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Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean Regentropfen auf der Uniform

Belletristik

Warum das Ringen um das grosse Ganze oft mit sehr persönlichen Erfahrungen verbunden ist, lässt sich am besten in Romanform erzählen.

Manès Sperber (links im Bild) um 1960.
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Bild: Manès Sperber (links im Bild) um 1960. / OstWest (CC BY-SA 4.0 cropped)

11. März 2019

11. 03. 2019

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In der Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ (erschienen 1961) wendet sich Manès Sperber, ein Kommunist und Überlebender, den mit der russischen Oktoberrevolution verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen zu. Der im damals österreichischen Galizien geborene Autor (1905-1984) verarbeitet in den Romanen vor allem eigene Erfahrungen.

Bereits der erste Roman „Der brennende Dornenbusch“ (1948) führt die Lesenden in die konspirative Arbeit der Kommunistischen Partei (KP) und die Mittel, ohne die sie nicht möglich gewesen wäre: Passphrasen, doppelte Kofferböden und Decknamen. Die politische Arbeit der KP-Mitglieder um den Protagonisten Dojno Faber wird zunehmend schwieriger. Entscheidungen werden von der Moskauer Führung getroffen, auch wenn diese längst nicht mehr nachvollziehen kann, was sich im Inneren Deutschlands abspielt.

Der Generalstreik der deutschen Arbeiter*innen gegen die erstarkenden FaschistInnen bleibt auf Stalins Befehl aus. Die Genoss*innen setzen die politische Arbeit in der Illegalität fort. Oder sollten sie bereits emigrieren? Doch sind nicht nur die Zuchthäuser, Konzentrationslager und Gestapo-Gefängnisse der FaschistInnen zu fürchten. Wie viel Zeit bleibt, bevor sie als „Abweichende“ und „Feinde“ von der Parteiführung ausgeschaltet werden?

Selbst der junge, linientreue Josmar Goeben, ein Genosse Fabers, findet bald keine „einfache“ Anleitung mehr für ein richtiges, revolutionäres Handeln. Wer wird das nächste Opfer der Säuberungen sein, wer wird zum Täter? Es scheint für den Protagonisten Faber zu einem Schachspiel zu werden, zu überlegen, wem er vertrauen kann. Er muss eine Entscheidung zwischen seiner Loyalität zur Kommunistischen Partei und seinen politischen Idealen treffen. Begegnungen auf Augenhöhe

Die politischen Ereignisse während der Machtergreifung der Nazis werden in dialektgefärbten Gesprächsfetzen aus Perspektiven von Genoss*innen und Arbeiter*innen, denen Faber während seiner Reisen quer durch Europa begegnet, kommentiert:

„Warum sagen es [die Gewerkschaften] aber jetzt nicht, wo der Augenblick [zum Streik] gekommen ist?“
„Weil er ehmt nich jekommen is. Det is doch klar.“
„Nischt is klar! [...] eines Tages wirste aufstehen und Deutschland wird faschistisch sein!“
„Det jloob ick eenfach nicht.“ (S.146)

Sperber beschreibt ungeschönt und detailliert nah Menschen und Schauplätze: Man spürt den dichten Regen vor den ungeputzten Scheiben dunkler Treppenhäuser, in welchen die Verhaftung der Kuriere droht, die nüchterne Abgegessenheit der Arbeiter*innen mit ihren schlechten Lebensumständen oder auch die wachsende Entschlossenheit der Nazis, ihre Vorhaben in neuen glänzenden Uniformen brutal umzusetzen.

Noch streiten Faber und sein alter Mentor Stetten in Wien zärtlich über revolutionäre Ziele und die Wege ihrer Kompromittierung. Die sich bis in die Peripherien Europas spannende Handlung zeichnet allmählich auch eine innere Karte des Protagonisten Dojno Faber. Dieser kann nach Emigration und Bruch mit der KP im immer aussichtsloser werdenden Kriegsverlauf und der beginnenden Vernichtung nur noch hoffen, durch den Kampf an der Seite kroatischer Partisan*innen wenigstens einen Funken der revolutionären Idee für die Nachwelt zu bewahren. Der Handlungsverlauf muss in der Katastrophe, der Shoah, enden. Die Bücher verhandeln das Verhältnis des Protagonisten zu seinen eigenen Idealen (Was lohnt es, dem revolutionärem Ziel geopfert zu werden?) und die Bedeutung der damit verbundenen Dilemmata für sein eigenes Leben als jüdischer Revolutionär (Welchen Verlust kann ein Mensch ertragen?).

Auch lange Wege lohnen sich

Mit ihren insgesamt über 1000 Seiten wirkt die Trilogie zunächst monumental. Die Fülle an Personen und Handlungssträngen macht es den Leser*innen nicht leicht, den Überblick zu behalten. Sie eröffnet dennoch viele und vor allem komplexe Perspektiven auf das Zeitgeschehen. Schade ist, dass weibliche Figuren zu Beginn überwiegend schlecht wegkommen. Es lohnt sich dennoch durchzuhalten, da die facettenreiche Abrechnung mit dem Stalinismus eine Diversität revolutionärer Beziehungen und Biografien, auch von Frauen, aufzeigt und auch vor dem Hintergrund faschistischer Grausamkeit die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft nicht aufgibt.

Anstelle mancher heute oft faktisch oder schwarzweiss gehaltener Rückblicke auf die Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts eröffnen Sperbers Romane eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen, welche ehrlich aber auch zärtlich von den Kontroversen im Handeln der Revolutionäre berichtet. Dass dies auch ihre persönlichen Beziehungen einschliesst, ist eine besondere Stärke des Werkes.

Maria Gleu / kritisch-lesen.de

Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean. Romantrilogie. 13. Auflage. dtv, München 2014. 1033 Seiten. ca. SFr 25.00 ISBN 9783423128353

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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