „offiziellen Version“.

Es entsteht in den sozialen Medien ein Raum mit eigener Logik, die die Realität und besonders die Angehörigen sowie Calvin als Mitverschwörer des Militärs angreift. Auch in der Radiosendung des namenlosen Informationskriegers hört Teddy: „Ich bin ganz offen. Ich glaube nicht eine Sekunde lang daran, dass Sabrina Gallo von Timmy Yancey ermordet wurde. [...] Vielleicht lebt sie und wird irgendwo gefangen gehalten. Oder sie ist eine Schauspielerin mit Gesichtsmaske.“ (S. 117) Verschwörungsmythen und falsche Anschuldigungen, dass hinter dem Snuff-Video nur Globalist*innen oder das Militär stecken, prasseln über sprechende Oberflächen in die Welt von Calvin Wrobel.

Die Hasskommentare und Drohmails erreichen die Protagonist*innen in Sabrina mit einer solchen Direktheit, dass man die Gewalt darin erst auf den zweiten Blick spürt. Fake News und Trolle, aber auch die Verantwortung für Teddy lassen Calvin nachts nicht schlafen. Er flüchtet sich dann in Ego-Shooter-Spiele oder in Urlaubsfotos aus vergangenen Zeiten. Soziale Interaktionen sind auf ihr Minimum reduziert. Nur über den regelmässig auszufüllenden medizinischen Fragebogen der Air Force Basis erfährt man direkt etwas über Calvins psychischen Zustand.

Die „dunkle Macht“ des Patriarchats

Die Angehörigen des Opfers und auch Calvin werden vom Ansturm von Zweifel, Hass und Empathielosigkeit langsam zermartert. Sabrinas Schwester Sandra wird bedroht. Nach dem Verbrechen wird sie nun durch den virtuellen Raum retraumatisiert. Um Sabrina selbst geht es schon lange nicht mehr. Drnasos Comic ist dabei nicht nur ein subtiles Lehrstück über die Gefahr und Gewalt, die von Fake News und Verschwörungsmythen ausgehen. Er zeigt auch das misogyne Amerika.

Sabrinas Schwester berichtet im Comic von einem Trip nach Panama City Beach, der für sie beinahe mit einer Vergewaltigung endete. Der Mord an Sabrina wird kleingeredet oder in seiner offiziellen Version angezweifelt. Das, obwohl man weiss, dass der Täter in Foren für Männerrechte, Bodybuilding und theoretische Physik diskutierte und dort mit aggressiven Kommentaren auffiel. Den krudesten Verschwörungsmythen wird Glauben geschenkt, doch gegen den Frauenhass dieser Welt steht im Comic niemand auf. Ein Maskulinist wird so durch Verschwörungsmythen entlastet und freigesprochen. Sie tragen zur Verschleierung der wirklichen Ungerechtigkeiten bei.

Allein auf weiter Flur

Ein Gefühl der Euphorie stellt sich bei der Lektüre von Sabrina nicht ein. Alles geht seinen gewohnten Gang. Es sind allein die Vorfälle um das Verschwinden Sabrinas, die die Welt der Protagonist*innen ins Wanken bringen. Dieses erzählerische Nebeneinander setzt Drnaso in seinem Comic formvollendet um. Ein Minimum an Mimik und Gestik lässt die Menschen wie Knetfiguren erscheinen, die nur über Knopfaugen und kleine Schlitze als Münder verfügen.

Alle Farben in Sabrina sind gedämpft, es herrscht eine trostlose Stimmung. Drnaso treibt mit seinem Stil die Ligne claire (ein Zeichenstil der klaren Linien ohne Schraffuren) an ihr Äusserstes. Kein Bild sticht heraus und nur wenige Szenen wagen ihren Rahmen zu verlassen - genau wie die Charaktere selbst. Es herrscht der Alltag. Besser als durch seine Ästhetik des Fluchtpunkts mit all den kargen Zimmern und leeren Strassen könnte Drnaso die gedrückte Stimmung, Ausweglosigkeit und Ohnmacht der Menschen nicht ausdrücken. In ähnlicher Weise hat die Story des Comics einen Fluchtpunkt und man ahnt schon beim Lesen ein jähes Ende für die Figuren. Auch die Sprache kommt in der deutschen Übersetzung von Karen Köhler und Daniel Beskos ohne Ausschmückungen daher. Zugleich verraten die Sprechblasen trotz der Textdichte nie zu viel.

Drnaso hält fest, was Menschen heutzutage noch ein Leben nennen und wie selbst das durch das Getöse von Verschwörungsmythen durcheinandergewirbelt werden kann. Man kann Sabrina als Psychogramm der US-amerikanischen Gesellschaft nach den Anschlägen des 11. September lesen. Von einer Traurigkeit fehlt beinahe schon jede Spur, denn der Comic zeigt vielmehr einen Zustand der kollektiven Leere und Entfremdung nach dem Schock. An dieser Stelle Drnaso Gesellschaftsanalyse in Form eines Comics zu unterstellen, wäre übertrieben. Trotzdem erscheinen die Lebensrealitäten hinter den Comicgittern erschreckend wirklich. Es entsteht ein Lesegefühl, das einen das Buch nicht weglegen und doch verzweifeln lässt angesichts seiner Hoffnungslosigkeit.

Thore Freitag
kritisch-lesen.de

Nick Drnaso: Sabrina. Übersetzt von: Karen Köhler und Daniel Beskos. Blumenbar Verlag, Berlin 2019. 208 Seiten. ca. 31.00 SFr, ISBN 978-3351050719

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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