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Martin Walser: Angstblüte | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Ein beachtliches Experiment Martin Walser: Angstblüte

Belletristik

Auf den Spuren Balzacs, Zolas und Tom Wolfes dringt Walser in die Seele des Geldmenschen ein, der allen Ernstes glaubt, das Geld schaffe den Wert.

Martin Walser, Frankfurter Buchmesse 2013.
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Bild: Martin Walser, Frankfurter Buchmesse 2013. / Lesekreis (PD)

30. März 2016

30. Mär. 2016

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In seinen besten Romanen wie “Jenseits der Liebe” und “Seelengefährt” war Martin Walser der Dichter der badisch-schwäbischen Kleinstadt gewesen, überhaupt der versunkenen Welt des einzelnen Ortes, der sich gegen die Riesenmühle der gleichmacherischen Wertmaschine zu wehren versucht, ihr aber am Ende unweigerlich erliegt. Irgendwann muss ihn in den achtziger Jahren die Vorstellung gepackt haben, wenn man all die kleinen Orte wie einen Fleckenteppich zusammenlege, dann ergebe sich aus dem vielen Kleinen das eine Grosse: Deutschland.

In zahllosen Essays hatte er zuvor unwiderlegbar gezeigt, dass Robert Walser nicht ohne Bern, Wilhelm Raabe nicht ohne die norddeutsche Tiefebene, Storm nicht ohne Husum, Hölderlin nicht ohne ein Tübingen mit fernem Blick aufs Gebirge zu haben war. Aus dem richtigen Gedanken, dass wirklich ein Kant nur in einem Königsberg entstehen konnte, das zugleich meeroffen und dichtestens abgeschlossen war, Kafka nur in Prag, Nestroy in Wien folgerte er im wütendsten Kurzschluss, dann müssten diese Orte deutschschreibender Dichter auch alle zu Deutschland gehören. Von daher sein Flennen, er habe nie in die Semper-Oper gedurft und ähnliches Entbehrungsseufzen - frei erfunden - wer in der DDR hätte Walser ein Einreisevisum verweigert?

Der weitere Weg bis zur Paulskirchenrede und die noch peinlichere anschliessende Diskussion mit Bubis unter FAZ-Schirrmachers Aufsicht sind bekannt. All das sucht Walser in seinem neuesten Roman hinter sich zu lassen. Den Schauplatz hat er schon einmal vom Bodensee weg nach München verlegt, dorthin, wo es am mondänsten ist. In Herrn von Kahn hat er sich einen Protagonisten ausgesucht, wie er noch keinen hatte. Die bisherigen Helden waren Handelvertreter gewesen, Professoren, Leiter spezialisierter Kleinbetriebe, alles Leute, die mehr oder weniger mit der Produktion verbunden waren. Als Vertreter etwa für bestimmte Zahnersatzmaterialien immerhin noch um deren Farbbeständigkeit und sonstige Haltbarkeit besorgt. In “Angstblüte” schämt sich Herr von Kahn geradezu, dass gewisse Werte, mit denen er handelt, immer noch in der entferntesten Weise auf Materie verweisen. Bergwerksaktien etwa.

Wenn es nach ihm ginge, sollte Geld sich nur auf Geld beziehen. Währungsspekulation ist ihm mit das höchste, Soros sein Angebeteter. In einer langen Ansprache am Ende des Romans gibt er seinen Neigungen in Form theorieänlicher Sprachgebilde Ausdruck.

“Auch Geld betreffend darf Aufklärung sein. Für Geld etwas kaufen, ein Haus, eine Zahnbürste, das ist immer noch Tauschhandel. Erst, wenn keine Gegenstände mehr stören, wenn Geld ganz bei sich selbst bleibt, wenn man durch richtige Fügung die Geldvermehrung bewirkt und das vermehrte Geld wieder dazu bringt, sich zu vermehren, erst da beginnt das Reich der Freiheit, beziehungsweise die Kunst oder was das gleiche ist, die Religion, die keinen reineren Ausdruck kennt als die Zahl, das Geistige schlechthin.” (S. 406)

