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Mithu M. Sanyal: Identitti | Untergrund-Blättle

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Mithu M. Sanyal: Identitti Racial drag

Belletristik

Kulturelle Aneignung oder Empowerment? Eine weisse Professorin gibt sich als Person of Color aus und wird enttarnt – mit Folgen.

Mithu Sanyal, Oktober 2016.
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Mithu Sanyal, Oktober 2016. Foto: Animagus (CC BY-SA 4.0 cropped)

4. März 2022
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Aufregung an der Düsseldorfer Universität: Saraswati, renommierte Professorin für Postkoloniale Theorie und Postkoloniale Soziologie, ist gar keine Person of Color, sondern weiss. Jahrelang hat die charismatische und kontroverse Expertin für Identitätsfragen der Öffentlichkeit etwas vorgespielt. Saraswati heisst in Wahrheit Sarah Vera Thielmann und hat sich mit Operationen und anderen Hilfsmitteln eine PoC-Identität zugelegt. Und zwar in der vollen Überzeugung, das Richtige zu tun. Ihre Enttarnung löst nicht nur einen handfesten Skandal aus, sondern provoziert ganz grundsätzliche Debatten: „Kann ein Mensch sich aussuchen, weiss, of Color oder Schwarz zu sein? Kann die individuelle Antwort eines Menschen hinsichtlich seiner Identität als richtig oder falsch bewertet werden? Und allem voran steht die Frage: Wer hat darüber die Deutungshoheit?“ (S. 360)

Um diese Fragen geht es in Mithu Sanyals „Identitti“. Mit ihrem Debütroman hat die 1971 geborene Autorin, die bislang mit Sachbüchern hervorgetreten ist („Vulva. Das unsichtbare Geschlecht“, 2009; „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“, 2016), offensichtlich einen Nerv getroffen: Bereits wenige Monate nach seinem Erscheinen liegt der Text in neunter Auflage vor („Spiegel-Bestseller“) und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zu Recht, denn „Identitti“ stösst Debatten an, die die deutschsprachige Literaturlandschaft gut gebrauchen kann.

Das Thema erinnert vage an Philip Roths grossen Roman „Der menschliche Makel“ (2000), in dem der Universitätsprofessor Coleman Silk, der seine Schwarze Herkunft verschleiert und sich als weisser Jude ausgibt, nach Rassismus-Vorwürfen vor dem Karriere-Aus steht. Der Vergleich trägt aber nur bis zu einem gewissen Grad, wobei der offensichtlichste Unterschied darin besteht, dass das Skandalon in „Identitti“ nicht in einer Transformation von Schwarz nach weiss, sondern von weiss nach PoC besteht. Ein weiterer wichtiger Unterschied: Sanyal konzentriert ihre Geschichte gänzlich auf weibliche Hauptfiguren. Neben Saraswati ist das Nivedita, die Vorzeigestudentin Saraswatis und Titelheldin des Romans.

„Ich“ und die anderen

Nivedita verehrt Saraswati, hat alles von ihr gelesen, jedes ihrer Seminare besucht und Saraswatis Standardwerk „Decolonize your Soul“ quasi inhaliert. ‚Identitti‘ ist das eloquente Social-Media-Ich, unter dem Nivedita bloggt und twittert, mal nachdenklich und poetisch, mal witzig und provokant, immer politisch. Wie das Pseudonym schon anzeigt, geht es dabei um Fragen der Identität – Fragen, mit denen Nivedita als Tochter einer weissen Mutter und eines indischen Vaters hadert und zu denen sie bei Saraswati bislang Antworten zu bekommen glaubte.

Neben ihrem virtuellen Ich hat Nivedita noch einige andere ‚Ichs‘, und es ist mitreissend, zu lesen, auf welche Weise diese sich im Roman manifestieren und wie sie interagieren, auch in Konflikt zueinander treten. Neben der schillernden Identitti sind da noch Niveditas zweifelndes Beziehungs- und ihr unsicheres Tochter-Ich, denen es schwer fällt, sich in der zermürbenden Beziehung zum On/Off-Freund Simon zu behaupten oder den eigenen Platz zwischen den beiden Elternteilen auszuloten. Da ist ausserdem die indische Göttin Kali, einer Art grenzüberschreitend-fantastisches Alter Ego, mit dem Nivedita ausgedehnte innere Dialoge führt. Vor allem aber ist da Saraswati, deren Seminare Nivedita „nicht nur realer, sondern auch indischer gemacht hatten“ (S. 339).

