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Nachruf auf Lawrence Ferlinghetti | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Porträt eines Künstlers Nachruf auf Lawrence Ferlinghetti

Belletristik

Der US-amerikanische Dichter, Buchhändler, Verleger, Maler und philosophische Anarchist Lawrence Ferlinghetti feierte am 24. März 2019 seinen 100. Geburtstag.

Lawrence Ferlinghetti im Caffe Trieste in San Francisco, Juli 2012.
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Bild: Lawrence Ferlinghetti im Caffe Trieste in San Francisco, Juli 2012. / Cmichel67 (CC BY-SA 4.0 cropped)

11. August 2021
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Pünktlich zum Hundertsten erschien sein neues Buch Little Boy nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande im Verlag Schöffling & Co., grossartig aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Ron Winkler.

Das Werk, an dem Ferlinghetti zwanzig Jahre lang arbeitete, wird als »Roman« etikettiert. Doch dieses Etikett ist Schwindel. Gegenüber der New York Times erklärte Ferlinghetti, Little Boy sei kein autobiographischer Roman, er handele vielmehr von einem »imaginary me«. Im Buch heisst es: »(…) es ist das Porträt des Künstlers als alter Mann und ist noch immer die alte Story des Jünglings der sein Heim verlässt und seine Mutter seinen Vater seine Brüder seine Schwestern um seinen eigenen Pfad der Einsamkeit zu finden in einer Welt nach eigener Vorstellung die nicht notwendig die Welt ist wie sie wirklich existiert und also mitten hinein ins Blaue (…)«

Oder anders formuliert: Ferlinghetti hat seine »Vergangenheit in Form von Diebstahl und Anspielung zusammengefasst« und lässt das 20. Jahrhundert Revue passieren, fast durchgängig ohne Punkt und Komma, und er wäre nicht der, der er ist, hielte er sich an eine Chronologie oder folgte er einem Plot, geht es doch darum, ein »neues Genre [zu] finden (…) etwas das sich nicht beschreiben lässt (…) Und die alten Erinnerungen allesamt verloren und spinnerte Ideen als wäre man Knapp beim Aufnehmen seines letzten Bands und mir bringt das nichts (…) das einzige Detail des eigenen Plots dem ich bisher begegnet bin ist dass ich um Nanosekunden älter werde Nacht und Tag.«

Quasi programmatisch formuliert »diese weitere Ausführung von Mittelmassamerika« (Ferlinghetti über Ferlinghetti): »…jeder Augenblick ein neuer Anfang und der Weg nach vorne ist der Weg zurück und um dort anzukommen wo du nicht bist musst du auf eine Weise gehen wie du nie warst und lass mal die schönen alten Phrasen.«

Man möge ihn einfach seinem »Labern« überlassen, »um dich beim munteren Gemetzel des Lebens wachzuhalten wie man es heute lebt sobald der Morgen dämmert und die Welt fortfährt Träume zu ersticken.« Der Autor bekennt, dass er keine Ahnung hat, »wohin ihn seine Füsse tragen oder enden lassen ganz so wie das Leben selbst und falls Kunst wirklich dafür gedacht ist das Leben zu imitieren bleibt uns ein Meisterwerk die Vergangenheit ein Haufen kaputter Bilder und die Zukunft ein infinites Niemandsland wo unberührte Utopien aus purer Anarchie geboren werden.«

Der kleine Lawrence, geboren in Brooklyn, wurde einst von seiner überforderten Mutter an Tante Emilie weitergereicht, nach Frankreich und »in ein Waisenhaus in Chapaqua nördlich von New York, weil sie kein Geld hatte«, zu dieser Familie, in jenes Internat, schliesslich zum Militär. Als Soldat kämpfte er gegen Nazideutschland, gelangte mit den US-Landungstruppen in die Normandie. Nach dem Krieg studierte Ferlinghetti in Paris, wo Sartre ihn bei einer zufälligen Begegnung von einem Kellner aus der Brasserie Lipp exmittieren liess. Der Rausgeworfene begibt sich zu seinem »Loch von Zimmer in Montparnasse (…) wo ein kalter Pot-au-feu als Dinner auf mich wartet und ich stell mir vor wie Monsieur Sartres Blick mir folgt durch seine dicken Brillengläser von denen ich immer angenommen habe dass er überhaupt nichts von der realen Welt erkennen kann haha.«

Irgendwann fand Ferlinghetti dann zur Dichtung: »Rimbaud war ich und Apollinaire war ich und Baudelaire war ich und Villon war ich und ich war alle durchgeknallten streunenden zerlumpten Dichter zusammengerollt in einen Schlaf unter den Brücken dieser Welt.« Durch Little Boy geistern nicht nur diese französischen Dichter, sondern neben den amerikanischen Beatpoeten auch »Old Walt und Old Ez« (Walt Whitman und Ezra Pound) wie auch »Jimmy Joyce«, vor dem er sich schon in seinem Gedichtband A Far Rockaway of the Heart (1997) verbeugt hatte, und »Tea Ass Eliot«, dessen Einfluss auf Ferlinghetti unübersehbar ist, doch entlehnt der Themen, Ton und Phrasierung dem Alltag.

In San Francisco eröffnete Ferlinghetti den heute noch existierenden City Lights Bookstore, den er bald um einen Verlag ergänzte. City Lights wurde zum Treffpunkt der Beat Poets. Ferlinghetti verlegte 1956 Allen Ginsbergs Buch Howl and other poems. 1957 beschlagnahmte die Polizei 520 Exemplare dieses Buches, und gegen Ferlinghetti wurde Anklage erhoben.

Insbesondere die Zeile »who let themselves be fucked in the ass by saintly motorcyclists, and screamed with joy«1 sah man bei Gericht als obszön an. Nach der Anhörung mehrerer Literaturwissenschaftler sprach das Gericht Ferlinghetti allerdings frei und billigte dem Gedicht ›Howl‹ eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung zu. Durch den Prozess, über den landesweit berichtet wurde, gewannen das Gedicht, der Autor sowie der Verleger grosse Bekanntheit.

1958 erschien Ferlinghettis vielbeachteter Gedichtband A Coney Island of the Mind. Seitdem sind mehr als dreissig weitere Bücher von Ferlinghetti erschienen. »…der Wahn des Dichters immer wieder neu geboren aus der Asche, heisst es in Little Boy, »[e]ndlos das Warten auf Gott und auf Godots absurdes Handeln absurde Absichten und Schriften Dilemmas und Diffizilitäten Absurd das Warten ohne Handeln in Bezug auf das Verblühen des Krieges und das Verblühen des Staates.« Gott? Mein Gott, nein, ein paar Seiten später lesen wir: »Oh Vater unser der du im Himmel isst Zerteiligt werde Dein Name Dein Reich komme und gehe Dein Wille verwehe Hier auf Erden die kein Himmel ist nur Agonie aus Klimakollaps oder -katastrophe…« Nachdem der Allmächtige zerteiligt ist, ergeht die Aufforderung: »Ignoriere die Regierung Entlasse die Armee Tritt den Pazifisten bei Erschliesse dir den Anarchismus Widerstehe und entziehe dich!«

Jürgen Schneider
telegraph.cc

[1] In der Übersetzung von Carl Weissner: »…die sich von Motorrad-Engeln in den Arsch ficken liessen und schrien vor Lust.« Siehe ›Das Geheul‹ in der formidablen Ausgabe: Allen Ginsberg, Howl/Geheul. – Hamburg: Edition Michael Kellner, 1998, S. 16.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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