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Naomi Alderman: Die Gabe | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Naomi Alderman: Die Gabe Elektrisiert

Belletristik

Frauen drehen den Spiess um und übernehmen die Macht: aggressiv und gewalttätig.

13. August 2019

13. Aug. 2019

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Was passiert, wenn Machtverhältnisse sich verschieben? Welche Auswirkungen kann dies auf Rechtsprechung, Geschlechterverhältnisse, Religion, Geschichtsschreibung und auf das Erwachsenwerden haben? Einen besonders radikalen Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse beschreibt Naomi Alderman in ihrem Roman „Die Gabe“. Dabei lässt sie die Leser*innen aus den verschiedensten Perspektiven – weiblich und männlich, jung und alt, reich genauso wie arm – auf das Geschehen blicken.

Rund um die Erde entdecken junge Frauen plötzlich eine ganz besondere Kraft in sich. Sie spüren Elektrizität in sich fliessen und können diese kontrolliert abgeben. Vom erregenden Knistern bis zum tödlichen Schlag ist alles möglich. Immer mehr von ihnen können diese Gabe in sich wecken und sie sogar in den Älteren entfachen. Die Gabe – sie wird zum Symbol der Weiblichkeit und sorgt damit für ein gestärktes Zusammengehörigkeitsgefühl. Dies erzeugt allerdings enormen gesellschaftlichen Druck. Menschen mit geringer oder gar keiner Kraft werden diskriminiert. Wertvorstellungen wandeln sich. Männer werden zum „schwachen Geschlecht“.

„Die Kraft sucht ein Ventil“

„Es war, als wäre man Teil einer Welle. […] Ein Sprühnebel aus dem Meer ist kraftvoll, jedoch nur einen Moment lang, dann trocknet die Sonne alles. So war es bei uns.“ (S. 184)

Am Anfang der Geschichte findet man sich in einer Welt wieder, die unserer gleicht. Doch dann spüren immer mehr Frauen die Gabe in sich und beginnen, diese zu nutzen und gegen das Patriachat aufzubegehren. Aus dem spielerischen Umgang mit der neuen Kraft wird erst ein leichter Hauch von Revolte, dann ein Sturm, ein Umsturz. Sie versammeln sich, demonstrieren und wehren sich gegen sexuelle Belästigung, gegen Zwangsprostitution, gegen Unterdrückung und mangelnde Wertschätzung. Mit ihrer Gabe können sie Lichter löschen und Autos explodieren lassen, aber auch Schmerzen zufügen, töten und in Einzelfällen die Kontrolle über andere Körper übernehmen. „Diesmal wehrten sie sich. Ein Dutzend Frauen wurde zu hundert. Hundert Frauen zu tausend. […] Plötzlich erkannten sie alle gemeinsam ihre Kraft“ (S. 77). Frauen und Mädchen trainieren ihre Kraft, Gott wird weiblich, und es wird ein neuer Staatgegründet, dessen skrupellose Präsidentin sich unter religiöser Fahne mit einer Armee von Soldatinnen gegen nationale Grenzen auflehnt und Rechte von Männern massiv einschränkt. Alles scheint auf einen grossen Umbruch hinzustreben, auf eine Welt, in der Frauen sich behaupten und gegen die alte Ordnung kämpfen. Aber ist das Neue wirklich neu?

In mehreren Zeitsprüngen wird die zehnjährige Entwicklung nachverfolgt. Was die Kraft, die Angst und Verzweiflung in Wut verwandelte, entfesselte, wird im Folgenden immer unkontrollierbarer. Sie wird nicht zum Ausgleich des Machtgefälles zwischen den Geschlechtern genutzt, sondern dreht dieses radikal um. Stärke führt hier zu Macht, Macht zu Gier und Gier zu Gewalt. Durch diese Art von Rausch kommt es überall zu Erniedrigungen und Vergewaltigungen von Männern sowie zu regelrechten Massakern. Und diese Radikalität wird von vielen Frauen gewünscht. Eine beschreibt es wie folgt: „Nur ein Tsunami verändert etwas. Man muss die Häuser abreissen und das Land zerstören, wenn man sichergehen will, dass einen niemand vergisst.“ (S. 184)

Dystopie oder Realität?

Die Ereignisse im Roman überschlagen sich geradezu. Durch die Zeitsprünge und die vielen Perspektivwechsel fällt es schwer, eine Beziehung zu den einzelnen Figuren aufzubauen. Es bleibt auf eine gewisse Weise oberflächlich. Zudem wird zwar die männliche Dominanz hinterfragt, aber nicht das Prinzip, welches dahintersteht. Nämlich das ‚Recht des (körperlich) Stärkeren‘. Die Frauen können nur durch ihre physische Überlegenheit an die Macht gelangen. Kann man hier noch von einer feministischen Dystopie sprechen?

Wahrscheinlich nicht. Aber in dieser Schwäche liegt auf eine gewisse Weise auch die Stärke des Romans. Schlaglichtartig werden den Leser*innen die zahlreichen Probleme von Machtungleichheit aufgezeigt. Die fiktive Welt scheint brutal und dystopisch. Bei diesem Gedanken wird einem jedoch schnell die Paradoxie des eigenen Denkens bewusst. Warum erscheinen einem die Schilderungen grausam? Die Ereignisse finden in der eigenen Welt doch genauso statt, nur spiegelverkehrt.

Naomi Alderman hat mit „Die Gabe“ ein Buch geschrieben, welches uns nicht nur eine mögliche Zukunft, sondern eigentlich unsere Gegenwart aufzeigt. Eine Dystopie, die man mit 15 Jahren genauso lesen kann wie mit 60. Ein Roman, der uns den Spiegel vorhält.

Hanna Komischke
kritisch-lesen.de

Naomi Alderman: Die Gabe. Heyne, München 2018. 480 Seiten. ca. 22.00 SFr, ISBN 978-3453319110

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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