Vorbild und role model, Lehrerin und Mentorin, Ersatzmutter und Freundin, nicht zuletzt Projektionsfläche der eigenen Wünsche – Saraswati ist für Nivedita mehr als nur eine Universitätsprofessorin. Die Ent-Täuschung von Saraswatis wahrer Herkunft geht mit einer persönlichen Enttäuschung einher, die Nivedita in den Grundfesten ihres Selbst erschüttert:

„Sie musste ihren Dämonen ins Gesicht sehen. Und ihre Dämonin war Saraswati. Beim Wort Dämonin drückte ihre Hand wie ferngesteuert auf die Klingel, dachte Nivedita. Bis sie ihren Blog begonnen hatte, war es für Nivedita unmöglich gewesen, Ich zu sagen und sich selbst zu meinen. Ich, das waren, als sie ein Kind war, kleine weisse Mädchen und nochmal deutlich häufiger kleine weisse Jungen – also alles, was nicht sie war. Manchmal verirrte sich ein Kind mit ihrer Hautfarbe in ihre Kinderbücher, wie Gussel, der verweichlichte südländische Prinz, der in „Der Zirkus der Abenteuer“ von den mutigen Enid-Blyton-Kindern gerettet werden musste […]. Doch so oder so war keiner von ihnen Ich. Sie waren Er, Sie und Sie, und also war auch Nivedita in ihrem eigenen Kopf immerzu nur eine Sie.“ (S. 89)

Die Beziehung zwischen Saraswati und Nivedität ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, mit dem Mithu Sanyal das Persönliche und das Politische auf unauflösliche Weise verschränkt. Indem Sanyal die Enttarnung direkt zu Beginn des Romans ansetzt und nicht etwa als Höhepunkt an das Ende, gelingt es, den Fokus auf die Folgen zu legen, die sich daraus vor allem für Nivedita ergeben. Ist alles, was sie von Saraswati gelernt hat, falsch? Sind die Thesen ihrer Bücher weniger relevant, weil sie von einer weissen Person stammen? Was hat Saraswatis Weisssein mit ihrer eigenen mixed race zu tun?

Nivedita will Antworten und macht sich auf den Weg zu Saraswati. Während sich in den Sozialen Netzwerken die Shitstorms überschlagen und sich auf den Strassen Protestzüge gegen Saraswati formieren, spielt sich ein Grossteil der Auseinandersetzung in einer kleinen Professorinnen-Wohnung in Oberbilk ab, wo es erstaunlich handlungsarm, dafür aber sehr gesprächsintensiv zugeht.

Race als Schicksal?

Saraswati zeigt keinerlei Reue, ganz im Gegenteil: „Was ich gemacht habe, ist mehr, als nur zu unterrichten – ich habe bewiesen, dass Nicht-Weisssein kulturelles Kapital geworden ist. Das ist ein Zeichen für unseren Erfolg.“ (S. 305) Mit ‚uns‘ sind People of Color gemeint, zu denen sich Saraswati weiterhin rechnet. Ihr Vorgehen bezeichnet sie als „racial drag“ (S. 200), ihre Identität als „postracial“ (S. 243).

„Ich bin eine race-Terroristin! Ich führe die Authentizität der Raster ad absurdum. Ich sprenge sie und baue aus ihren Splittern eine neue Welt, in der race etwas ist, was wir geniessen dürfen, mit dem wir spielen können, das uns eben nicht schicksalhaft bestimmt.“ (S. 245)

Gegen all das lassen sich natürlich Einwände erheben. Und sie werden im Roman auch erhoben: Blackfacing, kulturelle Aneignung, white supremacy – „Identitti“ bietet einen Schnelldurchlauf durch die Diskriminierungskategorien postkolonialer Debatten und aktueller Diskurse. Das Schöne daran: Das Ganze wird eben nicht vor US-amerikanischem Hintergrund und akademischer Ivy League durchgespielt (siehe Philip Roth), sondern in einem sehr deutschen Kontext verortet. Immer wieder geht es dabei auch um die Bedeutung, die das Abgestossensein vom eigenen Weisssein hat – Aspekte, die Nivedita, die sich beim Spielen mit indischen Kindern als „Coconut“ bezeichnen lassen musste und die insgeheim neidisch auf ihre Cousine Priti ist, die viel ‚indischer‘ ist als sie selbst, auch persönlich betreffen.