Der Kapitalismus “eine Religion”, schreibt Benjamin in einer kurzen Notiz der zwanziger Jahre, “sans trêve et sans merci”, die die Verschuldung unablässig von einem zum anderen wälzt - ohne Feiertag und ohne Versöhnungsfest. “Sans trêve “ - ohne Waffenstillstand - “et sans merci” - ohne auch nur die Möglichkeit eines gnadenhaften Eingriffs, der den Gang der Verschuldung unterbräche. Was Benjamin vernichtend meinte, greift Walser triumphal auf. Sein von Kahn soll sich in den “selbstverwertenden Wert” einfühlen, ja dieser werden wollen. In diesem undurchführbaren Willen erscheint die ganze Welt dann so, als sei der Wert nicht die allerabgeleitetste Abstraktion, sondern gerade umgekehrt die innerste Substanz allen sich bewegenden Seins: ”Karl von Kahn und seine Kunden sind für das Lebendige: Zins und Zinseszins. Verbrauch ist banal. Das Leben will die Wieder- und Wieder- und Wiederanlage des Erworbenen” (S. 24).

Nachdem er solange die Zähigkeit des Einzelnen, des Verknorzten, auch Verhockten der kleinen Orte im Allgäu und hinter Radolfzell verteidigt hat gegen die gleichmacherische Gewalt dessen, was man damals noch lange nicht “Globalisierung” nannte, hat Walser jetzt die Seiten gewechselt. Er will jenen universellen und leeren Raum als bewohnbar erweisen, der - von unten gesehen - immer nur als lebensfeindlich und zerstörend empfunden worden war. Nur - wie das zeigen? Ein solcher Raum ist vom wahrnehmenden und empfindenden Wesen Mensch trotz allem immer nur als Begegnungsort von Kunden, Sekretärinnen, Experten, Adressen erster Wahl zur Kenntnis zu nehmen, niemals als Raum wie ein Zimmer oder ein Abhang. Also doch immer die Ansammlung verblasster Konkreta statt des Abstrakten selbst... Insofern bleibt der Hauptperson nichts übrig, als immer neu, immer wieder darüber zu predigen. Herr von Kahn hängt am Faden ewigen Erklärens und Selbsterklärens. Der Augenblick des Verstummens wäre der des Zerfalls.

Es hat sich herumgesprochen, dass “Angstblüte” auch die letzte Blume am dünnen Johannistrieb des alten Mannes bedeutet, die Verfallenheit an eine halb so alte Frau. Von Kahn ist 71, in dritter Ehe mit einer Ehetherapeutin zusammen, die allen andern helfen kann, nur der eigenen Verbindung nicht. Die junge Frau, wie alle vermuten, nur der bezauberte Mann nicht, will über das Bett zu Geld kommen: zwei Millionen für eine Filmrolle.

Das Drehbuch des Films wiederholt die Handlung dieses Betrugs. Die Pointe hier: Das verwertende Denken des Werts greift auf das Liebesleben über. Der Drehbuchautor erklärt: ”Die Künstler sind verführt, das Leben kaputtzumachen, wenn sie daraus Kunst machen” (S. 329). Leben - in diesem Fall das wirklich Geschehende, das zum Drehbuch werden muss, das dem gewinnbringenden Film auf die Beine hilft.

Dem Wortlaut nach eine Replik der Rede vom gefrässigen Bewusstsein, und vom Schönheitsverfallensein, das das Leben verzehrt, wie sie von Platon und Oskar Wilde und Thomas Mann immer wieder angestimmt wurde. Im Lichte des Werts indes noch anders zu verstehen. Das Abbild, das Zeichen - in diesem Fall der Film - zerstört dasjenige, worauf es sich bezieht: das Bezeichnete - also die Beziehung zwischen Kahn und der Schauspielerin.

Das folgt dem Wertgesetz, wie es wirklich gilt: im Licht des Werts und schliesslich des Preises verliert das von ihm bezeichnete Ding sein Unvergleichliches, wird austauschbar mit allem und jedem. Und von Kahn, angeblich triumphaler Weltenherrscher, ist nichts als kläglichster Tanzknopf im Wirbel leerer Zeichen. Die Welt ist ausgesogen, es bleibt die unendliche Leere.

