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Libuše Moníková - Die Fassade | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Libuše Moníková - Die Fassade Glänzende Parabel über die Rolle der Kunst

Belletristik

Der 1987 von der tschechischen Autorin Libuše Moníková veröffentlichte Roman „Die Fassade“ ist ein intensives Werk, welches in die tiefen Abgründe verschiedener tragischer Künstlerexistenzen und die dramatische und reichhaltige Geschichte ihres Landes blicken lässt.

Schloss Friedland i.
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Bild: Schloss Friedland i. Böhmen (im Hintergrund) galt als Vorlage für Kafkas Roman «Das Schloss». / Karl Gebauer (PD)

22. März 2020

22. 03. 2020

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Die Handlung der Geschichte könnte symbolischer nicht sein. Vier Prager Künstler restaurieren im Auftrag des Denkmalschutzamtes unter der kommunistischen Regierung mühevoll die Fassade des Schlosses in Friedland im tschechischen Böhmen, genau jenes Bauwerk also, welches Kafka 1922 für sein legendäres Romanfragment „Das Schloss“ als Vorbild nahm. Unermüdlich klettern die Helden in der Geschichte von Moníková allmorgendlich auf ihr Gerüst, um ihre kräfteraubende Arbeit auszuführen. Dabei nehmen sie es mit der Erneuerung der Motive an der geschichtsträchtigen Fassade nicht immer so genau und fügen freimütig ihre eigenwilligen Interpretationen der Renaissance-Allegorien hinzu. Zwischen den althergebrachten Fresken (Sträucher, Blumen, Gemüse) tauchen die wildesten Eigenkompositionen der Künstler auf. Die eingebauten Luftschiffe, Eisenbahnwagen oder Walfisch-Motive bringen ihnen wiederum einen nie enden wollenden Zwist mit der Denkmalschutzbehörde ein.

Sisyphos-Arbeit

Da die restaurierten Sgraffiti nach vier Jahren von der Industriewitterung bereits wieder angefressen sind, handelt es sich bei der Erneuerung der Renaissancefassade um die perfekte Sisyphos-Arbeit, die ja bekanntlich nie enden will. Dabei sind die böhmischen Künstler alle bereits im fortgeschrittenen Alter und die mühseligen Anstrengungen der körperlichen Arbeit machen sich bemerkbar. Sie kämpfen mit Rücken- oder Gelenkschmerzen, die Augen tränen, zucken und schmerzen, die Hände sind starr. Auch der Zustand ihrer Behausung lässt zu wünschen übrig. Monatelang ringen sie unter Einsatz der letzten Kräfte mit dem unsympathischen Schlossverwalter (Mitglied der Partei) um eine zusätzliche Heizung für ihre spärliche, feuchte, vom Schimmel befallene Baracke. Hinzu kommt, dass die Arbeit miserabel bezahlt ist und sich das dürftige Geld meist erstaunlich schnell in den Wirtshäusern der Umgebung verflüssigt.

Reise durch die Sowjetrepubliken

Eine Einladung russischer Professoren führt die vier tschechischen Künstler auf eine lange, chaotische Reise durch die ehemaligen Sowjetrepubliken, wo sie endlose Diskussionen mit existentialistischen Intellektuellen führen, Alkoholexzessen durchleben und Drogentrips mit einheimischen Psilocybin-Pilzen erfahren. Spätestens hier gerät der unter kommunistischer Sowjetherrschaft ohnehin schon in gröbere Schieflage geratene historische Materialismus definitiv bedrohlich ins Wanken. Die Künstler erleben im Hinterland des real-existierenden Parteikader-Kommunismus eine Parallelwelt, in der die Liebe und Hingabe zur Linguistik genauso ihren Platz hat wie das Matriarchat eines in den ewigen Eiswüsten des russischen Hinterlandes gelegenen Inuit-Dorfes.

Am Ende der abenteuerlustigen, entbehrungsreichen Reise kehren die entkräfteten Heldenfiguren zurück an ihre Fassade ins tschechische Böhmen. Das Hamsterrad beginnt wieder zu drehen und die peniblen Restaurations-Arbeiten werden wieder aufgenommen. Natürlich nicht, ohne ihre eindrücklichen Reiseerlebnisse in die klassischen Fresken des Schlosses Friedberg einzuarbeiten.

Die Ästhetik des Widerstands

Was unter dem Strich bleibt ist der trotzige und hilflos anmutende Versuch, mit Hilfe verbaler und artifizieller Dekonstruktion einer düsteren, ausweglos erscheinenden realsozialistischen Wirklichkeit mit ihren post-stalinistischen Sowjetstrukturen eine gesellschaftliche und kulturelle Perspektive entgegenzustellen. Nicht zu Unrecht wird Moníkovás Roman in diesem Zusammenhang auch mit Peter Weiss‘ wegweisendem Werk „Ästhetik des Widerstands“ in Verbindung gebracht.

Libuše Moníková schreibt intelligent und tiefsinnig, meistens witzig, immer begleitet mit einem leisen Unterton der Ironie. Dabei wechseln sich haarsträubende Geschichten mit mythischen Erzählungen in zum Teil rasendem Tempo ab. Das ist meistens atemberaubend, zuweilen auch grotesk und immer wieder komplett unberechenbar. Ihrer Beschäftigung mit Kafka verdanke sie die Einsicht, dass „Sprachmangel unter Umständen zur Stärke werden kann, zur Stärke des Ausdrucks, weil kein Wort selbstverständlich, in seiner Bedeutung gesichert erscheint, jedes ist neu, und die Verantwortung trägt der Autor, ich schreibe, indem ich mich in der Sprache durchtaste, manchmal an Bedeutungen heran, die bis zur Niederschrift unbewusst bleiben.“ So äusserte sich die Autorin 1989 zu ihrer teilweise doch sehr eigentümlichen und in diesem Kontext durchaus auch subversiven Sprachwahl.

Das Buch, welches im Jahr der Veröffentlichung mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, pendelt zwischen Abenteuer- und Rebellenroman, verweigert sich aber durch seine unkonventionelle Einzigartigkeit strikte jeglicher Kategorisierung. Ganz sicher aber handelt es sich bei „Die Fassade“ um ein aussergewöhnlich wertvolles Stück Literatur, welches erfüllt ist von intensiver Melancholie und ansteckender Lebenslust, die dergestalt in solch einzigartiger Form wohl nur in der unverwechselbaren slawischen Kultur zu finden ist.

Ricardo Tristano

Libuše Moníková - Die Fassade. Dtv 1997. 440 Seiten. ca. 14.00 SFr. ISBN 978-3423124737

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