Überdeutlich wird dabei Sanyals Bestreben, mit Saraswati eine widersprüchliche Figur zu entwerfen, die nicht ganz positiv, aber auch nicht völlig unsympathisch ist und die Leser:innen ebenso zur Abgrenzung wie zum Weiterdenken auffordert. Unter dem fast schon übertriebenen Mass an Ambivalenz, das Saraswati zugewiesen wird, leidet allerdings die Plausibilität der Figur: analytische Brillianz und enzyklopädisches Wissen mischen sich mit völliger Verblendung und Selbstverkennung, überbordende Empathie trifft auf ein an Arroganz grenzendes Selbstbewusstsein.

Überzeugender ist demgegenüber die Entwicklung von „Identitti“ beziehungsweise Nivedita, deren Geschichte viele originelle, berührende, aufrüttelnde und fesselnde Momente bereithält. Dazu zählt beispielsweise die mediale und diskursive Dimension des Romans, der sich aus verschiedensten Textsorten zusammensetzt und neben fiktiven Blogeinträgen auch „Seminarnotizen“ sowie etliche intertextuelle Verweise auf Klassiker der Postcolonial Studies enthält.

Hinzu kommen zahlreiche in den Romanverlauf eingeblockte Tweets, die zum Teil an die medialen Reaktionen auf faktische Fälle angelehnt sind (etwa auf Rachel Dolezals Debunking 2015), zum Teil aber auch von Zeitgenoss:innen eigens für den Roman verfasst wurden, wie man im Nachwort nachlesen kann. Ebenso vielschichtig und hybrid wie Identität ist also auch der vielstimmige Text, der Fakt und Fiktion, Privates und Politisches, analoge und digitale Welt sowie Theorie und Alltag geschickt miteinander verquickt und dabei wie im Vorbeigehen noch die Diskursdynamiken sozialer Medien sowie die Ordnung moderner Wissensbestände reflektiert.

Hörsaal-Atmosphäre

Der mit knapp 430 Seiten recht stattliche Roman hat aber auch ein paar Längen. Stellenweise mutet „Identitti“ wie ein fiktionalisierter Seminar-Reader an (ein Eindruck, der durch „Saraswatis Literaturliste“, die als Anhang beigefügt ist, noch verstärkt wird). In den ausgedehnten (und manchmal arg überfrachteten) Diskussionen kommt mitunter Hörsaal-Atmosphäre auf. Als Anregung zur Vertiefung des eigenen Wissens ist das grossartig, allerdings geht die Tendenz zur Diskursivierung bei der Lektüre mitunter auf Kosten der literarischen Subtilität, da alles explizit ausgesprochen, erklärt, analysiert und reflektiert wird. Vor allem Saraswati wird als literarischer Figur viel (vielleicht zu viel) zugemutet. Der Versuch, ihre Transformation zur PoC überdies mit einem unbearbeiteten Familienkonflikt in Verbindung zu bringen, der im zweiten Teil des Romans viel Raum einnimmt, lässt den Text an ein, zwei Stellen haarscharf am Melodramatischen vorbeischrammen.

Macht aber nichts. Besser einmal zu oft in die Vollen gehen, als mit angezogener Handbremse die Schlaglöcher aktueller identitätspolitischer Debatten umfahren. Mit „Identitti“ hat Mithu Sanyal zweifellos einen rasanten, reichhaltigen und kontroversen Roman geschrieben, der nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert, umstritten und weitergedacht werden will.

Stephanie Bremerich
kritisch-lesen.de

Mithu M. Sanyal: Identitti. Hanser Literatur, Berlin 2021. 432 Seiten, ca. 27.00 SFr. ISBN 978-3-446-26921-7

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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