In welchem Umfang das Walser selbst so sieht, kann für die Beurteilung nicht den Ausschlag geben. In einer Selbsterklärung am 24.7. in “Kulturzeit” stellte er sich selbst als zweiten von Kahn dar: So wie der Geld rafft um des Geldes willen, so schreibt er um des Schreibens willen. Und das Alter als Einwand lassen beide nicht gelten. Sie haben sich mal einen Juckreiz eingefangen und kommen nicht los davon, nicht bis zum letzten Atemzug.

Es muss auch gesagt werden, dass Walser seinen Geldmenschen nicht dicht genug gefasst hat. Vergleicht man mit Wolfes ”Fegefeuer der Eitelkeiten” oder den Film “Wall Street”, so fällt beim Amerikaner vor allem die ungeheure Hetze auf, das kalte Dauergefühl der Klinge an der Kehle. Im wütenden Hecheln an der Börse finden die Figuren dort keinen Augenblick, um mal über was anderes zu reden. Walsers Super-Bankier ist wie alle Walserfiguren grenzenlos ablenkbar, geschwätzig, wie ihr Autor voller Anekdoten und Kleingeschichten, die auch um von Kahn das Haus aus Hauch erbauen, in welchem alle Walserleutchen seit “Halbzeit” sich am wohlsten fühlen, erbaut aus immersummendem Parlando.

Auch ausserhalb des Bewusstseins von Kahns ist das Buch mit Reminiszenzen und Lesefrüchten vollgestopft bis zum Rand. Benjamin verweist ausdrücklich in seinem Essay über Goethes ”Wahlverwandschaften” auf heimlich Liebende, die - fast magisch - ihre Neigung durch gemeinsame Schwächen verraten: Hat der Mann auf der einen Schläfe Kopfweh, so Ottilie auf der andern. Schreibt er mit der Linken, so bald auch das Mädchen. Bei Walser parodistisch wiederholt: Tochter Fanny, mit einem stotternden Hennenfarmer verheiratet, der erfolglos das blinde Huhn züchtet, stottert alsbald im Gleichklang. Oder Selbstzitat aus besseren Jahren: Im Roman “Brandung“ gab es schon die Kombination alter Mann und junge Frau mit weh zuschauender Ehefrau. Statt des Herzinfarkts, den Kahn im Jugendlichkeitswahn vor seiner Geliebten sich zuzieht, gibt es in “Brandung” einen komplizierten Knochenbruch beim allzu vehementen Beeindruckungs-Balz-Tanz. Wie wir alle zehrt Walser von den Vorräten.

Nur dass diese oft mit dem Wellholz bearbeitet werden. In einem frühen Werk, den “Ehen in Philippsburg”, beim Anblick einer Sekretärin fragt sich der damals junge Journalist, mit wem sie es schon gehabt hatte. ”Er stellte in Gedanken eine Reihe von Männern auf… Dann studierte er die Merkmale dieser Männer. Wahrscheinlich waren es Jounalisten gewesen, drei Journalisten vielleicht, ein Bildreporter, ein festangestellter Redakteur und ein Storyschreiber, dann vielleicht noch ein Schauspieler, ein Referendar… Nein, mehr durften es nicht gewesen sein, sonst konnte er es nicht mehr übersehen, fünf reichten wirklich aus für eine Zweiundzwanzigjährige”. Aus dieser kurzen Liste werden fünfzig Jahre später im Roman “Angstblüte” viele, viele Seiten. Immer wieder das Verhör, wie war der, wie der… Ein Leporello für die eifersüchtig Umworbene, dem vor Angst seine Arie in der Kehle stecken bleibt. Zu lang, zu ausführlich für leserisches Mitgefühl.

Insgesamt ein beachtliches Experiment, den Geldmenschen mit Fleisch und Blut auszustatten, das mehr Ansatz als Vollendung bleibt. Von Kahn kommt aus dem Laboratorium nie heraus.

Fritz Güde / kritisch-lesen.de

Martin Walser: Angstblüte. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek, 2006. 480 Seiten, 27 SFr, ISBN 978-3-498-07357-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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